• The Wall Street Journal

Chávez siegt bei Wahlen in Venezuela

    Von KEJAL VYAS und JOSÉ DE CORDOBA
AFP/Getty Images

Venezuelas Präsident Hugo Chávez begrüßt Anhänger nach seiner Stimmabgabe am Sonntag. Er holte 54,4 Prozent der Stimmen.

CARACAS—Venezuelas langjähriger Präsident Hugo Chávez hat am Sonntag mit deutlichem Vorsprung die Wahl in seinem Land gewonnen und wird damit seinen sozialistischen Wirtschaftskurs für weitere sechs Jahre fortsetzen können. Die Abstimmung galt als bedeutendster Test für Chávez, der seit 14 Jahren an der Spitze des ölreichen Staates steht. Analysten hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorausgesagt.

Aber es kam anders: Wie die nationale Wahlbehörde CNE am frühen Montagmorgen deutscher Zeit mitteilte, holte Chávez' Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas 54,4 Prozent aller Stimmen. Sein politischer Rivale Henrique Capriles kam auf 45 Prozent. 90 Prozent aller Stimmzettel sind ausgezählt.

Nach Bekanntgabe des Ergebnisses brach auf Venezuelas Straßen Jubel aus. Die Anhänger des Präsidenten trugen rote Hemden, zündeten Feuerwerke, schwenkten die Nationalflagge und riefen „Es lebe Chávez".

„Der Präsident berührt unsere Herzen"

„Die Menschen hier identifizieren sich mit dem Präsidenten, er ist ein Mann, der unsere Herzen berührt", rief David Romero, ein Sozialarbeiter im mittleren Alter. Chávez habe den Menschen am Boden der Gesellschaft geholfen und „die Leute zahlen es ihm mit Liebe zurück".

Herausforderer Capriles räumte die Niederlage ein und gratulierte Chávez zum Wahlsieg. „Das Volk hat gesprochen und dessen Wort ist heilig", sagte er.

Noch in der Nacht trat Chávez umringt von seinen Töchtern und Fans auf den Balkon des Regierungssitzes. Ganz in Rot gekleidet sang er die Nationalhymne Venezuelas. Er reiche der Opposition „diese beiden Hände und mein Herz", rief Chávez und sagte, dass die Bürger Venezuelas ein Leben in Frieden verdient hätten.

AP

Ein Mann und eine Frau haben ihr Motorrad mit der venezolanischen Flagge geschmückt.

Capriles, ein junger gemäßigt-konservativer Politiker, hatte den 29 Millionen Menschen in Venezuela einen tiefgreifenden Wandel versprochen. Am Ende holte er zwar das beste Wahlergebnis für eine Oppositionspartei seit Chávez' Amtsantritt im Jahr 1998. Aber die hohen Erwartungen - vor allem in den USA - erfüllte er letztlich nicht. Die Wahlbeteiligung lag mit 81 Prozent überraschend hoch, teilte die Wahlbehörde mit.

Chávez, ein früherer Oberstleutnant der venezolanischen Armee und selbst ernannter Sozialrevolutionär, dürfte nun erheblich gestärkt seine Politik der Verstaatlichung fortsetzen können. Er hat angekündigt, mehr Staatsgeld an die Städte und Gemeinden weiterzuleiten, damit diese ihre Sozialprogramme besser umsetzen können. Kritiker halten das für gefährlich und sagen, es würde die Regierungsfähigkeit demokratisch gewählter Bürgermeister aushöhlen.

In den vergangenen Jahren hat Chávez die Andennation schon erheblich umgekrempelt. Er brachte weite Teile der Wirtschaft von der Stromversorgung bis zur Zementindustrie unter staatliche Kontrolle und besetzte Gerichte und Fernsehanstalten mit politischen Gefolgsleuten. Die Bevölkerung Venezuelas gilt als tief gespalten. Die einen halten Chávez für einen Kämpfer für die Armen, die anderen für jemanden, der den Ölreichtum des Landes miserabel verwaltet.

Im Ausland – von China bis Brasilien – hatte man den Wahlausgang aufmerksam verfolgt. Venezuela sitzt auf den größten Ölreserven der Welt, und Chávez hat sich mit seiner Politik der Verstaatlichung zunehmend als ideologischer Vorreiter und auch als Geldgeber für eine Reihe anderer populistischer Regierungen in Ländern wie Argentinien, Bolivien, Kuba, Ecuador und Nicaragua hervorgetan. Kuba und einige andere kleinere Staaten in der Karibik bekommen aus Venezuela Öl zu erheblich niedrigeren Preisen. Das Land pflegt enge Finanzbeziehungen zu China, kauft Waffen aus Russland und macht starke Propaganda gegen die USA.

Launige, stundenlange Fernsehauftritte

Bei den Bürgern kommt Chávez mit seiner Ausgabenpolitik an. Aber auch mit seinen launigen Fernsehauftritten, bei denen er oft stundenlang redet, Witze erzählt und Lieder singt, hat er sich einen Platz im Herzen vieler Bürger erobert. Vor allem jene, die in den Elendsvierteln entlang der Hügel von Caracas leben, schätzen ihren Präsidenten.

Kritiker loben Chávez Sozialpolitik, mit der er die Armen in den Mittelpunkt der Wirtschaftsprogramme stellte. Zuvor hatten sich Regierungen in Venezuela selten um die Bedürftigsten gekümmert.

Allerdings haben die vielen Sozialausgaben auch ihre Spuren hinterlassen. Die Teuerungsrate in Venezuela zählt mit 21 Prozent zu den höchsten der Welt und wegen strikter Preiskontrollen sind einige Grundnahrungsmittel wie Milch schon knapp. Der private Wirtschaftssektor ist nach einer Welle an Verstaatlichungen fast ausgeblutet. Die Importe steigen, auch das Haushaltsdefizit wächst. Beobachter rechnen deshalb damit, dass Chávez in den nächsten Monaten die Währung abwerten wird.

In den vergangenen zehn Jahren hat Venezuela, das auf den größten Ölreserven der Welt sitzt, mit Öl fast 1 Billion Dollar eingenommen. Aber während andere rohstoffreiche Nationen enorme Verbesserungen in den Lebensbedingungen seiner Bürger vorweisen können, hat sich Venezuela Kritikern zufolge trotz der Bonanza kaum verändert. Erst im vergangenen Jahr begann sich das Stadtbild von Caracas zu verändern, weil die Regierung neue Wohnblöcke für die Armen bauen ließ.

Offen ist noch, wie es tatsächlich um den Gesundheitszustand des Präsidenten bestellt ist. Er erkrankte vor zwei Jahren an Krebs, sagt aber von sich selbst, dass er vollständig geheilt sei. Die Regierung hat keine weiteren Informationen über seinen Gesundheitszustand veröffentlicht, was einige Venezolaner zweifeln lässt, dass mit ihrem Staatsoberhaupt wirklich alles in Ordnung ist.

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