• The Wall Street Journal

Thailands riskantes Spiel mit dem Reispreis

    Von JAMES HOOKWAY

In dem kleinen Dorf Kok Chang in Thailand, in dem vor allem Reis angebaut wird, gab es seit Jahren nicht mehr so viel Geld. Der Bauer Vichien Pornlamchiak rechnet damit, dass er in diesem Jahr 20.000 US-Dollar verdienen könnte – das ist für ländliche thailändische Verhältnisse eine große Summe. Seine Freundin Surin Wongkrakjang schätzt, dass die Verkaufszahlen in ihrem Restaurant, das neben einem buddhistischem Tempel liegt, im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen sind. Die Bauern aus der Umgebung geben ihr Geld für scharfe Nudelsuppe aus.

Es gibt aber ein Problem: Weil es der Staat ist, der Reis kauft, weiß niemand wie lange die guten Zeiten andauern werden. Die Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra hat die milliardenschweren Subventionen kurz nach ihrer Wahl im vergangenen Sommer eingeführt, um Geld ins Landesinnere zu bringen. Denn in den ländlichen Gegenden sind die Einkommen niedriger als in den Städten.

James Hookway/The Wall Street Journal

Der Reisbauer Vichien Pornlamchiak verdient gut - solange die thailändische Regierung Reis aufkauft.

Die Idee war ehrgeizig. Die Regierung wollte Thailands traditionelle Position als weltgrößter Reisexporteur dazu nutzen, um den globalen Markt zu beeinflussen – indem man die Vorräte hortet, anstatt sie im Ausland zu verkaufen. Das sollte die Preise weltweit nach oben treiben und den thailändischen Bauern über Jahre einen besseren Lebensstandard sichern, während sich die Regierung langsam aus dem Markt zurückzieht. Bisher hat sie für acht Milliarden Dollar Reis gekauft. In dieser Woche wurde ein Plan genehmigt, weitere 7,8 Milliarden Dollar für Reis, der zwischen Oktober und Januar geerntet wird, auszugeben. Das sind zwei Prozent der gesamten thailändischen Wirtschaftsleistung.

"Thailands Pläne gehen völlig nach hinten los", sagt Samarendu Mohanty, Chefagraranalyst am International Rice Research Institute auf den Philippinen. „Die Politik hätte gut funktionieren können, wenn es anderswo eine schwere Dürre gegeben hätte, aber andere Länder haben ihre Produktion erhöht." Während Thailand versuchte, das Reisangebot für den globalen Markt zu begrenzen, trieben andere Länder die Produktion von billigerem Reise für den internationalen Handel und für den heimischen Verbrauch nach oben. So bleibt Thailand ein wachsender Vorrat, an dem nur wenige ausländische Käufer interessiert sind. Das Experiment zeige, wie Regierungen bei dem Versuch den komplexen Weltmarkt zu beeinflussen stolpern können, sagen Analysten aus der Reisbranche.

James Hookway/The Wall Street Journal

Die Regierung in Thailand hat bisher für acht Milliarden US-Dollar Reis gekauft.

Regierungsvertreter sagen, dass sie gehofft hatten, die Reisbestände zu einem höheren Preis zu verkaufen, indem sie das Angebot verringern. Aber einige geben unter vier Augen zu, dass sie nicht davon ausgegangen waren, dass Indien nach mehreren Jahren wieder auf den Exportmarkt zurückkommt. Ebenso wenig glaubten sie, dass die Philippinen, die jahrelang der größte Importeur der Welt waren, die heimische Produktion drastisch erhöhen würden. Das Land will bis 2013 seinen Reisbedarf selbst decken.

Etwa 28 Prozent der 35 Millionen Tonnen Reis, die 2011 weltweit exportiert wurden, kamen aus Thailand. Da nur ein relativ kleiner Anteil an Reisbeständen – etwa sieben Prozent der gesamten Produktion – international gehandelt wird, ist der Einfluss von Thailand auf die Weltmarktpreise noch stärker.

Exporte werden wohl in diesem Jahr fallen

Die Welternährungsorganisation FAO erwartet, dass die Exporte in diesem Jahr auf 34,2 Millionen Tonnen fallen werden. Die Länder, in denen viel Reis konsumiert wird, versuchen ihren Bedarf selbst zu decken – nachdem sich die Preise am Weltmarkt 2008 vervierfacht hatten. Der Preisschock trat ein, nachdem Indien im Rahmen eines Programms zur Armutsbekämpfung von Weizen auf Reis umgestiegen war und alle Exporte – abgesehen von Basmatireis – gestoppt hatte. Das trieb andere Länder wie die Philippinen dazu an, viel zu kaufen.

Aber nun, da einige Länder ihre Produktion beschleunigen, bleiben die Preise relativ stabil. Das könnte für die thailändische Regierung einen riesigen Verlust bedeuten. Um die Ausgaben wieder auszugleichen, müsste sie eine Tonne für etwa 800 Dollar verkaufen, wenn die Kosten für das Mahlen und Lagern berücksichtigt werden, sagen Händler. Im Vergleich: Vietnamesischer Reise kostet etwa 400 Dollar, thailändischer Reis 600 Dollar.

Eine Gruppe berühmter Wissenschaftler zweifelt die Legalität der Reispolitik der Regierung in einer Petition an das Verfassungsgericht an. Sie vertritt die Auffassung, dass sie mit verfassungsrechtlichen Vorgaben bricht, nach denen der Staat eine freie und faire Marktwirtschaft unterstützt.

Premierministerin Yingluck Shinawatra sagte, dass sie die Subvention fortsetzen will. „Wir verstehen, was das für Auswirkungen hat und dass die Menschen besorgt sein könnten", sagte sie vergangene Woche in einem Interview in New York. Das Programm trage aber dazu bei, die Nahrungsmittelsicherheit in Thailand zu verbessern.

Währenddessen schwindet Bangkoks Einfluss auf den Weltmarkt. Das Exportvolumen ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um fast die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Analysten fragen sich, ob Thailand sich wieder an die Spitze kämpfen kann.

In den vergangenen vier Jahren ist die globale Produktion von geschältem Reis nach Angaben der FAO um 4,3 Prozent gestiegen, während die Preise für vietnamesischen Reis (Vietnam ist nun der größte Verkäufer) um ein Drittel zurückgegangen sind.

Manager aus der thailändischen Reisbranche überraschten mit der Ankündigung, dass Thailand nun billigeren Reis aus den Nachbarländern Kambodscha und Vietnam für den Heimatmarkt kaufe.

Bauern wie Viechien aus Kok Chang sorgen sich, dass das Regierungsprogramm mehr schadet als hilft. Obwohl Regierungsvertreter angekündigt haben, dass sie weiterhin ungeschälten Roh-Reis für etwa 500 Dollar pro Tonne kaufen werden, fürchtet Viechien, dass Bangkok die Kosten dafür nicht mehr lange übernehmen kann. "Ich habe Angst davor, dass sie aufhören zu kaufen. Was passiert dann mit uns?" fragt der 75-Jährige.

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