• The Wall Street Journal

Hans-Werner und der Unsinn vom nötigen Griechen-Austritt

    Von HANS BENTZIEN
[image] dapd

In seinem Buch "Die Target-Falle" legt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn seine Sicht der Euro-Krise dar. Einige Ökonomen halten seine Schlussfolgerungen für falsch.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener ifo-Instituts und Entdecker der Target-Salden, ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Ökonomen, er ist neuerdings auch einer der beliebtesten. Seine volkswirtschaftlichen Analysen führen Sinn nämlich zu Forderungen, wie sie auch an Stammtischen zu hören sind. Doch die sind teilweise falsch, wie andere Ökonomen meinen.

Der ifo-Chef wünscht sich etwa, dass kriselnde Südländer, wie Griechenland oder Portugal, aus der Eurozone austreten. Das, so behauptet Sinn auf seinen Vortragsreisen und in seinem aktuellen Buch „Die Target-Falle", wäre nur zu ihrem Besten. Ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Währungsverbunds könnten sie nämlich nur unter unerträglichen Belastungen verbessern. Andere Ökonomen finden, dass ihr Kollege zur Messung der Wettbewerbsfähigkeit die falschen Größen verwendet. Und sie finden auch, dass seine Forderungen zu weit gehen.

Sinns Ausgangsthese geht kurz gesagt so: Einige Länder in Südeuropa haben nach der Einführung des Euro im Jahr 2002 drastisch an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren. Sie importierten immer mehr und exportierten immer weniger. Und seit einigen Jahren leiht ihnen niemand mehr das Geld für diesen Konsum. Außerdem verschieben immer mehr Bürger aus diesen Ländern ihr Geld in den Norden.

Eigentlich hätten die Südländer eine Zahlungsbilanzkrise, sagt Sinn. Doch die wirkt sich nicht aus, weil die Europäische Zentralbank einspringt und die Geldversorgung übernimmt. Das spiegelt sich schließlich im Anstieg ihrer Target-Verbindlichkeiten wider, denen wiederum deutsche Target-Forderungen gegenüber stehen.

Preislich nicht wettbewerbsfähig

Hans-Werner Sinn fordert nun: Diese Politik der Geldversorgung muss aufhören, weil sie die Südländer von den Reformen abhält, die erforderlich sind, damit sie ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Um seine These zu untermauern, operiert der Münchener Ökonom mit furchterregenden Zahlen. So beziffert er den Abwertungsbedarf Griechenlands gegenüber dem Eurozonen-Durchschnitt auf 30 Prozent.

Will sagen, um fast ein Drittel muss das Preisniveau runter, damit das Land wieder wettbewerbsfähig wird. Und Sinn sagt auch, dass Griechenland (wie andere Länder auch) noch nichts von dem Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen haben, die es nach der Euro-Einführung erlitten hat.

Sinns beliebtestes Beispiel ist aber Griechenlands Wettbewerbsnachteil gegenüber der Türkei. Das brachte er anlässlich der Vorstellung seines Buchs „Die Target-Falle" erst kürzlich wieder im Deutschlandfunk: „Sie haben das gleiche Wasser, die gleichen Tempel, das gleiche Essen. Das geht einfach nicht. Sie müssen um mindestens 40 Prozent runter mit ihren Preisen." Man könne Griechenland knebeln - was man mit den Sparprogrammen auch schon tue - und trotzdem fielen die Preise für Güter verglichen mit anderen Ländern der Eurozone nicht.

Nun ist Griechenland in mancherlei Hinsicht ein Extremfall unter den südeuropäischen Ländern, etwa im Hinblick auf die Qualität seiner statistischen Daten. Aber trotzdem traut sich Commerzbank-Volkswirtin Ulrike Rondorf die Aussage zu, dass die Lohnstückkosten Griechenlands seit 2009 spürbar gesunken sind - und wohl noch weiter sinken werden, weil die Nominallöhne zurückgehen werden. Genauere Aussagen sind wegen der Datenqualität ein Problem. Die Volkswirtin widerspricht damit der Einschätzung Sinns, bei der Wettbewerbsfähigkeit habe sich noch gar nichts bewegt.

Am Beispiel Griechenland zeigen sich gleich zwei Probleme der Argumentationskette von Professor Sinn. Zum einen legt er seiner Argumentation das Beispiel Griechenland zugrunde, spricht dann aber gerne von „den Ländern" die den Euro vorübergehend verlassen sollten. Wen genau er meint, lässt er offen. Aber es lässt sich unschwer erraten, dass er auch Portugals Euro-Austritt im Blick hat.

Auch Portugal sieht Sinn als Problem

Sinn nennt das Land nicht explizit, aber führt es gern in einem Atemzug mit Griechenland auf, wenn er ein Beispiel für einen besonders hohen Abwertungsbedarf benötigt: Der ist laut Sinn im Fall von Portugal mit 35 Prozent nämlich noch höher als der von Griechenland. Und wenn er bei Vorträgen gerade beim Aufzählen ist, dann folgen auch gleich noch Spanien und Frankreich mit je 20 Prozent Abwertungsbedarf.

Reuters

Sinn sieht in einem Austritt aus dem Euro den einzigen Weg für Griechenland, einem wirtschaftlichen Desaster zu entgehen.

Zum zweiten, und das kreiden ihm andere Ökonomen an, verwendet er zur Messung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit die falsche Größe - nämlich den BIP-Deflator. Er gibt an, welcher Teil der Wirtschaftsleistung eines Landes auf reine Preissteigerungen zurückzuführen ist – im Falle Griechenlands handelt es sich um einen Milliardenbetrag.

Warum Sinn das tut, versteht kein Fachkollege. Denn die preisliche Wettbewerbsfähigkeit ist ja vor allem im Außenhandel interessant. In den meisten Industrieländern entfallen inzwischen aber rund zwei Drittel des BIP auf Dienstleistungen, von denen das Gros nicht exportiert wird.

„Der von Sinn verwendete BIP-Deflator bezieht die Dienstleistungen aber vollständig mit ein. Daher sehen wir es kritisch, wenn die internationale Wettbewerbsfähigkeit vorwiegend an dieser Größe gemessen wird", sagt Jürgen Matthes, Spezialist für Internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Das Problem der Messgrößen

Nach seiner Aussage gibt es zwar keine perfekte Methode, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu messen, doch hat man sich für den realen effektiven Wechselkurs auf Basis der Exportpreise entschieden. Und zwar den realen effektiven Wechselkurs im Vergleich zu den jeweils wichtigsten Handelspartnern, nicht statisch gegenüber dem Eurozonen-Primus Deutschland.

Sinn beharrt aber auf dem BIP-Deflator und lehnt die Lohnstückkosten als Messgröße ab. Denn seiner Meinung nach sinken letztere alleine schon dadurch, dass in einer Krise die schwächsten Unternehmen zuerst dichtmachen. „Das ist ein reines statistisches Artefakt, davon können sich diese Länder gar nichts kaufen", argumentiert Sinn.

Volkswirte räumen zwar durchaus ein, dass die alleinige Beobachtung der Lohnstückkosten problematisch wird, wenn beispielsweise gleichzeitig die Produktion zurückgeht. Aber Sinns Rechnungsweise, und vor allem die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen, lehnen doch viele von ihnen ab.

Zum Beispiel Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil. Er stützt sich bei einer vor kurzem angestelltem Analyse auf die Lohnstückkosten und vertritt die Einschätzung, dass die Peripherieländer mit Ausnahme Italiens und Griechenlands den mit der Euro-Einführung erlittenen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit schon zu mehr als der Hälfte wettgemacht haben. Seit 2009 stagnierten dort nämlich die Stundenlöhne oder gingen sogar leicht zurück.

„Die Rezession und der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit haben die Verhandlungsposition der Gewerkschaften geschwächt", erläutert Weil. „Zum anderen haben viele Peripherieländer die Löhne der öffentlich Beschäftigten gekürzt, um ihre Staatshaushalte zu entlasten." Weil glaubt, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzen wird und führt Spanien und Portugal als Beispiele an, wo der Prozess der Lohnfindung liberalisiert worden sei.

Kollegen widersprechen Sinns Auffassung

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt IW-Volkswirt Matthes, er sieht sogar Fortschritte in Athen. Gemessen am Wechselkurs auf Basis der Lohnstückkosten hätten Griechenland und Spanien Stand 2011 ihren seit der Euro-Einführung erlittenen Wettbewerbsnachteil schon halbiert, sagt er. Doch Matthes geht noch weiter. Die Länder im Süden müssten ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit gar nicht voll zurückgewinnen, argumentiert er – ihre Leistungsbilanzdefizite ließen sich auch anders reduzieren.

So war Spaniens Handelsbilanz schon 2011 nahezu ausgeglichen, obwohl die Fortschritte beim Abbau der Wettbewerbsnachteile nur beschränkt waren. „Portugal und Griechenland, wo die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit noch langsamer fortschreitet, haben immerhin schon mehr als eine Halbierung ihres Handelsbilanzdefizits erreicht", argumentiert Matthes. Hans-Werner Sinn nimmt diese Fakten nicht zur Kenntnis.

Außenhandelsüberschüsse brauchen die Peripherieländer vor allem, um ihre Auslandsverschuldung zumindest zu stabilisieren, wenn nicht gar zu senken. Letztere ist entstanden, weil spanische Unternehmen und Konsumenten und nicht zuletzt der spanische Staat von Krediten lebten, die in hohem Maße aus dem Ausland kamen. Das ist das Wesen des Leistungsbilanzdefizits. Wie viel müssten die Länder noch leisten, um die Auslandsverschuldung zu stabilisieren? IW-Ökonom Matthes glaubt, dass der Weg dahin weniger weit ist als bisweilen angenommen.

Das gilt vor allem für Spanien, dessen Handelsbilanzsaldo sich nur noch wenig verbessern muss, damit die Auslandsverschuldung zumindest nicht weiter steigt. Weniger gut steht Griechenland da, dessen Handelsbilanzsaldo sich noch um einen Wert verbessern müsste, der 5,6 Prozent seines BIP entspricht. Im Falle Portugals sind es 3,7 Prozent. In Griechenland war der Anpassungsbedarf aber schon einmal doppelt so hoch, das heißt, das Land hat die nötige Verbesserung der Handelsbilanz bereits zur Hälfte geleistet. Portugal muss allerdings noch einmal rund zwei Drittel des bisherigen Anpassungsweges gehen.

Wichtig an dieser von Hans-Werner Sinn so unterschiedlichen Sichtweise sind die politischen Folgerungen, die sich daraus ergeben. Die recht gute Entwicklung der Exporte und der Handelsbilanzsalden relativiert die grundlegende Skepsis von Sinn sowie prominenter angelsächsischer Volkswirte wie Nouriel Roubini oder Paul Krugman gegenüber dem Euro. „Die Zukunftsperspektiven der Währungsunion erscheinen deshalb deutlich weniger düster als Sinn und andere sie zeichnen", sagt etwa IW-Ökonom Matthes.

Auch Gustav Horn, Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, kann mit der Sicht von Sinn wenig anfangen. Er hat den Chef des renommierten ifo-Instituts indirekt mit dem ehemaligen Berliner Innensenator Thilo Sarrazin verglichen und ihn zur „Mäßigung" aufgerufen. IW-Ökonom Matthes findet immerhin, dass Hans-Werner Sinn mit den Target-Salden einen „absolut validen Punkt" aufgezeigt hat. In den Schlussfolgerungen mag er ihm aber nicht folgen. Sein Urteil dazu: „Sinn hat es schon immer verstanden, sehr griffige Thesen zu generieren."

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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