• The Wall Street Journal

Opel braucht nach 150 Jahren einen Neustart

    Von NICO SCHMIDT

Zehntausende Menschen haben am Samstag in Rüsselsheim das 150-jährige Bestehen von Opel gefeiert. Viel Grund zur Freude gab es für die Traditionsmarke mit dem Blitz in jüngster Vergangenheit allerdings nicht. Denn das Unternehmen befindet sich wohl in einer der schwierigsten Phasen seit seiner Gründung. Wieder einmal muss der Autobauer einen Neustart wagen.

Zahlreiche Baustellen sind in den nächsten Monaten zu beackern. Das Traditionsunternehmen ist vor allem in Europa stark, und genau hier liegt der Automobilmarkt auf absehbare Zeit am Boden. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass sich Opel quasi neu erfinden muss. Schließlich blicken die Hessen auf eine bewegte Vergangenheit zurück.

Nicht umsonst vergleicht Opel die eigene Firmengeschichte mit einem spannenden Roman, den man sich nicht besser hätte ausdenken können. Als Adam Opel das nach ihm benannte Unternehmen 1862 als Mittzwanziger aus der Taufe hob, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, welche Irrungen und Wirrungen die Firma durchlaufen muss. Unternehmerischer Mut, große Erfolge aber auch herbe Rückschläge pflasterten den Weg der Traditionsmarke.

150 Jahre Opel - die Modelle von Adam bis Zafira

Adam Opel, geboren am 9. Mai 1837 in Rüsselsheim, machte mit seinen Brüdern Georg und Wilhelm in der Schlosserwerkstatt des Vaters eine Lehre. Ende der 1850er Jahre ging er auf Wanderschaft. Insbesondere Paris, die Stadt in der wenige Jahre zuvor die Weltausstellung stattgefunden hatte und die damals als Hochburg des industriellen Aufbruchs galt, faszinierte ihn.

In Frankreichs Hauptstadt sammelte Opel Erfahrungen in der Nähmaschinenbranche. Sein Wissen brachte er 1862 mit nach Deutschland und produzierte im selben Jahr seine erste Nähmaschine in der eigenen Firma. Obwohl der Vater gegen die in seinen Augen verrückte Idee war, produzierte Adam Nacht für Nacht weiter.

Bis Mitte der 1880er Jahre liefen die Geschäfte gut. Das Unternehmen wuchs und wuchs. Mit mittlerweile mehreren hundert Mitarbeitern fertigte Opel zehntausende Nähmaschinen und stieg zum Marktführer in Europa auf. Da aber bereits damals deutlich wurde, dass allein mit Nähmaschinen nicht dauerhaft Geld zu verdienen sein würde, überredeten Opels Söhne ihren Vater, in die Fahrradherstellung einzusteigen. Kein leichtes Unterfangen. Denn angeblich fiel Adam Opel bei seiner ersten Begegnung mit dem "Velociped" 1884 in einen Graben. Die hartnäckigen Söhne setzen sich aber durch: 1886 verließ das erste Opel-Hochrad die Werkshallen.

1895 starb der Unternehmensgründer an einer Typhuserkrankung. Seine Witwe Sophie führte gemeinsam mit den fünf Söhnen die Firma weiter, die mittlerweile mehr als 1.000 Mitarbeiter hatte. Es kam zu einer schweren Industriekrise, die auch das Fahrradgeschäft traf und die Familie zum Umdenken zwang. Einmal mehr bewiesen die Opels den richtigen Riecher: Um Entlassungen zu verhindern, wandte sich das Unternehmen einem neuen Produkt zu. Nach Daimler-Benz wurden die Rüsselsheimer der zweite Autobauer Deutschlands.

Interaktive Grafik

Endgültig aufgeschlagen wurde das neue Kapitel mit der Übernahme der Motorwagenfabrik des Dessauer Hofschlossermeisters, Automobilpioniers und Konstrukteurs Friedrich Lutzmann am 21. Januar 1899: Opel begann in Rüsselsheim mit dem Bau des "Opel Patent-Motorwagen System Lutzmann". Das Auto leistete 3,5 Pferdestärken und schaffte immerhin 20 Kilometer in der Stunde. Das Geschäft mit Fahrrädern, Autos und sogar Motorrädern sorgte für das dringend notwendige neue Standbein. Denn um die Jahrhundertwende geriet die Nähmaschinenbranche langsam aber sicher immer mehr ins Hintertreffen.

1902 setzte Opel den nächsten automobilen Meilenstein: Ein Kooperationsvertrag mit dem französischen Hersteller Darracq wurde unterzeichnet. Darracq-Fahrgestelle wurden fortan in Rüsselsheim mit Opel-Karosserien versehen, die Fahrzeuge unter dem Markennamen Opel-Darracq verkauft. Parallel dazu entwickelten die Opel-Brüder ihre erste Eigenkonstruktion, den Opel-Motorwagen 10/12 PS.

Bis der Durchbruch gelang, vergingen allerdings noch ein paar Jahre: 1909 brachte Opel ein zweisitziges Cabriolet auf den Markt, den Opel 4/8 PS. Da der Wagen von vielen Ärzten für Hausbesuche genutzt wurde, bekam er im Volksmund schnell den Namen "Doktorwagen" verpasst. Das Auto war kleiner, wendiger und günstiger als viele andere herkömmliche Wagen und machte erstmals einer breiteren Masse die individuelle Mobilität zugänglich.

Im selben Jahr nahm Opel die Lkw-Produktion auf und führe 1910 das Baukastensystem in der Produktion ein, das aus der Autoindustrie heute nicht mehr wegzudenken ist. Vorgefertigte Karosserien konnten von nun an mit unterschiedlichen Fahrgestellen und Motoren kombiniert werden. 1911 kam es zu einem Großbrand in der Rüsselsheimer Fabrik - das erste Kapitel der Geschichte Opels ging zu Ende: Die Nähmaschinenherstellung wurde endgültig eingestellt.

Im ersten Weltkrieg konnte Opel die Produktion zunächst aufrechterhalten und stieg 1914 unter anderem dank des Kleinwagens 5/12 PS, der auch "Puppchen" genannt wurde, zum größten deutschen Automobilhersteller auf. In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 wurden vor allem Lastwagen für die Armee gebaut. Nach der Besatzung durch französische Truppen musste die Produktion allerdings zumindest in Teilen ausgesetzt werden, nach der Hyperinflation 1923 wurde sie vorübergehend vollständig eingestellt.

1924 machte Opel einen Quantensprung: Das Werk in Rüsselsheim wurde als erster Automobilstandort im Deutschen Reich mit Fließbändern ausgestattet. Der Blick ging dabei erstmals über den großen Teich. In den USA hatte der Amerikaner Henry Ford große Erfolge mit dem neuen Produktionssystem vorzuweisen. So wurde es Opel möglich, Autos für die Masse zu erschwinglichen Preisen zu produzieren. Das Ergebnis war der kleine, grüne Verkaufsschlager Opel 4/12 PS, der sogenannte Laubfrosch, mit dem die Rüsselsheimer wieder zum größten Autobauer des Landes aufstiegen. Der Preis für den Wagen sank dank des revolutionären Produktionsverfahrens binnen weniger Jahre von ursprünglich 4.500 Mark auf unter 2.000 Mark.

Die größten Baustellen bei Opel

Für Opel schien es damals nur einen Weg zu geben: den nach oben. Dank steigender Pkw- und Lkw-Verkäufe erreicht das Unternehmen 1928 einen Marktanteil von 37,5 Prozent und war die klare Nummer eins. Doch dann kam die große Wirtschaftskrise und für die Automobilindustrie brachen harte Zeiten an.

Da die Opel-Familie die Schwierigkeiten kommen sah, suchte sie frühzeitig nach einem potenten Investor. Und wurde wieder in den USA fündig: Am 17. März 1929 verkauften die Opel-Brüder für knapp 26 Millionen US-Dollar 80 Prozent der Unternehmensanteile an den amerikanischen Automobilgiganten General Motors . 1931 übernahm GM auch den Rest der Opel-Aktien. Für beide Unternehmen sollte es eine gewinnbringende Situation werden: Die Amerikaner wollten sich Zugang zum europäischen Markt sichern, Opel hatte verstärkten Zugriff auf Exportmärkte, die bislang außer Reichweite lagen.

Die Wirtschaftskrise ließ Anfang der 1930er Jahre allerdings die Verkäufe sämtlicher Autobauer einbrechen. Opel schrieb rote Zahlen. Mit neuen Modellen sollte die Wende geschafft werden. Das Unternehmen brachte unter anderem den ersten erschwinglichen wirklichen "Volkswagen" auf den Markt: Der Opel 1,2 Liter ist das erste Modell, das binnen weniger Jahre häufiger als 100.000 Mal gebaut wird. Auch der günstige Kompaktwagen P4 verkaufte sich gut und mit dem Olympia stellte Opel das erste deutsche Auto mit selbsttragender Ganzstahl-Karosserie vor, das in Sachen Gewicht, Sicherheit und Aerodynamik neue Maßstäbe setzte.

Die neuen Modelle zogen: Mit einer Jahresproduktion von 120.293 Fahrzeugen wurde Opel 1936 zum größten Autobauer und Exporteur Europas. Die erste Version des kompakten Verkaufsschlagers Kadett kam auf den Markt, ebenso die Flaggschiffe Admiral und Kapitän. 1940 lief der millionste Opel vom Band. Opel war zu dieser Zeit der Inbegriff für solide und langlebige Alltagsautos.

Doch dann machte der 2. Weltkrieg dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung. Auf Weisung der Reichsregierung musste Opel die Produktion ziviler Pkw vollständig einstellen und Nutzfahrzeuge für die Wehrmacht bauen. In den folgenden Kriegsjahren entstanden in den Werkshallen zahlreiche Blitz-Lkws, Ersatzteile und Komponenten für die deutsche Rüstungsindustrie wie Fahrwerke, Triebwerksteile und kugelsichere Tanks.

Unmittelbar nach dem Kriegsende begann der Wiederaufbau der fast völlig zerstörten Fabrik in Rüsselsheim. Neben dem Lkw Blitz und Kühlschränken werden Anfang der 1950er Jahre der Olympia-Nachfolger Rekord und der Kapitän hergestellt. Die Autos gefallen durch ihr amerikanisiertes Design und sind auf Augenhöhe mit der Luxuskonkurrenz von Mercedes. Die Jahresproduktion steigt wieder über die Marke von 100.000 Fahrzeugen, im Jahr 1956 rollt der zweimillionste Opel vom Band.

Das Wirtschaftswunder ließ Opels Verkäufe in den Folgejahren in ungeahnte Höhen schnellen, die Produktionskapazitäten reichten nicht mehr aus. Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 1962 eröffnete Opel deshalb das Werk in Bochum. Dort wird der neue Kadett gebaut, mit dem das Unternehmen in der Kompaktklasse die Dominanz des VW Käfer brechen will. Die Blütezeit von Opel brach an, nachdem Admiral und Diplomat neu aufgelegt wurden.

1966 wurde das Komponentenwerk in Kaiserslautern eröffnet. Ende der 1960er Jahre brachte Opel das Coupé GT sowie die Mittelklassemodelle Ascona und Manta auf den Markt. 1971 lief der zehnmillionste Opel vom Band. In diesen Zeiten waren mehr als 60.000 Menschen bei dem hessischen Traditionsunternehmen beschäftigt.

Ende der 1970er Jahre erneuerte Opel seine Produktpalette: der Rekord, der Senator, das Coupé Monza und der neue Kadett sollten die Kunden bei der Stange halten. Es kam aber - wieder einmal - anders: 1980 sorgt die Ölkrise nach dem ersten Golfkrieg für einen tiefen Einbruch in der ganzen Industrie. Opel schrieb erstmals seit Mitte des Jahrhunderts wieder rote Zahlen. Tausende Arbeitsplätze wurden abgebaut, weil auch das Produktportfolio eher schlecht als recht ankam.

Um der zunehmenden Nachfrage nach Kleinwagen gerecht zu werden, entwickelte Opel den Corsa und errichtete 1982 zur Produktion ein Werk in Zaragossa in Spanien. So richtig rund wollte es aber trotzdem nicht laufen. 1987 kam deshalb der Spanier Jose Ignacio Lopez de Arriortua auf Geheiß von GM als Einkaufschef zu Opel. Für viele ist er eines der Sinnbilder für den Verfall der Traditionsmarke: Mit drakonischen Sparmaßnahmen versuchte der Spanier, Opel wieder auf Kurs zu bringen.

Die wohl unvermeidbare Folge waren massive Qualitätsprobleme. In Mängelstatistiken rutschte Opel immer weiter ab, große Rückrufe wurden unabwendbar. Das Image sank in den Keller, und mit ihm der Marktanteil des Unternehmens. Bis heute ist vom Lopez-Effekt die Rede, unter dem Opel leidet. Und das, obwohl die Autos bei Tests seit Jahren wieder gut abschneiden.

Die deutsche Wiedervereinigung und neue Modelle wie der Rekord, der Vectra und der Calibra geben Opel Anfang der 1990er Jahre nochmal Auftrieb. In Eisenach wurde nach der deutschen Wiedervereinigung 1992 sogar noch ein Werk eröffnet. GM ließ den Hessen aber immer weniger Freiraum und zog Milliarden ab, um die eigenen Verluste auszugleichen. Den Trend zum Dieselmotor in Europa wollten die Amerikaner nicht mitgehen. Anders als zum Beispiel Volkswagen gelang es Opel außerdem nicht, die Marke höherwertig zu positionieren. Seither hat es den Anschein, als schleppe sich Opel von Krise zu Krise. Das Unternehmen kam nie mehr richtig zur Ruhe, geschweige denn auf die Beine.

Der unrühmliche Höhepunkt ereignete sich nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im Sommer 2008, der eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste. GM geriet in schwere See. Kurz bevor sich die Amerikaner in den Gläubigerschutz begeben, rettet der Bund Opel mit einer milliardenschweren Bürgschaft vor den unabsehbaren Folgen, die eine Pleite der US-Mutter auf die Rüsselsheimer gehabt hätte.

GM wollte Opel daraufhin verkaufen. Es fanden sich auch Bieter: Fiat, der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna, der Finanzinvestor Ripplewood und der chinesische Autobauer BAIC wollten die Mehrheit übernehmen. Zunächst sah auch alles so aus, als würde die Trennung zu Stande kommen. Doch einmal mehr kommt es anders: Obwohl sich die deutsche Bundesregierung und in erster Instanz auch GM für Magna als Käufer aussprechen, sagen die Amerikaner den Verkauf am 3. November 2009 auf der Zielgeraden doch noch ab. Die Staatshilfen werden zurückgezahlt, ein weiteres Restrukturierungspaket geschnürt.

Doch auch dieses fruchtete nicht: Opel schreibt immer noch tiefrote Zahlen. Die Schuldenkrise in Europa - nach wie vor der Hauptmarkt des Unternehmens - lässt Käufer einen weiten Bogen um die Verkaufsläden machen. Zudem bedrängen Opel zusehends Konkurrenten aus Fernost, etwa die erfolgreichen Südkoreaner Hyundai und Kia . Selbst Oberklassehersteller wildern verstärkt im Fahrzeugsegment der Kompaktwagen, mit denen Opel unterwegs ist. In mehreren Runden werden massiv Stellen abgebaut und Werke geschlossen. Dennoch belasten Überkapazitäten den Traditionskonzern schwer - allein seit der Jahrtausendwende fielen für GM in Europa zweistellige Milliardenverluste an.

Die Gründerfamilie bewies Ende des 19. Jahrhunderts Mut und erfand das Unternehmen als Automobilhersteller neu. Der heutigen Führungsriege muss ähnliches gelingen. Sonst könnte das 150. Jubiläum die letzte große Opel-Feier in Rüsselsheim gewesen sein.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 21. Juli

    Eine Hindu-Frau taucht unter, ein Rennradfahrer legt die Beine hoch und Fecht-Sportler pieksen sich. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Einmal zum Mond und zurück

    Am 20. Juli 1969 gewannen die USA das Wettrennen zum Mond gegen die Sowjetunion. Die US-Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin setzten als erste Menschen einen Fuß auf den Mond. Ein Rückblick in Bildern.

  • [image]

    Der Absturz von MH17

    Die Menschen auf der ganzen Welt reagieren mit Schock und Trauer auf den Absturz des Fluges MH17 von Malaysia Airlines in der Ostukraine. Pro-russische Aktivisten werden beschuldigt, die Maschine abgeschossen zu haben. Die genauen Hintergründe bleiben weiter undurchsichtig. Das Flugzeugunglück in Bildern.

  • [image]

    Die Chinesen lieben das Nickerchen im Möbelhaus

    Chinesen mögen es, an merkwürdigen Plätzen ein Schläfchen zu machen. Neu ist dieses Phänomen nicht. Ein Fotograf hat sich nun aber erstmals auf die Lauer gelegt und das seltsame Verhalten bei Ikea in Peking dokumentiert.

  • [image]

    Deutschland feiert seine Weltmeister

    Deutschland hat der Nationalmannschaft einen triumphalen Empfang bereitet. Hunderttausende feierten die Weltmeister vor dem Brandenburger Tor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.