• The Wall Street Journal

Kampf um die Ticket-Hoheit in der Bundesliga

    Von THOMAS MERSCH und STEFAN MERX

Mit seinem neuen Partner hat sich Hannover 96 nicht nur Freunde gemacht. Mitte August gab der Fußball-Bundesligist bekannt, er werde künftig mit dem Online-Ticketmarktplatz Viagogo kooperieren. „Der Bedarf eines sicheren und seriösen Ticketzweitmarktes ist zweifelsohne da", sagte seinerzeit Thorsten Meier, der Chef für Marketing und Vertrieb bei dem Klub. „Von der Kooperation mit Viagogo als ausgewiesenen Ticketexperten profitieren vor allem die Fans unseres Vereins, die jetzt ihre ungenutzten Spieltagtickets und auch Dauerkarten sicher und unkompliziert wieder zur Verfügung stellen können."

Doch die Begeisterung der Anhänger hält sich in Grenzen. Im Hannoveraner Fanforum wird intensiv über Viagogo diskutiert. Positive Rückmeldungen sind die Ausnahme. „Was ist das denn für eine scheinheilige Doppelmoral. Über Ebay wird sich aufgeregt, und Karten werden gesperrt, aber mit so einer Halsabschneiderfirma wird zusammengearbeitet?", schreibt der Fan „roter andy" am 6. September.

Überhöhte Preise, saftige Gebühren, auffällig viele Karten für Spitzenspiele und attraktive Konditionen bestenfalls für Fans von Partnervereinen - die Vorwürfe gegen Viagogo sind vielfältig und sie kommen immer wieder. Forumsnutzer „Sir James" bringt auf den Punkt, was viele Fans von Hannover 96 denken: „Ich find's auch absolut unter aller Sau, dass dieses Angebot überhaupt existiert."

Viagogo-Manager Steve Roest – Anzug, weißes offenes Hemd – kennt solche Kritik, doch er kontert sie routiniert und ungerührt. Sein Marktplatz sei frei, sagt der Mann, der den offiziellen Titel European Head of Business Development führt, und betont gebetsmühlenartig das Spiel von Angebot und Nachfrage. „Die Preise werden durch den Verkäufer festgelegt", sagt er. „Käufer bezahlen nur den Preis, der ihnen die Karte wert ist - das ist Marktwirtschaft." Im Gegensatz zu Ebay könne man bei seiner Firma sicher sein, dass die feilgebotenen Karten existierten.

Die Superstars der Bundesliga

Bundesliga

Ein überwachter Handel von Fan zu Fan mit Geld-zurück-Garantie, so lautet die schicke Viagogo-Selbstbeschreibung. Die Mehrzahl der Karten wechsle auf Viagogo den Besitzer zum Originalpreis oder günstiger. „Sehr teure Tickets sind selten und werden in der Regel nicht verkauft", behauptet Roest.

Vereine ziehen Ticketbörse dem Schwarzmarkt vor

Für die Bundesliga-Vereine ist der organisierte Ticketzweitmarkt im Internet ein klarer Vorteil gegenüber dem Kartenhandel der oft bandenmäßig organisierten Schwarzhändlern vor den Stadien. Sie sind den Klubs ein Dorn im Auge. Und deshalb schnappt das Ordnungsamt vielerorts zu, wenn kurz vor Anpfiff in Stadionnähe das lukrative Geschacher beginnt.

Zugleich grämen sich die Vereine. Denn der Schwarzmarkt ist Ausdruck der Zahlungsbereitschaft ihrer Fans, die gerade bei Spitzenspielen weit über den festgesetzten Preisen liegt. Anders gesagt: Die Marge der Schwarzhändler hätte mancher Vereinsmanager lieber auf seinem Klubkonto verbucht.

Online-Ticketbörsen sind nicht nur eleganter als hochgereckte Pappschilder vor der Arena. Ihre Reichweite und ihre Umsatzkraft sind enorm. Ein Partner wie Viagogo gilt als salonfähig – erst recht, wenn er mit einem Geldbündel als Sponsor durch die Tür kommt. Viagogo ist eine Aktiengesellschaft, registriert in der Schweiz, und hat sein Hauptquartier in London.

Das Unternehmen sammelt derzeit reihenweise Partner in der deutschen Eliteliga ein: Außer mit Hannover feierte Viagogo auch mit dem VfL Wolfsburg, dem FC Augsburg und dem 1. FC Nürnberg in diesem Sommer frische Kooperationen. Eine Ticketbörse zählt immer zur Partnerschaft – außer beim VfL. „Bei Wolfsburg handelt es sich mehr um einen exklusiven Sponsoringvertrag – wir werben im Stadion und online", sagt Roest.

Das Kartengeschiebe in der Bundesliga verheißt hohe Renditen: Auslastungsquoten von weit mehr als 90 Prozent sind in deutschen Erstligastadien die Regel. So ist die oft ausgebuchte Bundesliga ein idealer Markt für bereits verkaufte Tickets, die – aus welchen Gründen auch immer – gegen stattliche Provision erneut den Besitzer wechseln.

Die Krux mit dem Zweitmarkt: Es gibt keine ganz eindeutige Rechtslage zur Zulässigkeit des Weiterverkaufs von Eintrittskarten. Der Bundesgerichtshof beantwortete diese Frage im September 2008 mit einem „Jein". Für den damals klagenden HSV entschied der BGH, dass der Verein den Handel mit den Eintrittskarten nur teilweise untersagen kann.

Die feine Grenze verläuft für die Richter zwischen dem gewerblichen Handel und dem Weiterverkauf von Einzelkarten durch Privatpersonen, die sie ganz offiziell beim Verein gekauft haben. Doch schon damals wurde klar, dass der Knackpunkt im „unlauteren Schleichbezug" liegt.

Viagogo: „Effizienter Markt" ist unsere „Mission"

Aus Sicht der Viagogo-Anwälte ist das eigene Modell wasserdicht: Man sei kein Händler, sondern stelle nur die Plattform. „Viagogos Mission ist es, einen effizienten Markt zu bieten, auf dem Käufer und Verkäufer zusammenkommen, um auf sichere Art und Weise Tickets für Live-Events auszutauschen", heißt es verklärend.

Diese Mission ist ein Riesengeschäft - ohne großen Aufwand: Bei jedem erfolgreichen „Austausch" kassiert Viagogo kräftig an beiden Enden: Der Verkäufer zahlt an Viagogo zehn Prozent des Preises, der Käufer sogar 15 Prozent. Viagogo ist in 25 Ländern präsent. Pro Jahr wechseln Tickets im Wert von bis zu einer halben Milliarde Euro auf Viagogo-Systemen den Besitzer.

dapd

Andrang zu Beginn der Bundesliga-Saison: Die Nachfrage in Deutschland ist hoch, die Auslastung der Stadien sehr gut. Manche Käufer machen mit dem Weiterverkauf ihrer Tickets ein Schnäppchen.

Im Profifußball sucht Viagogo emsig nach namhaften Partnervereinen, auch um das eigene Image zu verbessern. „Wir führen Gespräche mit jedem Klub in der Bundesliga", sagt Steve Roest. Seit 2007 ist Viagogo mit Rekordmeister Bayern München verbandelt – damals ein PR-Coup für die Londoner. „Die Vereine wissen, dass ein Weiterverkaufsservice für sie wichtig ist. Das ist nützlich für die Fans."

Doch nicht überall kommt Roest mit seiner Botschaft an. Mancher Verein lehnt die Online-Handelsplätze ab. Denn hier werden regelmäßig Fußballtickets weit über dem eigentlichen Preis angeboten. Auch die angebotene Zahl der Tickets verwundert.

Ein aktuelles Beispiel: Wer für das offiziell längst ausverkaufte Revierderby Dortmund gegen Schalke am 20. Oktober noch eine Karte braucht, wird bei Viagogo fündig. Zählt man die angebotenen Karten für dieses Spiel bei Viagogo, so sind – Stand Mitte September – noch fast 1.000 Stück zu haben, mehr als ein Prozent aller Stadionplätze. Die billigste Karte kostet 166 Euro zuzüglich Gebühren; der Verein hat für das Ticket knapp 35 Euro verlangt.

Gerade bei Klubs, die nicht mit Viagogo kooperieren, etwa Borussia Dortmund, können die Preise dermaßen ungehemmt durch die Decke gehen. Wer eine Limitierung wünscht, um keinen Ärger mit den eigenen Fans zu bekommen, muss mit Viagogo verhandeln.

Noch macht Bayern gemeinsame Sache

Die Bayern haben beim gemeinsamen Portal mit Viagogo strenge Vorgaben. So können verhinderte Dauerkartenbesitzer anderen Fans ihre Karte anbieten - aber sie sollen daran nichts verdienen: „Bei Bayern München werden Tickets nur zum Originalpreis verkauft", sagt Viagogo-Manager Roest. „Bei den anderen Kooperationen kann sich der Preis dem Markt anpassen. Bei einigen Klubs gibt es eine Obergrenze, die prozentual festgelegt ist." Zu konkreten Aufschlägen will Roest aber keine Angaben machen.

Viel lieber wirbt er mit der Kooperation mit dem Rekordmeister aus München. Die könnte jedoch rascher beendet sein, als ihm lieb ist. Klubpräsident Uli Hoeneß hat jüngst angekündigt, dass an einer langfristigen Zusammenarbeit kein Interesse bestehe – zum Ende der Saison 2013/14 läuft die Kooperation aus. „Vor allem mit unseren Auswärtskarten wird reger Handel getrieben", klagte Hoeneß im Mai bei merkur-online. „Wir werden den Vertrag mit Viagogo nicht verlängern." Stattdessen erwäge man eine Lösung in Eigenregie.

Auf Nachfrage des Wall Street Journal Deutschland wollte Bayern München die Kooperation gar nicht mehr kommentieren: „Leider geben wir zu Sponsoringverträgen generell keine Auskünfte." Vor fünf Jahren war das noch anders. „Wir sind sehr glücklich, Viagogo als Kooperationspartner des FC Bayern München gewonnen zu haben", sagte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge damals und hielt zum Fototermin ein weißes Trikot in die Höhe, das über der Nummer 1 den Schriftzug von Viagogo zeigt. Die Euphorie scheint verflogen. Auch Roest schweigt zur Zukunft in München.

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Generell stellt sich die Frage, wie eng die Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Ticketbörsen ist. Hohe Ticketpreise treiben den Viagogo-Umsatz in die Höhe, so viel ist klar. Doch dafür muss erst einmal Angebot her. Um dies zu haben, bemühen sich Online-Ticketbörsen dem Vernehmen nach um Kartenkontingente von Vereinen. Ob Vereine an eventuellen Mehreinnahmen beteiligt werden?

Viagogo hat kein Interesse, an dieser Stelle für Aufklärung zu sorgen. Zur konkreten Frage nach Ticketkontingenten und Vereinspartizipation verweist Roest ausweichend auf Hunderte Partner im Sport und in der Unterhaltungsindustrie: „Mit jedem haben wir spezielle Vereinbarungen. Hinsichtlich der Vertragsdetails haben wir selbstverständlich mit allen Verschwiegenheitserklärungen vereinbart."

Künstliche verteuerte Tickets bei Konzerten?

Immer wieder wird Kritik an Viagogo laut. Zu Jahresbeginn warf der britische Sender Channel 4 in seiner Dokumentation „The Great Ticket Scandal" dem Ticketmarktplatz vor, er treibe die Preise für angebotene Konzertkarten künstlich in die Höhe – auch, indem Mitarbeiter selbst Tickets kauften. In Deutschland geriet Viagogo wegen Konzerten der Band Take That in die Kritik.

Im Auftrag des Konzertveranstalters MCT fahndete die Rechtsanwaltskanzlei CMS Hasche Sigle im vergangenen Jahr nach Anzeichen, die auf gewerblichen Handel mit den Karten hindeuteten. MCT sperrte anhand von Auffälligkeiten beim Verkauf eine Reihe von Karten, die über Viagogo angeboten wurden. Hunderte Fans mussten anschließend beim Konzert draußen bleiben, obwohl sie eine Eintrittskarte erworben hatten.

Die Deutsche Fußball Liga überlässt es den Klubs, wie sie mit dem Thema Zweitmarkt umgehen. Eine zentrale Lösung, theoretisch denkbar, ist offenbar nicht gewünscht. So ist einem Verdrängungswettbewerb um das lukrative Geschäftsfeld Tür und Tor geöffnet: Viagogo konkurriert mit Seatwave, Ebay und der Wiederverkaufsbörse Fansale, die zu CTS Eventim gehört. Wer Geld mitbringt, macht sich beliebt. Kolportiert werden sechsstellige Summen, die manche Ticketbörse als Sponsor an die Klubs zahle. „Die Vertragsdetails aller unserer Partnerschaften sind vertraulich", sagt Roest hierzu lediglich.

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Beim FSV Mainz 05 holte sich Roest eine Abfuhr. Vor zwei Jahren habe es ein Gespräch mit Viagogo gegeben, bestätigt David Schössler, stellvertretender Leiter Ticketing. „Wir haben uns entschieden, eine Ticketbörse gemeinsam mit Eventim aufzubauen." Das Münchener Unternehmen ist auch Partner der Mainzer beim Ticketvertrieb und bietet eine Wiederverkaufsbörse namens „Fansale" an. Seit Anfang August können hier die Tickets der Mainzer weiterverkauft werden.

„Wir wollen eine Plattform bieten, die seriös handelt und arbeitet", sagt Schössler. Bei Fansale werde eine Servicegebühr von 15 Prozent erhoben, die sich Klub und Dienstleister teilten. „Damit refinanzieren wir unseren Aufwand", sagt er. Mainz habe über eine Schnittstelle Zugriff auf die Fansale-Angebote, um die Transaktionen zu kontrollieren. „Die neue Börse soll unseren Fans ermöglichen, Karten legal und zum Festpreis zu kaufen."

In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Klubs sei festgeschrieben, dass es nicht erlaubt ist, auf anderen Online-Plattformen als Fansale Karten zum Verkauf anzubieten. Die Mainzer hoffen, so den Tickethandel abseits der autorisierten Verkaufsstellen in den Griff zu bekommen. „Wir wollen unterbinden, dass von Einzelnen in großem Stil Karten gekauft und zu überhöhten Preisen wieder verkauft werden."

Malte Blumenthal, bei Eventim zuständig für Fansale, weiß aus seinen Gesprächen mit Sportklubs, dass vor allem das Argument des „fairen Preises" im Vordergrund steht. Auch Fansale sei auf Expansion angelegt, nutze aber andere Argumente. „Den Vereinen geht es gerade hier um die Vermeidung von Schwarzmarktrisiken und überhöhten Preisen im Interesse der Fans." Der Angebotspreis des Tickets entspricht bei Fansale-Partnervereinen immer dem offiziellen Tageskassenpreis. Nur der Käufer zahlt die Servicegebühr obendrauf.

Banden betreiben Handel im großen Stil

Das Grundproblem schildert Schössler so: „Einige Leute werden nur Mitglied wegen des exklusiven Vorverkaufsrechts. Sie wollen die Karten dann teuer weiterverkaufen – oft geschieht das auf Online-Plattformen", sagt er. „Es gibt auch Banden, die so etwas in großem Stil betreiben. Wir gehen dagegen vor, ein Mitarbeiter bei uns kümmert sich ausschließlich um dieses Thema."

„Bei manchen Plattformen wie beispielsweise Ebay spüren wir Unterstützung", sagt Schössler. Das gelte nicht nur für Maßnahmen gegen Anbieter von überteuerten Tickets. „Da werden auch Angebote rausgenommen, wenn sie etwa mit der Nutzung unseres Logos gegen Bildrechte verstoßen. Andere dagegen sind in der Vergangenheit nicht im Ansatz kooperativ mit uns umgegangen, wenn dort Karten für unsere Spiele zu deutlichen höheren Preisen angeboten wurden. Aber ich kann schwer für sozial vertretbare Preise argumentieren und solche Plattformen unterstützen."

Dass Klubs kontrollieren wollen, wer ihre Eintrittskarten zu welchem Preis vertreibt, ist auch aus juristischer Sicht legitim. „Die Vereine haben teilweise einen berechtigten Anspruch, dies zu tun", sagt Jens Bräumer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für IT-Recht in Saarbrücken. Das Landgericht Hamburg billigte ihnen 2010 das Recht zu, die Besucherstruktur bei ihren Spielen zu kontrollieren, um etwa rivalisierende Fangruppen trennen zu können. Das gelte auch für die Wahrung einer sozialen Preisstruktur in dem Sinne, dass Tickets nicht überteuert weiterverkauft werden.

Klubs wie der Hamburger SV wollen mit Plattformen, auf denen Fußballkarten regelmäßig weit über dem eigentlichen Preis gehandelt werden, nichts zu tun haben und setzen auf eigene Angebote für Fans – gleichzeitig schließen sie per AGB den Weiterverkauf ihrer Tickets an anderer Stelle aus. Vor knapp zwei Jahren hat der HSV laut Hamburger Abendblatt einen Prozess gegen den Online-Ticketanbieter Seatwave angestrengt. Ziel sei es gewesen, den Kartenverkauf auf nicht autorisierten Plattformen gar nicht erst zuzulassen.

Ein Urteil in dem Verfahren wird Ende Oktober erwartet. „Das ist ein Fall, den die gesamte Bundesliga verfolgt", sagt Ticketmanager Schössler von Mainz 05. „Es kann nicht sein, dass ein Vater, der mit seinem Kind zum Spiel geht, statt 40 am Ende 150 Euro für die Karten zahlen muss."

Steve Roest sagt zu dem Prozess nichts: „Ich kann das nicht kommentieren, es geht Viagogo nichts an."

Rechtschreibfehler in den Blog-Einträgen wurden korrigiert.

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