• The Wall Street Journal

Wie die Crowd die Wirtschaft verändert

    Von STEPHAN DÖRNER

Ein Pornofilm stand bei der Bergfürst AG am Beginn der Geschichte. Der Film mit dem Namen Hotel Desire ist verantwortlich dafür, dass StudiVZ-Mitgründer Dennis Bemmann heute wieder arbeitet. 2005 hatte Bemmann mit zwei Freunden das soziale Netzwerk StudiVZ gegründet und es später für einen hohen Millionenbetrag an den Holtzbrinck-Verlag verkauft. Er genoss sein Leben als „Frührentner des Web 2.0", wie ihn „Die Welt" 2007 nannte. Doch Bemmann konnte das Gründen nicht lassen – und schuld daran ist besagter Pornofilm Hotel Desire.

Geschäftspartner Guido Sandler, heute CEO der Berliner Bergfürst AG, hatte einen Zeitungsbericht über die kreative Finanzierung des Erotik-Streifens gelesen: Die Macher hatten das Geld per Crowd-Funding eingesammelt – über das Internet. Sandler und Bemmann waren elektrisiert. Sie entschieden, das Modell der Crowd zur Finanzierung von Unternehmen zu nutzen.

Pressebild

Dennis Bemmann und Guido Sandler, Vorstand der Bergfürst AG.

Die Crowd finanziert Produkte

Die Crowd bezeichnet die Macht der Masse im Internet. Wenn sich nur genügend Menschen im Internet zusammenschließen, dann kann die Crowd Filme finanzieren oder die Entwicklung ganzer Produkte. Auf der Crowd-Finanzierungsplattform Kickstarter kommen zuweilen sogar Millionensummen zusammen – obwohl die Teams in vielen Fällen nicht mehr als einen Prototypen von einem Produkt vorzeigen können. Nicht selten zeigen auch Investoren an den Start-ups Interesse, sobald durch Kickstarter klar wird, dass es für das Produkt einen beachtlichen Markt gibt. In der Crowd entscheiden potenzielle Konsumenten schon in der Entwicklungsphase, ob ein Produkt entwickelt wird oder nicht.

dapd

Das Projekt Pebble sammelte auf der Crowdfunding-Website Kickstarter mehr als 10 Millionen US-Dollar ein. Die Uhr verbindet sich mit dem Smartphone via Bluetooth.

Dennis Bemmann und Guido Sandler wollen das Prinzip der Crowd auf die Risiko-Unternehmensfinanzierung ausweiten. „Die Demokratisierung von Venture Capital" nennt Bemmann das. Jeder Internet-Nutzer soll sich an jungen aber bereits im Markt etablierten Unternehmen beteiligen können, die wachsen wollen – ab einem Betrag von 250 Euro. Eine riskante Anlageform, die nach Auffassung der beiden Geschäftspartner aber auch große Chancen bietet. Vor mehr als einem Jahr ist bereits der Konkurrent Seedmatch gestartet. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bereits 21 Start-ups mit insgesamt zwei Millionen Euro finanziert.

Investitionen in junge Wachstumsunternehmen waren lange allein strategischen Großinvestoren vorbehalten. Bei Einstiegssummen von mehreren zehntausend Euro war diese interessante Anlageform Kleinanlegern grundsätzlich unzugänglich. Crowdinvesting ändert das - und hat selbst einen wahren Gründungsboom ausgelöst: Nach Angaben der Berliner Crowdinvesting-Plattform Companisto haben sich mehr als ein Dutzend das Ziel gesetzt, jungen Gründern bei der Finanzierungsrunde zu helfen und Kapital von Privatinvestoren einzusammeln. Auf der Plattform Companisto hätten so alleine Start-ups von über 1000 Mikro-Investoren Wachstumskapital in Höhe von jeweils 100.000 Euro erhalten.

Bergfürst richtet sich nicht an kleine Start-ups, sondern bereits etablierte Unternehmen, die wachsen wollen. Sie sollen verpflichtet werden, über die eingesammelten Gelder in quartalsweise veröffentlichen Berichten Rechenschaft abzulegen – darunter Gewinn- und Verlustrechnung, Cashflow und Lagebericht. Über wichtige Ereignisse müssen sie alle Aktionäre gleichzeitig per Ad-hoc-Mitteilung auf der Website und per E-Mail informieren. Ein regelmäßiges von Bergfürst veranstaltetes Info-Forum soll Emittenten und Aktionäre zentral zusammenbringen. Bergfürst will sich mit den selbst auferlegten Regeln nahe an Börsenreglements orientieren.

Das Geld sei so besser investiert als etwa im ebenfalls hochriskanten Derivate-Markt, sagt Sandler. „Es dient der Volkswirtschaft", ergänzt Bemmann. Wie schon bei der StudiVZ kümmert er sich als Technik-Chef um die IT des Unternehmens, Guido Sandler führt als CEO die Geschäfte. Beide gemeinsam führen den Vorstand der Aktiengesellschaft.

Aktien als Social-Media-Kanal

Crowd-Funding soll bei Bergfürst über eine technische Plattform laufen. Hier wird jedermann Aktien der Start-ups erwerben können, die ihn interessieren. So entsteht ein Kurs, den Bergfürst öffentlich machen will. Anders als an der Börse bleiben die handelnden Aktionäre nicht anonym, sondern sind dem Emittenten stets bekannt. Das können die Gesellschaften für direktes Marketing nutzen. Ihre Aktionäre erreichen die Unternehmen per E-Mail – und könnten sie animieren, auf Social-Media-Kanälen für sie zu werben. „Dann haben Sie beispielsweise 2000 Aktionäre mit jeweils im Schnitt 100 Facebook -Freunden – und so mal eben 200.000 Kontakte, die Sie nichts kosten", sagt Sandler.

dapd

Die Crowdfunding-Websites Startnext, Mundraub und Kickstarter. Das Thema Crowd verändert die Wirschaft.

Rund 2500 Nutzer haben sich nach seinen Worten bereits auf der Plattform angemeldet, obwohl noch kein Unternehmen dort vertreten ist. Voraussetzung ist zu Beginn nur ein Wohnsitz in Deutschland. Sobald die Lizenz der deutschen Bankenaufsicht Bafin vorliegt, will Bergfürst seinen Dienst für Investoren in der gesamten Europäischen Union öffnen.

Ende Oktober oder im November wird ein erstes Unternehmen seine Aktien über die Plattform verkaufen, sagen die beiden Gründer. Dessen Namen wollen sie nicht verraten. Das Emissionvolumen muss mindestens zwei Millionen Euro betragen, für einen Börsengang wäre das viel zu wenig. „Für derartige Emissionsvolumen geht in Frankfurt kein Banker ans Telefon", sagt Sandler.

Bergfürst wendet sich an Firmen, denen der Aktienmarkt zur Einwerbung von Kapital bislang nicht offen stand. „Theoretisch können die Unternehmen auf unserer Plattform aus allen möglichen Branchen kommen", führt Bemmann aus, „aber es gibt welche, die dafür prädestiniert sind". Vor allem seien das jene, bei denen sich Investitionen sehr schnell in der Gewinn-und-Verlustrechnung niederschlagen – also eher eine E-Commerce-Firma als ein Biotech-Unternehmen der Pharmaindustrie. „Aber wenn das erst einmal funktioniert, steht das sehr weiten Teilen der Wirtschaft offen", sagt CTO Bemmann. „Auch für einen Mittelständler, der wachsen will, kann das durchaus interessant sein", ergänzt CEO Sandler.

Spielgeld oder Portfolio-Diversifikation

95 Prozent der registrierten Nutzer sind Männer – und sie teilen sich in zwei Alterskohorten auf: Junge technikaffine Anleger, die mit der Risikoanlage „spielen" wollen – und Nutzer Mitte bis Ende 40, die Bergfürst nutzen wollen, um einen kleinen Teil ihres Vermögens in riskantes Wagniskapital zu investieren. Schon bei der Registrierung wird abgefragt, in welche Unternehmen die Nutzer investieren wollen. „Interessiert sind die Leute erfreulicherweise und erstaunlicherweise nicht nur an Internet-Geschäftsmodellen, sondern generell an Wachstumsunternehmen. Durchaus auch in der Offline-Welt." Zunächst sollen das nur deutsche Unternehmen sein, alleine wegen der deutschen Publikationspflichten.

Vor der traditionell wenig entwickelten Aktienkultur in Deutschland haben die beiden Unternehmer keine Angst. „Historisch gesehen hatten wir noch nie so viel Vermögen in diesem Land wie jetzt nach einer so langen Friedensperiode", sagt Sandler. Bei den jungen Leuten sei außerdem eine andere Bereitschaft vorhanden, in Aktien zu investieren. Geld verdienen will Bergfürst vor allem über die Gebühren für den Börsengang der Unternehmen, den Bergfürst komplett abwickelt. Außerdem kostet jeder ausgeführte Order auf der Plattform fünf Euro.

Arbeit aus der Crowd

[image] Screenshot

Die Karte des Webprojekts Safecast sammelte Informationen zur Radioaktivität um Fukushima

Nicht nur die Finanzierung von Firmen und Produkten verändert das Prinzip der Crowd – auch Arbeit kann so organisiert werden. Nach dem Erdbeben und der nuklearen Katastrophe in Japan halfen sich die Menschen angesichts mangelnder Informationen der Regierung damit, die Radioaktivität selbst per Geigerzähler zu messen und über das Internet zu teilen. Weiße Flecken auf der Karte der Radioaktivität konnten schnell beseitigt werden.

Auch kommerziell wird die Arbeit aus der Crowd längst genutzt. Amazon-Service Mechanical Turk verteilt einfache Arbeiten über das Netz an Nutzer – und macht auch selbst von dem Service Gebrauch. So verfügt die Amazon-App für Smartphones über eine Funktion, die ein Foto des Nutzers von einem Gegenstand dazu nutzt, genau dieses oder ein ähnliches Produkt auf Amazon zu zeigen. Für den Nutzer funktioniert das wie von Geisterhand – doch hinter der App stecken Menschen, die derartige Miniaufträge für Cent-Beträge ausführen. Selbst geübte Zuarbeiter von Amazon Turk kommen allerdings nur auf Stundenlöhne von wenigen Dollar – weshalb sich die Arbeit vor allem für Menschen in Schwellenländern und der Dritten Welt rentiert.

Lästige Arbeiten wandern in die Crowd

Vergleichbar arbeitet das Berliner Unternehmen Crowd Guru. Dort verfassen Crowdworker Produktbeschreibungen oder recherchieren Adressen – einfache, aber oft lästige Arbeiten, die in vielen Unternehmen regelmäßig in großen Mengen anfallen und die diese gerne auslagern. Das Konzept erinnert an das Cloud Computing, bei dem IT-Aufgaben je nach Bedarf über das Internet bezogen werden.

„Gurus" müssen mit dem Internet umgehen können und die deutsche Sprache beherrschen. Laut Unternehmens-Chef Philipp Hartje wird darauf geachtet, dass ein geübter „Guru" auf einen Stundenlohn von acht bis zehn Euro kommt – also durchaus ein Niveau für einen Nebenjob. Angefangen hat alles mit dem SMS-Service „SMS Guru", bei dem Nutzer beliebige Fragen über eine kostenpflichtigen SMS an eine Nummer schicken konnten und vom „Guru" darauf eine Antwort bekamen.

Die Nachfrage nach Diensten dieser Art ist in Zeiten, in denen jeder Antworten auf seine Fragen selbst schnell „googeln" oder bei Wikipedia nachschlagen kann, nicht mehr besonders groß. „Wir sehen eine leichte kontinuierliche Abnahme in diesem Bereich, als Start-up brauchen wir aber natürlich ein Wachstumsthema ", so Hartje.

Crowd-Arbeiter wollen vor allem flexibel sein

Also wurde aus SMS Guru Crowd Guru, ein Dienst für jedwede Form einfacher Text- und Recherche-Arbeiten, die Firmen auslagern wollen. Neben dem Geld motiviert die „Gurus" vor allem die Flexibilität der Arbeitszeiten, wie eine interne Erhebung der Berliner Firma ergab. Kein „Guru" verpflichtet sich zu irgendetwas – Aufgaben werden erledigt, wenn Zeit dazu ist oder eben gar nicht. „Wo sonst kann eine Mutter so lange arbeiten, bis ihr Baby schreit?", fragt Hartje. 60 Prozent der „Gurus" sind Frauen. „Die größte einzelne Gruppe sind Studenten", ergänzt der Unternehmenschef. Größte Konkurrenz in Deutschland ist die Humangrid GmbH, die das Portal Clickworker betreibt.

Im Zusammenspiel zwischen den Unternehmen und der „Crowd" ist Crowd Guru dafür zuständig, die Aufgaben aufzuteilen und für die Crowd umsetzbar zu machen. „Am liebsten sind uns natürlich Kunden, bei denen regelmäßig immer gleiche Aufgaben anfallen – so etwas lässt sich weitgehend automatisieren." Geld verdient Crowd Guru mit der Differenz zwischen dem, was die Unternehmen Crowd Guru zahlen und dem, was davon die „Gurus" bekommen. Dabei übernimmt Crowd Guru auch die Qualitätssicherung der Texte. Crowd Guru versteht sich daher nicht bloß als Plattform, sondernd kompletter Dienstleister für die Arbeit aus der Crowd.

Was bringt die Crowd der Zukunft?

StudiVZ-Gründer und Bergfürst-Technikchef Bemmann zeigt sich überzeugt, dass der Crowd-Finanzierung die Zukunft gehört. So wie es heute normal sei, dass Verbraucher im Netz einkauften, werde es künftig selbstverständlich sein, dass auch Venture Capital online platziert wird. „In zehn oder zwanzig Jahren werden wir sagen, dass es völlig logisch war, dass das kommen musste und jetzt gar nicht mehr wegzudenken ist".

Auch firmenintern kann über Crowdsourcing die „Weisheit der Massen" genutzt werden. Sandler berichtet von einem Unternehmer, der seine Mitarbeiter etwa bestimmte Umsatzzahlen schätzen lässt. Er hat eine Art „Wettplattform für Unternehmensprozesse" eingerichtet. „Er sagte mir, er führe mittlerweile sein Unternehmen so", berichtet Sandler. Dazu stellt er Fragen auf der Plattform ein – und die Mitarbeiter können Schätzungen abgeben. So wird etwa gefragt, wie viel Umsatz das Unternehmen in einer bestimmten Kundengruppe machen wird. Derjenige, der die beste Schätzung abgegeben hat, bekommt am Ende des Monats einen Preis – beispielsweise 100 Euro Bonus.

Seitdem seien die Prognosen deutlich besser geworden, die Mitarbeiter hätten ein sehr gutes Gefühl für derartige Schätzungen, weil sie nahe am operativen Geschäft sind. „Früher gab es gar nicht die Möglichkeit, derartige Informationen systematisch auszuwerten. Das ist ein klassisches Crowd-Thema", sagt Sandler. Andere Unternehmen nutzen bereits die eigenen Kunden auch für das Design der eigenen Produkte.

Und das nächste große Crowd-Thema? Bemmann kann sich vorstellen, dass es die Personalrekrutierung sein wird. „Ich habe vor etwa zwei Jahren mit einem Bekannten etwas intensiver über ein Crowd-Recruiting-Modell nachgedacht". Die Idee: Leute haben soziale Netzwerke, sie kennen die Fähigkeiten ihrer Freunde und Kollegen – möglicherweise ließen sich damit auch Stellen besetzen. „Eigentlich ein interessantes Ding", sagt Bemmann „aber wir haben die Nuss nicht geknackt".

Vielleicht aber habe dazu bald schon der nächste Gründer die zündende Idee.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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