• The Wall Street Journal

Microsoft lässt wieder die Muskeln spielen

    Von ROLFE WINKLER
[image] Reuters/David McNew

Auf dem neuen Tablet Surface von Microsoft werden auch die Office-Programme verfügbar sein.

Schauen Sie jetzt nicht hin, aber Microsoft könnte endlich die Kurve kriegen.

Der Softwaregigant hat sich selbst eine ziemliche Grube gegraben. Im Mobilfunkbereich hat Microsoft die Smartphone-Revolution verpasst und sieht jetzt zu, wie das iPad von Apple seine weltweiten PC-Verkäufe unterwandert. Im zweiten Quartal stagnierten diese im Vergleich zum Vorjahr, belegen Daten der Marktforschungsfirma IDC. Das schmälert die Einnahmen aus dem Betriebssystem Windows und der Bürosoftware Office.

Im Netzbereich sind Microsoft bei dem Versuch, ein verbrauchernahes Internetgeschäft aufzubauen, Milliarden durch die Lappen gegangen. Und weil Google neue produktivitätssteigernde Software billig im Internet anbietet, schwinden Microsofts Office-Umsätze.

Jetzt aber schlägt Microsoft mit geschärften Waffen und einem Arsenal an Produktneuheiten zurück. Da ist zum einen das neue Emailsystem Outlook.com. Die angepasste Version des Hotmail-Programms will sich von Gmail unterscheiden, indem es Vorzüge präsentiert, bei denen Google nicht mithalten kann. So ist Facebook, an dem Microsoft einen Anteil hält, in das neue Outlook.com-Programm integriert: Nutzer können jetzt ihre Email-Nachrichten gleichzeitig mit ihrer Post auf Facebook abrufen. Und Microsoft hat bereits versprochen, auch den Internet-Kommunikationsdienst Skype mit einzubetten, den der Konzern jüngst aufgekauft hat.

Outlook.com alleine wird kein großer Umsatzbringer werden. Aber Emails bieten einen guten Nährboden, um Microsofts Computer-Biotop zu befruchten. Schon am ersten Tag meldeten sich eine Million Nutzer bei dem neuen Emailprogramm an.

Windows 8 setzt auf Touch-Funktionen

Außerdem nimmt es Microsoft mit Apples iPad auf und bringt im Oktober zwei Versionen seines neuen Tabletcomputers Surface auf den Markt. Seine Geheimwaffe: Die Geräte haben Zugriff auf die Office-Software. Während sich das iPad toll eignet, um sich Inhalte anzusehen, eigenen sich das Schreibprogramm Word und das Tabellenprogramm Excel besser, um Inhalte zu erstellen. Die preisgünstigere Surface-Version liefert diese Programme standardmäßig mit. Dazu kommt der innovative Deckel, der gleichzeitig als Tastatur fungiert. All das könnte das Microsoft-Gerät für all jene Verbraucher interessanter machen, die auf ihren Tabletcomputern produktiver sein wollen.

Apropos Office-Software: Microsoft arbeitet an einer neuen Version des Programms, das sich besser mit dem Internet verträgt. Damit will der Konzern gegen Googles Internetprogramme wieder konkurrenzfähiger werden.

Außerdem soll im Oktober Windows 8 herauskommen – Microsofts erstes Betriebssystem, das traditionelle Computerarbeit mit der Fingerzeig-Bedienbarkeit der neuen Handgeräte vereint. Das teurere Tablet Surface, das mit Windows 8 läuft, wird dann das erste „Mischgerät" sein, das die Fähigkeiten eines Laptops mit denen eines Tablets kreuzt. Auch wenn einige Kunden ein solches Hybridgerät vielleicht als frustrierend empfinden, ist es doch erfrischend zu sehen, dass Microsoft mit Windows neue Risiken eingeht und das Programm weiterentwickelt.

Dann gibt es da noch Windows Phone 8, die Nachfolgeversion des Telefon-Betriebssystems von Microsoft. Zwar zählen Microsoft-Smartphones im Vergleich zu den Apple-Telefonen und Googles Android-Handys eher zur Holzklasse auf dem Markt. Aber das Microsoft-System hat durchaus gute Kritiken bekommen. Und Windows Phone 8 stützt sich auf dieselbe technologische Basis wie Windows 8 für Computer. Das macht es für Entwickler einfacher, neue Apps für beide zu erfinden.

Weiter entwickeltes Server-Betriebssystem

Auch Microsofts Vorstoß auf dem Verbrauchermarkt, ein neues Server-Betriebssystem namens Windows Server 2012 zu entwickeln, sollte nicht vergessen werden. Das System soll im September auf den Markt gelangen und kommt in einem wichtigen Geschäftsfeld zur Anwendung. Denn Office und Windows für Computer sind zwar die wichtigsten Umsatzsparten des Konzerns – sie brachten in den zwölf Monaten bis Juni 30 beziehungsweise 23 Prozent der Verkaufserlöse ein. Aber Serverprodukte schlugen in der Zeit mit 20 Prozent der Umsätze zu Buche.

Server 2012 sei besser entwickelt, sagt Rich Williams, Analyst bei Cross Research. Er rechnet damit, dass das neue Serverprogramm der rasch wachsenden Virtualisierungssoftware VMware Marktanteile abtrotzen kann.

Microsoft kann nicht für Produkte gelobt werden, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Aber nach einem Jahrzehnt der verlorenen Schlachten in den Bereichen Mobilfunk, Musik, soziale Netzwerke und Internetsuche lässt der Konzern wenigstens wieder seine Muskeln spielen.

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