• The Wall Street Journal

Investoren scheuen Indien

    Von ANANT VIJAY KALA
dapd

Ein indischer Bauer pflügt sein Feld. Die Landwirtschaft leidet unter viel zu schwachen Regenfällen in der diesjährigen Monsunzeit. Das dürfte die Agrargüter verteuern, die Inflation erhöhen und den Binnenkonsum noch weiter senken.

NEU DELHI – In Indien ist die Wirtschaft zwischen April und Juni wieder etwas stärker gewachsen. Nach wie vor geben Unternehmen in dem Land aber zu wenig Geld aus. Wie die Regierung gerade mitteilte, legte das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit mehr als einem Jahr wieder zu und wuchs um 5,5 Prozent nach 5,3 Prozent im Vorquartal. Analysten hatten mit einem Wachstum von nur 5,2 Prozent gerechnet.

Aber im selben Zeitraum verlangsamten sich die Investitionen auf 0,7 Prozent nach 3,6 Prozent im Vorquartal. Experten erschreckt das, denn im vergangenen Jahr waren die Investitionen noch zweistellig gewachsen. Und auch die Gesamtwirtschaft hatte Anfang vergangenen Jahres noch mit einer Rate von 9,2 Prozent zugelegt.

„Die BIP-Zahlen lassen keinen Zweifel daran, dass die Situation kritisch ist", sagt Chandrajit Banerjee, Generaldirektor des Industrieverbands Confederation of Indian Industries. Er sagt, „die Chancen für eine Belebung des Wirtschaftswachstums dürften sich bald verflüchtigen", wenn die Wirtschaft wegen des düsteren Investitionsklimas im Land in eine Abwärtsspirale geraten sollte.

Reuters

Straßenbauprojekt in der Nähe von Neu Delhi: Frische Investitionen wären nötig, um Indiens marode Infrastruktur zu flicken.

Indien, Asiens drittgrößte Volkswirtschaft und einst Liebling bei Investoren weltweit, hat seine Anziehungskraft verloren. Zu groß sind die Bedenken über die wirtschaftliche Zukunft angesichts der Probleme in dem Land. Viele zweifeln daran, dass die Regierung die Inflation, die Staatsschulden und die geplanten Strukturreformen in den Griff bekommen wird. Ohne diese werde es mit der Wirtschaft aber nicht vorangehen, sagen Experten. Frische Investitionen wären insbesondere nötig, um die marode Infrastruktur in Indien zu flicken, die der Bevölkerungsexplosion und dem rasanten Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre nicht standhält.

Das Land stecke in der „Falle des Niedrigwachstums", weil es immer weniger frische Kapitalausgaben gebe, sagt Rupa Rege Nitsure, Chefvolkswirt bei der Bank of Baroda.

Zahlreiche Industrien leiden unter dem Mangel an Investitionen. Im verarbeitenden Gewerbe sei der Abschwung schon deutlich spürbar, sagt Ajay Seth, Finanzvorstand bei Indiens größtem Autohersteller nach Umsatz, Maruti Suzuki India. In der ganzen Branche sank die Nachfrage nach benzinbetriebenen Fahrzeugen zwischen April und Juni im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Daran sei auch die schwächere Binnennachfrage Schuld, sagt Seth.

Die Regierung reagierte prompt auf die neuen Zahlen und kündigte an, die Engpässe für Investitionen im verarbeitenden Gewerbe schleunigst zu beseitigen. Aber Ratingagenturen sind schon von den bisherigen Reformanstrengungen nicht überzeugt, und jetzt ist Indiens „Investment-Grade"-Bonitätsnote in Gefahr.

Das Schlimmste ist noch nicht überstanden

Takahira Ogawa, der bei der US-Ratingagentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit von Staaten beurteilt, malt bereits ein düsteres Bild. Die im Zuge geringerer Niederschläge wohl schwächere Agrarproduktion in diesem Jahr, die hartnäckige Teuerungsrate und der Reformstau belasteten das Wirtschaftswachstum, sagte er am Freitag. Das Schlimmste sei noch nicht überstanden.

Wegen des leicht besseren Wirtschaftswachstums im vergangenen Quartal würde die Ratingagentur ihre Bonitätsnote für Indien aber nicht verändern. Sie bewertet das Land nach wie mit BBB- und sieht den Ausblick negativ.

dapd

Megastromausfall in Indien: Ein Friseur schneidet einem Kunden in Kalkutta bei Kerzenlicht die Haare.

Umgekehrt werde sich die Bonitätsnote für Indien aber auch nicht weiter verschlechtern, teilte die Ratingagentur Moody's mit, weil Indiens Spar- und Investitionsquote im Vergleich zu ähnlich eingestuften Ländern noch immer etwas höher ausfielen. „Wir rechnen damit, dass Indiens zyklischer Abschwung noch in den nächsten Quartalen anhalten wird", sagt Atsi Sheth, Analystin bei Moody's. Die Dürre werde diesen Abschwung noch verschlimmern, sagt sie, weil die landwirtschaftliche Produktion sinken werde und die höheren Lebensmittelpreise die Konsumausgaben der Haushalte einschränken würden.

Volkswirte halten die Zinspolitik der indischen Zentralbank für den größten Hemmschuh. Die indische Notenbank hat in den Jahren 2010 und 2011 mehrfach den Leitzins angehoben und in den Augen der Fachleute damit den Konsum im Land abgewürgt und die Kosten der Kreditaufnahme erhöht. Deshalb hätten viele Unternehmen in Indien ihre Expansionspläne auf Eis gelegt.

Der Westen kauft weniger Güter ein

Unter dem Druck von außen – vor allem weil die Eurozonenkrise und die schwächelnde US-Wirtschaft inzwischen Indiens Exporte bremsen – senkte die Zentralbank im April den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte. Seitdem aber hält sie ihn unverändert, obwohl die regenarme Monsunzeit in diesem Jahr den Druck auf die Preise erhöht. In den vergangenen beiden Jahren hat sie insgesamt 13 Mal den Leitzins gesenkt. Viele Unternehmen haben weitere Zinsschritte gefordert.

Fachleute sagen voraus, dass die Gesamtwirtschaft in diesem Jahr um noch weniger als die 6,5 Prozent im vergangenen Jahr wachsen wird. Schon die Wachstumsrate im Jahr 2011 aber war so gering wie seit 9 Jahren nicht mehr. Zahlreiche Volkswirte rechnen für 2012 nur noch mit einem Wachstum zwischen 5 und 5,5 Prozent.

Die Regierung sieht das anders. Nach Ansicht von C. Rangarajan, Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabs des indischen Ministerpräsidenten, deutet die BIP-Wachstumsrate zwischen April und Juni auf eine Trendwende hin. Das Wachstum werde nun anziehen und in diesem Jahr wohl bei 6,5 Prozent liegen, sagt er.

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