• The Wall Street Journal

Krisenfestigkeit von Schokolade auf dem Prüfstand

    Von MICHAEL HADDON und NEENA RAI
dapd

Aus Kakao wird Schokolade: Die Preise für den Dezembervertrag an der Londoner Terminbörse NYSE Liffe sind seit Ende August um etwa elf Prozent gefallen.

Die Kakaopreise leiden derzeit darunter, dass die klammen Europäer womöglich stärker an Süßigkeiten sparen könnten. Doch Analysten glaubten, dass Spekulanten den Abschwung der Preise überschätzt haben.

Die Preise für den Dezembervertrag an der Londoner Terminbörse NYSE Liffe sind seit Ende August um etwa elf Prozent gefallen und standen am Montag bei £1.514 (1.864 Euro) pro Tonne.

„Die Idee, dass Schokolade immun gegenüber Rezessionen ist, wird gerade auf die Probe gestellt", sagt Marcia Mogelonsky, Analystin beim Analysehaus Mintel. „Viele Verbraucher wechseln momentan zu günstigeren Hausmarken oder kaufen erst nach Feiertagen ihre Schokolade, wenn diese reduziert ist."

16,2 Prozent weniger als im Vorjahr

Am Dienstag veröffentlichte die European Cocoa Association Zahlen zur Menge des verarbeiteten Kakaos in den drei Monaten bis Ende September. Im Vorjahresvergleich fiel diese Menge um 16,2 Prozent. Viele Experten hatten jedoch mit Abnahmen von 20 bis 30 Prozent gerechnet.

Eric Sivry, Leiter für Agrar-Optionen beim Brokerhaus Marex Spectron, sagt, das dritte Quartal 2011 sei ein schwieriger Vergleichszeitraum, da damals so viel Kakao verarbeitet wurde wie nie zuvor.

Nach der Veröffentlichung der Daten stieg der Preis für die Terminkontrakte trotz des zweistelligen Einbruchs leicht. Kein Wunder, sagt Sivry: „Spekulanten haben die schlechten Nachrichten schon vorhergesehen."

Die Abnahme der verarbeiteten Kakaomenge hat auch technische Gründe. Im Zeitraum 2011/2012 entstanden neue Verarbeitungskapazitäten, die die Nachfrage überstiegen. Die Vorräte braucht der Markt gerade erst auf.

Menge an gemahlenem Kakao wird steigen

Keith Flury, Analyst bei der Rabobank, glaubt, dass die Menge an gemahlenem Kakao im vierten Quartal aufgrund der Margen steigen wird.

Und obwohl die Kakaonachfrage in Westeuropa zu sinken scheint, soll der Markt 2012 gemessen am Wert der Waren nur um fünf Prozent schrumpfen, sagt Mogelonsky.

Schwache Verarbeitungszahlen ließen sich auch mit einer Verlagerung nach Westafrika und Asien erklären, da große verarbeitende Firmen Kosten sparen wollen, indem sie den Kakao im Ursprungsland mahlen.

Die Manöver des weltgrößten Kakaoproduzenten, der Elfenbeinküste, haben ebenfalls den Markt belastet. Es gibt so viel Kakao in dem Land, dass die Regierung ihn sogar schon vor der Ernte verkauft. Die Terminverkäufe und die Festlegung eines Tiefstpreises für die Bauern sollen die Einkünfte stabil halten.

Doch die Sorgen, dass einige Bauern die neuen Verträge nicht einhalten könnten, um von den höheren Preisen in den Nachbarländern zu profitieren, könnten der Flaute noch entgegenwirken. Edward George, Leiter für Agrarrohstoffe bei der afrikanischen Ecobank, sagt, die Umstellungen an der Elfenbeinküste überschatteten den Weltmarkt weiterhin.

„Man muss daran denken, dass dies das erste Jahr ist, in dem die Elfenbeinküste als größter Produzent seine Ernte mit Terminkontrakten verkauft hat", sagt George. „Doch es besteht ein Risiko, dass die Futures nicht eingehalten werden."

Möglich ist, dass die Bauern, die einen niedrigeren Preis von etwa 1.093 Euro pro Tonne erhalten, ihren Kakao lieber in das Nachbarland Ghana bringen und ihn dort für mehr Geld verkaufen. In Ghana liegt der Mindestpreis pro Tonne bei 1.365 Euro. Die Käufer, deren Verträge nicht eingehalten wurden, müssten am offenen Markt ihren Kakao einkaufen.

Langfristig könnten die Veränderungen an der Elfenbeinküste jedoch dazu führen, dass der Kakaopreis weniger volatil ist, berichtet Barclays.

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