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Taifun Haiyan: Wie die Katastrophe ihren Lauf nahm

    Von TE-PING CHEN, JAMES T. AREDDY und JAMES HOOKWAY

After Supertyphoon Haiyan hit the Philippines, even key leaders were swept up in the tsunami-like storm surge. The WSJ's Ramy Inocencio speaks with a national Cabinet minister, the Tacloban mayor, a Red Cross head and a Catholic official on the harrowing crisis of Haiyan through their eyes.

TACLOBAN—Tacloban auf den Philippinen liegt idyllisch. Umrahmt von sanften Hügeln gibt der Ort den Blick auf die strahlend blauen Wellen des Pazifischen Ozeans frei. Die betriebsame Provinzhauptstadt mit mehr als 220.000 Einwohnern hatte zum Sprung nach vorn angesetzt. Etwas außerhalb des belebten Hafens und den Kathedralen, die das Küstenufer säumten, findet sich der Strandabschnitt, an dem der amerikanische General Douglas MacArthur während des Zweiten Weltkriegs landete, um die Philippinen von den japanischen Besetzern zurückzuerobern. Am Wochenende strömten die Bauern und die Bewohner ärmerer Dörfer aus dem weiten Umkreis in die Stadt, um sich die neuesten Kinofilme anzusehen oder einen Streifzug durch die Einkaufsgalerien zu unternehmen.

In der ersten Novemberwoche dieses Jahres bewegte sich einer der heftigsten Tropenstürme, der je auf Land treffen sollte, auf Tacloban zu. Die Stadt lag direkt in der Einfallschneise des Supertaifuns. Die Verantwortlichen waren vorgewarnt und hatten, Tage bevor das gewaltige Sturmsystem über die Philippinen hereinbrechen sollte, eilig Vorbereitungen getroffen. Gegen Ende der Woche waren sie überzeugt, alles im Griff zu haben.

Eine gewaltige Fehleinschätzung. Wie sich auf tragische Weise zeigen sollte, waren viele der Vorkehrungen völlig unzureichend. Einige Offizielle hatten das Ausmaß der höchsten Bedrohung, die der Taifun Haiyan für die Stadt Tacloban und ihre Umgebung darstellte, falsch berechnet. Bei der Sturmwarnung wurden missverständliche Begriffe verwendet, so dass die Bevölkerung nicht wusste, was auf sie zukommt. Die Verantwortlichen lagen auch bei ihren Prognosen über die zu erwartenden Verwüstungen des Sturms daneben und ließen viel zu wenige Vorräte anlegen, damit die Stadtbewohner eine Notsituation überstehen könnten. Und es gelang ihnen trotz energischer Anstrengungen nicht, viele der am stärksten gefährdeten Anwohner aus der Gefahrenzone zu bringen. Fast vierundzwanzig Stunden lang hatten weder Vertreter der Kommune noch des Landes in Tacloban auch nur die Möglichkeit, um Hilfe zu ersuchen. Einen derart gewaltigen Sturm hatten sie sich einfach nicht vorstellen können.

Der Mangel an Vorstellungskraft und Weitsicht der philippinischen Behördenvertreter traf auf die Skepsis der Anwohner über die Stärke des Sturms. Die verstreute Inselgruppe wird schließlich jedes Jahr von etwa zwanzig Orkanen heimgesucht. Und schlimmer als die würde wohl auch Haiyan nicht werden, hatten die Sturmerprobten gedacht. Diese kollektive Fehleinschätzung des Supertaifuns hatte tödliche Folgen.

Als der Sturm aufzog, hatte der philippinische Präsident Benigno Aquino III seinen Beamten eingeschärft, dafür zu sorgen, dass das Unwetter überhaupt keine Todesopfer fordert. Aquino war bei den philippinischen Bürgern auch deshalb so beliebt, weil unter seiner Regierung die Verwaltung weitgehend reibungslos funktionierte. Bis zum vergangenen Wochenende ist die Zahl der Opfer, die bei dem Taifun ums Leben kamen, auf 5.235 Menschen gestiegen, weitere 1.613 werden vermisst. Die meisten starben in Tacloban und in den umliegenden Gebieten.

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[image] US Naval Research Lab/Associated Press

Ein Satellitenbild des U.S. Naval Research Lab zeigt Taifun Haiyan, als er am 7. November Kurs auf die Philippinen nimmt.

Am 3. November befand sich Alfred Romualdez, der Bürgermeister von Tacloban, auf einer einwöchigen Urlaubsreise. Zusammen mit Seelsorgern seiner Kirchengemeinde fuhr er auf dem Motorrad durch Reis-Terrassen im Norden der Philippinen. Er wusste bereits, dass sich ein Sturm zusammenbraute. Als er auf seinem iPad nachsah, wie das Windsystem sich entwickelte, sah er, dass sich die wogende Wolkenmasse geradewegs auf seine Stadt etwa 760 Kilometer im Süden zubewegte.

Er habe seinen Stellvertreter Tecson Lim angerufen, sagt Romualdez. Der 37-jährige Lim versieht sein Amt als Stadtverwalter mit Hingabe und drückt gern jedem Besucher Tacloban-Autoaufkleber in die Hand. Er habe Lim aufgefordert, die Stadt für die Ankunft des Sturms zu wappnen, berichtet Romualdez. Bei einem eilends einberufenen Treffen hätten die Offiziellen der Stadt in einem Gebet um göttlichen Beistand und Schutz und um den richtigen Ratschluss für die ersucht, die die Aufgabe hatten, die Stadt vor dem Unwetter zu bewahren.

Die Gebete waren vergeblich

Während dieser Zusammenkunft klingelte Lims Telefon, wie er sich später in einem Interview erinnerte. Wieder war der Bürgermeister am Apparat. Dieses Mal habe er angeordnet, Stadtbewohner, von denen viele in nicht sehr stabil gebauten Häusern wohnten, zu evakuieren und in solideren öffentlichen Gebäuden und Schulen unterzubringen. Lim und andere aus der Stadtverwaltung hofften, diese Maßnahme würde sich als unnötig erweisen. "Wir hofften und beteten immer noch, dass er an uns vorbeiziehen würde", sagte er.

Auch in der Landeshauptstadt Manila verfolgten Regierungsbeamte genau, welche Bahn der Taifun Haiyan oder Yolanda, wie der Sturm vor Ort getauft worden war, einschlug. Neu installierte Dopplerradarstationen lieferten ihnen dabei ein viel klareres Bild als in der Vergangenheit, wie groß das System war, wie stark die Winde und wie turbulent die Wassermassen, die es mit sich führte.

Was sie sahen, war erschreckend. Die philippinische Behörde für atmosphärische, geophysische und astronomische Dienste, das maßgebliche Amt für Wetterprognosen der Regierung, warnte, es könnten Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 Stundenkilometern erreicht werden, berichten Beamte aus Manila.

Windstärken bis zu 380 Stundenkilometern

Das Taifun-Warnzentrum des US-Militärs auf Hawaii verzeichnete anhaltende Winde von 314 Stundenkilometern und Böen von bis zu 380 Stundenkilometern. Ein derart kraftgeladenes Sturmsystem kommt einem Hurrikan der Kategorie fünf gleich, bei dem das amerikanische Nationale Wetteramt davon ausgeht, dass er "katastrophale Schäden" nach sich zieht, und weite Gebiete Wochen oder Monate lang nicht bewohnbar sind.

Und die Wetterbeobachter machten zudem ein seltenes Vorkommnis aus: Das Risiko einer Sturmflut, die bis zu sieben Meter hoch anschwellen könnte. Das war ungewöhnlich, denn Taifune sind zwar stets von starken Winden begleitet, bringen aber in der Regel keine sich auftürmenden Wellen mit sich.

Alle diese Beobachtungen zusammen deuteten auf die Wahrscheinlichkeit hin, dass Taifun Haiyan die gleiche Wirkung wie ein massiver Tsunami entfalten könnte.

Bollwerke sollten dem Unwetter standhalten

Es war davon auszugehen, dass der Sturm Ende der Woche auf Land treffen würde. Deshalb gingen die Verantwortlichen in Tacloban und Manila dazu über, Bollwerke zu errichten, von denen sie dachten, sie könnten sogar einem Unwetter dieses gewaltigen Ausmaßes standhalten.

Das philippinische Militär machte drei Flugzeuge des Typs C-130 mit Vorräten und 32 Hubschrauber für den Fall startklar, dass sie in Tacloban und den umliegenden Provinzen Leyte und Samar gebraucht würden. Rund zwanzig Marineschiffe wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

[image] Tammy David for The Wall Street Journal

Stadtverwalter Tecson Lim, oben, und die Frau des Bürgermeisters, Cristina Gonzales-Romualdez.

In Reaktion auf die Order des Bürgermeisters erarbeiteten Offizielle in Tacloban Pläne, um viele der über 220.000 Einwohner der Stadt in 23 Evakuierungszentren unterzubringen. Sie sollten in Schulen und einem Tageszentrum in Tacloban namens Astrodome Schutz finden.

Sorge habe ihnen dabei bereitet, gestehen einige Beamte, dass die meisten Schulen der Stadt nur darauf ausgelegt waren, maximalen Windgeschwindigkeiten von 160 Stundenkilometern standzuhalten. Sie entschieden sich aber dennoch für eine Verlegung der Bewohner in die Schulen, denn diese Gebäude würden den Menschen immerhin mehr Schutz bieten als viele der Wohnhäuser, besonders im Hinblick auf die lange Reihe an Baracken mit nur einem Zimmer, die sich an der Bucht entlang zog.

Am Mittwoch, dem 6. November, hatte sich Bürgermeister Romualdez eilends auf die Rückreise aus dem Norden des Landes nach Tacloban begeben. Währenddessen lud sein Stellvertreter Lim zu einer Pressekonferenz im Rathaus der Stadt, einem zweistöckigen Gebäude mit verblichener Fassade, Linoleum-Fliesen, abgesplitterten Holztüren und einer philippinischen Flagge. Draußen schien die Sonne vom wolkenlosen, strahlend blauen Himmel. Drinnen gab sich Lim, wie er erzählt, vor den laufenden Fernsehkameras mit einer bewusst strengen Haltung alle Mühe, den Ernst der Lage und das Ausmaß der Bedrohung für die Stadt zu vermitteln.

Es sei "der stärkste Sturm, mit dem wir je konfrontiert waren", erinnert er sich an seine Worte. Bei den heftigen Windstößen "werden die Leute nicht aufrecht stehen können", warnte er. "Er wird Autos versetzen."

Die Wahrscheinlichkeit einer Sturmflut, die die Wetterbeobachter in Manila ausgemacht hatten, ließ er unerwähnt. Er und andere Stadtobere verteidigen sich heute: Sie hätten kaum eine Vorstellung davon gehabt, was mit dem Begriff überhaupt gemeint gewesen sei, ganz zu schweigen davon, wie hoch oder verhängnisvoll diese Sturmflut ausfallen könnte. "Was mir durch den Kopf ging, waren die Windstöße und herumfliegende Trümmer und der Regen", sagte Lim später.

Courtesy of Tecson Lim

Behördenvertreter und der Bürgermeister im Konferenzraum des Rathauses am 7. November, weniger als 24 Stunden vor dem Eintreffen des Sturms. Bürgermeister Alfred Romualdez ist an seinem pinken T-Shirt zu erkennen.

Hunderte Beamte – darunter auch die glamouröse Frau des Bürgermeisters, Cristina "Kring-Kring" Gonzales-Romualdez, eine Stadträtin und ehemalige Filmschauspielerin – zogen durch die Straßen der Stadt und klopften an die Haustüren, um die Bürger zu warnen. Im Radio und im Fernsehen appellierten sie an die Bewohner, unbedingt Schutz in einem der Evakuierungszentren zu suchen.

Aber sie zwangen niemanden mit Gewalt dazu, sein Haus auch wirklich zu verlassen. Die Option ließ sich auch nur schwer verkaufen. Viele Bewohner beharrten darauf, ihr Hab und Gut bewachen zu wollen. Andere wollten nicht so recht an die drohende Gefahr glauben. Eine Tsunami-Warnung und die darauf folgende Massenevakuierung im August 2012 hatten sich schließlich auch als falscher Alarm herausgestellt. Die Beamten hätten aus Angst vor möglichen Gewaltausbrüchen davor zurückgescheut, die Bewohner unter Zwang aus ihren Häusern zu holen, sagt Salvador Estudillo, ein städtischer Angestellter, der den Evakuierungseinsatz leitete. "Unsere Leute sagten zu ihnen: 'Was ist mehr wert – euer Leben oder euer Besitz? Wenn ihr nicht herauskommt, dann schiebt nicht uns die Schuld in die Schuhe", berichtet Estudillo.

Insgesamt begaben sich letztendlich rund 15.300 der über 220.000 Einwohner in die Schutzeinrichtungen der Stadt. In der behelfsmäßig eingerichteten Kommandozentrale im Rathaus wurde mit Hilfe von Landkarten und einer Wandtafel der Fortgang der Evakuierung festgehalten. Viele besonders Gefährdete aber verließen ihre Häuser nicht. Sie wollten den Sturm zuhause überstehen.

Dies sei kein gewöhnlicher Sturm. Darauf wies Bürgermeister Romualdez am Donnerstagmorgen die Öffentlichkeit noch einmal hin. Zu diesem Zeitpunkt war damit zu rechnen, dass Taifun Haiyan in rund 24 Stunden über den Ort hereinbrechen würde. Der große Mann mit dem freundlichen Gesicht, der in seiner Freizeit am liebsten Jet-Ski fährt, taucht und auf dem Boot herumschippert, sagt von sich selbst nicht ohne Stolz, dass er seine Amtsgeschäfte auf zupackende Art und Weise verrichtet und kein Blatt vor den Mund nimmt. Während einer Sitzung mit seiner Belegschaft deutete er auf einen Bildschirm, der Bilder des Sturmsystems zeigte. Die Sturmflut könnte fünf Meter hoch werden, warnte er mit einer nachdrücklichen Geste. Später gestand er in einem Interview, die Zahl in der Hoffnung aus dem Hut gezaubert zu haben, den Menschen damit genug Angst machen zu können, dass sie sich in Bewegung setzten.

Luftbilder: Taifun Haiyan verwüstet die Philippinen

AFP/Getty Images

Doch selbst zu diesem Zeitpunkt traf die Warnung immer noch weitgehend auf taube Ohren. Zum Teil lag dies daran, dass der Begriff "Flutwelle" selbst denen nicht vertraut war, die schon seit Jahren an heftige Stürme gewöhnt sind. "Wenn sie es einen Tsunami genannt hätten, hätte ich sehr viel Angst gehabt", sagt Evelyn Cordero, die amtierende Leiterin des Amts für staatliche Dienste, das für die Bevorratung der Stadt sorgt. "Aber als sie 'Sturmflut' sagten, hat es bei mir nicht wirklich Klick gemacht."

Der Unterschied zwischen diesen beiden Naturereignissen liegt strikt genommen in ihrem Ursprung und nicht in dem Ausmaß, das sie annehmen können. Der staatliche philippinische Wetterdienst, auf dessen Prognosen sich die Verantwortlichen in Manila und Tacloban in der Einschätzung von Haiyan verließen, zieht den Begriff "Sturmflut" heran, um gigantische Wellen zu beschreiben, die von Veränderungen im atmosphärischen Druck und durch starke Winde bei Tropenstürmen ausgelöst werden. Ein Tsunami dagegen wird von Erdbeben in Gang gesetzt.

Am Donnerstag um die Mittagszeit machten sich viele städtische Angestellte in Tacloban auf den Heimweg, um ihre Familien in Sicherheit zu bringen und ihre Vorräte aufzufüllen. Diejenigen, die im Rathaus verblieben, legten letzte Hand an den Katastrophenabwehrplan der Stadt.

50.000 Euro für Hilfslieferungen beiseite gelegt

Sie hüllten die Computer in den Amtsstuben in Plastikhüllen und rückten die Schreibtische von den Fenstern weg. Etwas mehr als umgerechnet 50.000 Euro wurden beiseite gelegt, um mit dem Geld nach dem Sturm Hilfslieferungen auf die Beine stellen zu können. Etwa zehn tragbare Generatoren und 800 Behälter mit je zwanzig Liter Trinkwasser wurden bereitgestellt, berichten Beamte.

Die US-Regierung empfiehlt, im Katastrophenfall pro Person und Tag im Schnitt knapp vier Liter Trinkwasser zu reservieren. Dieser Norm entsprechend hätte der Trinkwasservorrat für 24 Stunden für rund 4.000 Menschen, und damit nur für weniger als zwei Prozent der Einwohner von Tacloban, ausgereicht.

Den Beamten war es auch nicht in den Sinn gekommen, zusätzliche Polizeikräfte anzufordern, um die annähernd 300 Polizisten der Stadt zu verstärken. Das war weder dem Polizeichef noch dem Bürgermeister notwendig erschienen, wie beide später einräumten. "Wir waren nicht davon ausgegangen, dass der Taifun so schlimm wird", sagte der damalige Polizeichef Domingo Cabillan.

[image] Tammy David for The Wall Street Journal

Innenminister Manuel Roxas am Hafen von Tacloban.

In Manila hielt Präsident Aquino am Donnerstag eine Fernsehansprache. Er warnte vor Sturmfluten, die möglicherweise eine Höhe von sechs Metern erreichen könnten. Er legte den Menschen ans Herz, tiefer gelegene Gebiete zu verlassen. "Lassen Sie es mich wiederholen: Dies ist eine sehr reale Gefahr", sagte er.

Er entsandte den Innenminister des Landes, Manuel "Mar" Roxas II, nach Tacloban. Roxas sollte überprüfen, wie weit die Stadt mit ihren Vorbereitungen gekommen war. Der 56-Jährige, leicht ergraute, hoch gewachsene Enkel eines früheren philippinischen Präsidenten hat an der renommierten amerikanischen Universität Wharton studiert und ist ein enger Vertrauter von Präsident Aquino. Begleitet wurde er vom Verteidigungsminister des Landes.

Erbitterter Konkurrenzkampf zwischen den Familien

Roxas und seine Mannschaft kamen am Donnerstagnachmittag am Flughafen von Tacloban an. In der VIP-Lounge des Flughafens trafen sie mit Vertretern der Kommune zusammen, darunter auch mit Bürgermeister Romualdez. Die Familien Romualdez und Aquino entzweit seit jeher ein erbitterter Konkurrenzkampf. Die ehemalige Präsidentschaftsgattin Imelda Marcos ist die Tante des Bürgermeisters und stammt aus Tacloban. Die Aquinos hatten damals dazu beigetragen, ihren Mann Ferdinand Marcos im Jahr 1986 nach einem Volksaufstand zu stürzen.

Bei dem Treffen jedoch war die Aufmerksamkeit aller auf den drohenden Sturm gerichtet. Roxas wies die Beamten der Stadt unter anderem an, die Blechdächer der Schulen zu sichern und zu beschweren. Arbeitstrupps zogen aus und machten sich überall in der Stadt mit blauen, zwei Zentimeter dicken Nylonseilen zu schaffen.

Als er anschließend durch die Stadt fuhr und die Sicherheitsvorkehrungen unter die Lupe nahm, schien Roxas zufrieden mit dem Anblick, der sich ihm bot. Er schrieb auf Twitter, es habe den Anschein, als sei die Situation unter Kontrolle. "Daumen drücken", notierte er. "Gott segne alle."

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[image] Will Baxter for The Wall Street Journal

Julius Tacugue, 37, blickt am 21. November aufs Meer. Er ist unterwegs von seiner neuen Behausung, die er derzeit baut, zu seiner temporären Bleibe in einem Fischerdorf, das ebenfalls von Taifun Haiyan getroffen wurde.

Das Viertel Fisherman Village liegt in einer Niederung südöstlich vom Stadtzentrum von Tacloban. Hier leben Julius und Angie Tacugue. Als sie davon hörten, dass schon wieder ein Sturm, und dieses Mal auch noch ein besonders schlimmer, im Anmarsch sei, wurden sie nervös. Ein eigenes Fernsehgerät hatten sie nicht. Also machten sie sich wiederholt auf den Weg quer über das Basketballfeld der Gemeinde vor ihrem winzigen Haus, um bei einem Bekannten die Nachrichten zu schauen.

Julius Tacugue ist in Fisherman Village aufgewachsen. Ein paar Jahre lang hatte der Mann mit den dunklen, intensiven Augen und dem knochigen Körperbau außerhalb seiner Heimatgemeinde gelebt. Aber vor drei Jahren zogen er und seine Frau, eine zierliche Person, die sich hektisch bewegt, mit ihren beiden Töchtern in die Stadt zurück.

Angeline ist acht und Angela fünf Jahre alt. Im April 2012 kam ihr Bruder Angelo auf die Welt. Seine Mutter gab ihm den Spitznamen "Guapo"–"der Hübsche" auf Spanisch, das in der ehemaligen spanischen Kolonie nach wie vor gebräuchlich ist.

Seinen Lebensunterhalt verdiente der 37-jährige Familienvater als Zimmermann. Die 33-jährige Angie Tacugue verkaufte gelegentlich Süßigkeiten aus Banane auf dem Markt des Viertels. Die Familie lebte am Rand von Fisherman Village auf einer Landzunge. Auf der einen Seite liegt die Bucht und auf der anderen Seite, fast einen Kilometer entfernt, erstreckt sich das Meer. Die Landzunge verläuft zwischen dem Flughafen von Tacloban und dem beliebten Strandhotel Patio Victoria, das von Angestellten von Bürgermeister Romualdez verwaltet wird. Direkt daneben hatte der Bürgermeister erst vor kurzem sein eigene Villa fertig gebaut.

Will Baxter for The Wall Street Journal

Angie Tacugue, 33.

[image] Will Baxter for The Wall Street Journal

Angeline Tacugue, 8.

Zerstörerische Taifune waren für die Tacugues nichts Neues. Der Taifun Son-Tinh, der im Oktober 2012 zugeschlagen hatte, entwurzelte einen Baum. Der Baum durchschlug das Haus der Familie, das nur ein Zimmer hatte. Erst vor ein paar Monaten war Julius Tacugue mit den Reparaturarbeiten fertig geworden.

Dass Haiyan in den Nachrichten als "Supertaifun" bezeichnet wurde, das sei bei ihnen hängen geblieben. Sie hätten auch durchaus das Wort "Sturmflut" vernommen. Aber keiner um sie herum schien zu wissen, was das bedeuten könnte, sagte das Ehepaar später.

Sie überlegten hin und her, was sie tun sollten. Angie Tacugue wollte zuhause bleiben. Ihr Mann hielt dagegen ein Evakuierungszentrum für sicherer. Sie einigten sich auf einen Kompromiss: Er sollte im Haus bleiben und auf ihre Vorräte und ihren Besitz aufpassen. Der Rest der Familie würde zur nahe gelegenen Grundschule der beiden Töchter gehen, die als Schutzraum diente. Angie Tacugue packte für die Kinder Kleider zum Wechseln ein.

Die Schule bestand aus einer Reihe von einstöckigen Klassenzimmern, die mit Wellblech gedeckt waren. Sie hatte den Anwohnern bereits bei früheren Stürmen als Unterschlupf gedient. Doch dieses Mal stand die Schule den Schutzsuchenden nicht offen. Die Vorsitzende des Gemeinderats, Emilita S. Montalban, hatte das Gebäude für unsicher erklärt. Die 48-jährige Gemeindevorsteherin lebte in einem Steinhaus in direkter Nachbarschaft zur Schule. Seit über einem Tag hatte sie den Nachbarn schon geraten, sich zum rund 4,5 Kilometer entfernten Astrodome in der Nähe der Cancabato-Bucht aufzumachen. Sie selbst und ihre Familie zogen in ein Hotel in der Innenstadt um.

Satellitenbilder: vorher/nachher

Am Donnerstagabend gegen 19 Uhr kehrte Montalban in das Wohnviertel zurück. In etwa zehn Stunden sollte Taifun Haiyan über die Stadt hereinbrechen. Die Gemeinderatsvorsitzende warnte die Anwohner erneut, das Schulgebäude sei der Heftigkeit des drohenden Unwetters nicht gewachsen. Das finge schon damit an, dass es nicht auf einer Anhöhe liege, sagte sie den Nachbarn.

Angie Tacugue und andere hörten ihre Warnungen. Doch als die Nacht hereinbrach und der Himmel klar blieb und die Sterne deutlich zu sehen waren, spielten sie das Risiko herunter. Die Schule lag in der Nähe einer geschützten Bucht. Und der Pazifik schien zu weit weg, um ihnen gefährlich werden zu können, redeten sie sich gegenseitig ein.

Sie hätte auch gar nicht gewusst, wie sie zum Astrodome hätte gelangen sollen, selbst wenn sie sich dazu durchgerungen hätte, von der Schule wegzugehen, sagt Tacugue. Die Straßen der Stadt leerten sich bereits, während die Leute sich beeilten, in ihre Häuser zu gelangen.

Um 22 Uhr schickte Taifun Haiyan die ersten Regengüsse über die Stadt. Die Tacugues brachten Angeline, Angela, und Angelo – in seinen Windeln und einem weißen, ärmellosem Hemd – zur Grundschule, die nicht weit von ihrem Haus entfernt lag. Die Familie schlug ihr Lager im Schulzimmer der 3. Klasse auf, von dessen Wand das Porträt von Präsident Aquino herab grüßte. Rund 20 Kinder hätten sich in dem Raum befunden, sagt Angie Tacugue. Weiter unten am Gang war ein Klassenzimmer, in dem vor allem ältere Leute untergekommen waren. Alles in allem hatten etwa 300 Menschen in der Schule Unterschlupf gesucht. Sie warteten dicht gedrängt und voller Angst darauf, dass der Sturm über sie hinweg zog.

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[image] Courtesy of Tecson Lim

Der Taifun erreicht das Rathaus von Tacloban. Dieses Foto wurde am 8. November aus einem der inneren Zimmer heraus gemacht.

Taifun Haiyan traf am Freitag, den 8. November, in den frühen Morgenstunden mit voller Wucht in Tacloban auf Land. Wie das heulende Triebwerk eines Flugzeugs habe der Sturm sich angehört, berichten Anwohner. Andere sagen, es habe wie ein lautes Schreien geklungen. Innerhalb weniger Minuten rafften die Wassermassen, die Haiyan mit sich führte, die Verteidigungslinien der Stadt fast völlig dahin. Die Anstrengungen der gesamten vorherigen Woche erwiesen sich im Handumdrehen als nutzlos.

Innenminister Roxas hatte sich gerade zu einer abschließenden Besprechung mit seinem Team eingefunden. Sie hatten vorübergehend Quartier im Leyte Park Resort Hotel auf einem Hügel über der Cancabato-Bucht von Tacloban bezogen. Roxas wollte eben die letzten Maßnahmen zur Abwehr des Sturms ansprechen, als heftige Windstöße die Fenster des Sitzungssaals eindrückten. Sie rannten zur Treppe, um sich in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig brach ihre Verbindung zur Außenwelt zusammen. Damit war der ranghöchste philippinische Beamte für die Krisenintervention von der Kommunikation mit Manila und dem Rest des Landes abgeschnitten. Ein Satellitentelefon hatte Roxas nicht mitgebracht – ein Versäumnis, das er bereute, wie er später gestand.

Im Rathaus hatte eine Rumpfmannschaft über Nacht ausgeharrt, um bei der Ankunft des Supertaifuns schneller reagieren zu können. Als die Böen immer heftiger wurden und Fenster entzwei brachen, flohen die Beamten aus ihren Büros. Sie kauerten sich in der Küche neben dem Amtszimmer des Bürgermeisters zusammen. Einige trugen Motorradhelme, viele hatten in stillem Gebet die Köpfe gebeugt, andere weinten, berichten Augenzeugen.

Teile des Dachs werden weggerissen

Im benachbarten Bürgerbüro wurden Teile des Dachs weggerissen. Die Mitarbeiter des Amts rannten nach unten, retteten sich in einen Lagerraum im Keller und schlossen die Tür, erzählt Liliosa Baltazar, eine der städtischen Angestellten. Als sie sahen, wie Wasser in den Keller eindrang, warfen zwei Männer auf der Suche nach einem Fluchtweg Fensterscheiben ein. Doch draußen herrschte das absolute Chaos. Trümmer – Beton- und Blechteile und umgestürzte Bäume – flogen durch den heulenden Wind und den peitschenden Regen. Sie arbeiteten sich über die Treppe wieder nach oben, gelangten in den zweiten Stock und warteten.

Im Astrodome am anderen Ende der Stadt riss der Sturm einen Teil des Gebäudedachs ab. Es flog einfach davon. Im Hauptevakuierungszentrum der Stadt hatten etwa 8.000 Menschen Zuflucht gesucht. Die Fenster, die die Decke des Tagungszentrums säumten, zersplitterten. Die Menschen schrien und rannten los, um in Büroräume zu gelangen, die ein Stockwerk tiefer lagen. Als dort jedoch Wasser einzudringen begann, machten sie sofort wieder kehrt und flohen die Tribüne hinauf, so weit es nur ging. Viele schützten ihre Köpfe mit Decken vor herunterfallenden Gebäudeteilen, berichten Offizielle.

In der Nähe von Fisherman Village ging Bürgermeister Romualdez im Garten seines frisch fertig gestellten Hauses hin und her. Auch er hatte sich dafür entscheiden, nicht in höher gelegene Gegenden oder in ein Evakuierungszentrum auszuweichen. Er habe die Geschehnisse vor Ort aus nächster Nähe im Auge behalten wollen, sagte er später. Während der Sturm um ihn herum toste, habe er sich entschlossen, nachzuschauen, was mit dem Pazifik geschah. Er ging zu der Strandhotelanlage nebenan, durchquerte sie, ging in den Garten hinunter und war in kürzester Zeit von Wasser eingeschlossen, das vom Meer her herein brandete.

Alles, was sie sahen, war Wasser

Er und einige Helfer retteten sich ins Innere des Gebäudes, in eine Toilette neben dem Speisesaal, stiegen auf einen Tisch und schlugen ein Loch in die Zimmerdecke. Sie kletterten einander auf die Schultern, hievten sich nach oben und gelangten nach draußen. Die Gruppe stellte sich im heulenden Wind auf das Dach des Hotels, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Die Männer hielten Ausschau nach dem Flughafen, den Häusern ihrer Nachbarn und dem nahen Viertel Fisherman Village. Doch alles, was sie sahen, war Wasser.

In dem Moment habe er zum ersten Mal erkannt, dass der Sturm bei weitem alles übertraf, was die Stadt jemals aus eigener Kraft würde bewältigen können, sagte Romualdez später.

Seine Frau und seine Tochter warteten in einem anderen Haus der Familie auf ihn. Als das Dach des Hauses teilweise weggerissen wurde, flüchteten sie zusammen mit ihrem Kindermädchen nach draußen, stiegen in ihren Toyota, der dort geparkt war, und schlugen die Autotüren zu. Doch das Wasser um sie herum begann zu steigen. Panik ergriff die Frauen, als die Wellen ihre gesamte Umgebung überspülten. Sie kletterten schnell aus dem Auto. Das Wasser stand schließlich so hoch, dass ihnen nichts mehr anderes übrig blieb, als sich an Trümmer vom Dach des Nachbarhauses zu klammern. Daran hielten sie sich fest, bis das Wasser wieder zurückging. Um sie herum dümpelten ihre sechs Autos – eine Suppe aus Toyotas, einem Chrysler, einem Ford mit Vierradantrieb und einem schwarzen Chevrolet.

Vielleicht hätten wir 'Tsunami' sagen sollen. Dann wäre den Menschen die Gefahr wenigstens stärker bewusst gewesen. Innenminister Manuel "Mar" Roxas II

Auch im Haus der Tacugues stieg das Wasser schnell. Teile der Wände brachen weg. Julius Tacugue flüchtete in Richtung Schule, um zu seiner Frau, seinen beiden Töchtern und seinem 18-monatigen Sohn zu gelangen, die sich dort in Sicherheit hatten bringen wollen. Als er nach ein paar Schritten den Basketballplatz des Viertels vor seinem Haus erreicht hatte, sei das hereinströmende Wasser knapp an seine Knie gelangt, erzählt er. Doch als er am anderen Ende des Spielfelds ankam, sei er bereits bis zum Hals in den Fluten versunken. Eine Welle packte ihn, trug ihn nach oben, bis er so hoch war wie die umstehenden Bäume. Die Flut begann, ihn in Richtung Bucht zu drücken.

Er griff nach dem einzigen Gegenstand, der sich ihm bot: Er packte die Stromleitung. Der Strom sei schon vor Stunden ausgefallen, deshalb müsste er sich eigentlich gefahrlos an dem Kabel festhalten können, sei ihm durch den Kopf geschossen, wie er später berichtete.

In der Fisherman-Village-Grundschule brach das Wasser so schnell in die Klassenzimmer ein, dass einige der dort Schutzsuchenden an die Decke gepresst wurden. Andere spülten die dunklen Wassermassen nach draußen auf den Schulhof.

Das Wasser reichte ihr bis zu den Augen

Angie Tacugue hielt ihre drei Kinder fest, so gut sie irgend konnte. Sie schluckte Wasser. Das Wasser reichte ihr bis zu den Augen. Als sie sie öffnete, erspähte sie auf der anderen Seite des Schulhofs das gebogene, rote Dach der Schule. Sie war zwar auf einer Insel aufgewachsen, aber schwimmen konnte sie nicht. Sie hatte Asthma und fürchtete sich vor Wasser.

Sie verlor die Orientierung in den gurgelnden Wellen. Dann tauchte plötzlich ein Nachbar, Erwin Golong, neben ihr auf. "Hilf meinen Kindern, nicht mir", habe sie ihm zugerufen, sagt sie. Golong packte die Mädchen und setzte sich auf das rote Schuldach. Doch in den wirbelnden Wassermassen verschwand Angelo.

Innerhalb von Sekunden zog sich das Wasser wieder zurück. Julius Tacugue ließ die Stromleitung los und sank auf den Boden zurück. Um ihn herum peitschte der Regen.

[image] Will Baxter for The Wall Street Journal

Angie Tacugue (hinten links) und ihr Ehemann Julius mit den zwei verbliebenen Kindern (Angela, 5, vorne links, und Angeline, 8) in Tacloban. Ihr 18 Monate alter Sohn kam während des Taifuns ums Leben.

Angie Tacugue suchte hektisch nach Angelo. Ihr Mann kam in der Schule an, schloss sie und seine Töchter fest in die Arme und machte sich auf die Suche nach seinem Sohn. Menschen strömten aus der Schule. Sie alle suchten nach Freunden, Verwandten, Nachbarn, die von der Brandung weggerissen worden waren. An einer Betonwand rund fünfzig Meter von der Schule entfernt sah Julius Tacugue einen seiner Freunde stehen. Er hielt ein Baby in den Armen. Es war der leblose Körper von Angelo.

Dass sie ihr Baby überhaupt gefunden haben, ist ein kleiner Trost für Angie Tacugue in all ihrem Leid. "Bei all den Vermissten habe ich Gott sei Dank meinen Jungen gefunden", sagt sie. Von den etwa 300 Menschen, die in der Schule Zuflucht gesucht hatten, kamen mindestens 23 ums Leben, berichtet ein Nachbar, der später mithalf, die Leichen wegzubringen.

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Gegen zehn Uhr am Freitagmorgen ließ der Supertaifun endlich ab von Tacloban. Haiyan zog weiter und schleppte fast die ganze Stadt mit sich fort. Im Leyte Park Resort Hotel bahnten sich Minister Roxas und sein kleines Gefolge von Regierungsbeamten vorsichtig einen Weg nach draußen. Was sie erblickten, verschlug ihnen den Atem.

Die Sturmflut, die so hoch war wie zwei Stockwerke, hatte die flache, auf Meereshöhe gelegene Halbinsel, auf der Tacloban erbaut war, leer gefegt. Tote lagen auf den Straßen. Dicke Bäume waren aus dem Boden gerissen und quer über die Straße geschleudert worden. Umgekippte Autos lagen in den Feldern. Ganze Viertel von Holzhäusern waren zermalmt und in eine nasse, übel riechende, breiige Masse verwandelt worden. Große Tanker lagen mitten auf dem Strand. Die Hügel mit Kokospalmen, die die Stadt umgaben, waren nahezu kahl.

Die Regierungsbeamten liefen am Rathaus vorbei, das auf einem Hügel mit Blick über die Bucht liegt. Die Fenster waren herausgeschlagen. Kein Lebenszeichen drang nach außen. Drinnen gab es keinen Strom, die Telefone waren tot. Sie kämpften sich zur nächsten Polizeiwache vor.

Gegen 16 Uhr – rund zehn Stunden, nachdem Haiyan zugeschlagen hatte – begegneten sich Roxas und Bürgermeister Romualdez zufällig mitten auf der Straße. Der Bürgermeister hatte einen roten Overall übergestreift. Er war zusammen mit seiner Familie zu Fuß auf dem Weg in die Innenstadt. "Es hat uns erwischt, aber mit uns ist alles in Ordnung", sagte Romualdez zu Roxas.

Schneise durch das Chaos schlagen

In der Stadt versuchten Mitarbeiter des Bürgermeisters, eine Schneise durch das Chaos zu schlagen. Mit bloßen Händen räumten sie Stahlträger und entwurzelte Bäume aus dem Weg. Hinter ihnen fuhr ein Laster her, der den Schutt aufsammelte. Sie hofften, sich zum Flughafen durchschlagen zu können, um dort eine Verbindung zur Außenwelt aufzubauen.

Dass in Tacloban gespenstische Stille herrschte, alarmierte die Staatsoberen in Manila. Präsident Aquino entsandte einen Trupp Soldaten in die Stadt. Von ihrem Stützpunkt bei Catbalogan City, rund 100 Kilometer nördlich von Tacloban, sollten sie sich größtenteils zu Fuß aufmachen, um Kontakt zu Roxas und den anderen herzustellen.

Ein Fußmarsch erschien als die einzig verbliebene Option, denn die Straßen waren unpassierbar. Bäume blockierten die Durchfahrt. Und die zuständigen Beamten wussten nicht, ob oder wo sie mit Hubschraubern in Tacloban landen könnten.

[image] Bullit Marquez/Associated Press

Der Flughafen von Tacloban ist nach dem Taifun bedeckt von Schrott und Müll. Dieses Foto datiert vom 9. November.

Zwanzig Stunden später, am Samstagnachmittag, kamen die Soldaten an dem Polizeirevier in Tacloban an, in dem Roxas und sein Team ihr Lager aufgeschlagen hatten. Die Soldaten gaben dem Minister ein Satellitentelefon. Rund 24 Stunden, nachdem Haiyan auf Land getroffen war, konnte Roxas endlich Manila erreichen.

Ein paar Stunden später landete die erste C-130-Transportmaschine der philippinischen Luftwaffe auf dem Flughafen in Tacloban.

Romualdez hatte unterdessen mitgeholfen, Aufräumarbeiten zu koordinieren. In Gedanken sei er dennoch ständig bei seiner Familie, seiner Frau und seinen beiden Töchtern, gewesen, erzählt er. Wenn sie durch die Straßen gingen, sagte er seinen Töchtern, sie sollten sich bei ihm festhalten und nicht auf die Toten schauen.

Es war niemand da, um die Leichen von der Straße wegzubringen oder nach Überlebenden zu suchen. Die Stadtangestellten hielten sich an ganz unterschiedlichen Orten auf, konnten nicht zur Arbeit antreten oder überhaupt erreicht werden. Nur etwa zehn Prozent der 293 Mann starken Polizeitruppe der Stadt meldeten sich zum Dienst.

Es fehlte an Hilfe und Personal

"Ich wusste, dass einige Menschen in den Trümmern noch am Leben waren. Aber wir hatten keine Hilfe, um sie da heraus zu bekommen", klagt Romualdez.

Er habe den Präsidenten gebeten, mehr Mitarbeiter der Staatsregierung und Angehörige der Streitkräfte nach Tacloban zu schicken, damit die zerstörte Stadt wieder auf die Beine käme, berichtet der Bürgermeister. Doch ihre Gespräche verzettelten sich bald in bürokratischen Details und Protokollfragen.

Nach Angaben von Offiziellen der Stadt, unter ihnen auch Lim, schlug Präsident Aquino vor, der Stadtrat solle dazu einen Antrag verabschieden. Doch eine Abstimmung war überhaupt nicht möglich, da viele Stadträte quer über die Stadt verteilt waren und keinen Kontakt zur Verwaltung aufgenommen hatten. Sprecher von Aquino ließen wissen, ihnen lägen keine Informationen über dieses Gespräch vor.

Am nächsten Tag, dem 11. November, verhängte die Regierung von Aquino den Notstand, um sich dem Problem zu widmen und mehr Ressourcen frei zu setzen, um sich an den Hilfsbemühungen zu beteiligen.

Einwohner nehmen das Gesetz in die eigene Hand

Verzweifelte Einwohner der vernichteten Stadt nahmen das Gesetz in die eigene Hand. Sie brachen in Lebensmittelläden ein, in Drogerien und in Einkaufszentren. In Fisherman Village, das dem Erdboden gleichgemacht worden war, drangen Anwohner in drei riesige, vom Sturm aufgerissene Lager ein – in eine Reismühle, das Depot eines Zigarettenhändlers und in die Räume einer Firma, die mit Trockenware von Ananas-Dosen bis hin zu Bonbons handelte, berichten an den Plünderungen Beteiligte.

Sie beschafften sich Milchpulver, Nudeln und Erdnüsse. Dann gingen sie dazu über, Maschinen auseinanderzubauen und alles, was sich irgendwie zu Geld machen ließe, abzumontieren. Mitten in den Trümmern lagen verschiedene Packungen mit Spielkarten. Auf ihrer Rückseite stand: "Heute ist mein Glückstag."

[image] Will Baxter for The Wall Street Journal

Spielkarten mit der Aufschrift "Heute ist mein Glückstag" sind eines der Überbleibsel, das der Sturm nicht mit sich gerissen hat.

Wie oft er zu den Lagern pilgerte, um schwere Säcke mit Reis zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern zu schleppen, weiß Julius Tacugue nicht mehr zu sagen. Er habe sich auch Nudeln, Sardinenbüchsen und Seife geschnappt. Seine Mädchen hätten jetzt Bonbons für viele Wochen. Überall in der Stadt kam es zu Plünderungen. Sie hätten gehört, dass Schüsse abgefeuert worden seien, berichten Bewohner. Und sie hätten gesehen, wie Leute einfach alles weggetragen hätten: Haushaltsgeräte, Bücher und sogar Möbelstücke.

Später am Samstag gab Präsident Aquino sein Urteil über die heimgesuchte Stadt ab. Auf einer Pressekonferenz des Nationalen Rats für die Reduzierung und Bewältigung von Katastrophenrisiken in Manila sagte er über Tacloban: "Ich sage das nicht gern, aber es hat den Anschein, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Gebieten nicht sonderlich gut vorbereitet war."

* * * * *

Auch die ganze nächste Woche über lagen immer noch Leichen tagelang am Straßenrand und waren der Verwesung preisgegeben. Die Verantwortlichen hatten sich dazu entschieden, die wenigen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung standen, darauf zu verwenden, die Straßen frei zu räumen. Hunderte Tote wurden in Massengräbern beigesetzt.

Mindestens acht Menschen wurden getötet, als Plünderer in ein staatliches Vorratslager in der nahe gelegenen Stadt Alangalang eindrangen. Dabei sei ein wandhoher Stapel voller Reissäcke ins Rutschen geraten und habe die Opfer zerquetscht, berichten kommunale Behörden und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Doch endlich trafen, mit Hilfe des amerikanischen Militärs und anderen, mehr und mehr Hilfslieferungen in Tacloban ein. Hunderte zusätzliche Soldaten und Polizisten wurden in die Stadt entsandt.

Sie hätten das Ausmaß des Sturms und seine vernichtende Wucht einfach nicht vorhergesehen, sagen die für die Katastrophenbewältigung in Tacloban Zuständigen bei der Bewertung des Schadens. Und zwar selbst dann nicht, nachdem der eigene staatliche Wetterdienst und Präsident Aquino Sturmfluten von bis zu sechs Metern Höhe prognostiziert hatten.

"Ich denke, die Zerstörungskraft von Yolanda war einfach nicht vorstellbar, nicht berechenbar", sagt Innenminister Roxas.

Eines der Probleme war der Begriff 'Sturmflut'

Aber er räumt ein: "Eines der Probleme war der Begriff 'Sturmflut'. Das hatte niemand vorher je gehört. Keiner wusste, was das war. Ich weiß, das ist der Fachbegriff, den Meteorologen nutzen. Aber vielleicht hätten wir 'Tsunami' sagen sollen. Dann wäre den Menschen die Gefahr wenigstens stärker bewusst gewesen."

Er habe alles getan, was in seiner Macht stand, sagt Bürgermeister Romualdez. Wenn er es noch einmal durchmachen müsste, würde er allerdings den Sturm nicht mehr unterschätzen.

Präsident Aquino hat eine Untersuchung darüber gefordert, warum so viele Menschen bei dem Taifun ums Leben kamen. Die Zahl der Todesopfer von mehr als 5.000 Menschen ist doppelt so hoch, wie der Präsident für den schlimmsten Fall prognostiziert hatte. Vier Tage nach der Naturkatastrophe war er gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN noch von etwa 2.000 oder 2.500 Toten ausgegangen.

[image] Will Baxter for The Wall Street Journal

Angie Tacugue besucht das Klassenzimmer, in dem sie während des Taifuns Schutz mit ihrer Familie gesucht hatte. Auf dem Bild unten ist der Name eines Lehrers zu sehen. Er wird immer noch vermisst und ist vermutlich tot.

Zwei Wochen, nachdem Taifun Haiyan Tacloban vernichtete, bewegt sich Angie Tacugue vorsichtig durch die von Müll übersäte Fisherman-Village-Grundschule. Sie ist zum ersten Mal in die schlammigen, stinkenden Überreste des Schulgebäudes zurückgekehrt, seitdem der Sturm ihr dort ihren Sohn entrissen hat.

Sie trägt eine rot-weiße Plastiktüte bei sich. Darin liegen ein paar Kleidungsstücke für ihre Töchter, die sie in dem Wust aus Trümmern und zerschlagenen Möbelstücken, der einmal eine Schule war, eingesammelt hat. Dann geht sie zurück zu dem Unterschlupf, den ihr Mann als Wetterschutz für sie und ihre Töchter gebaut hat. Gesichert ist der Bau mit einem großen Stein und dem Rahmen einer Rikscha, die keine Räder mehr hat. Als Dach dient ein Stück Blech und eine Plastikplane. Drinnen bewahrt die Familie die wenigen Habseligkeiten auf, die ihr noch verblieben sind: einen Topf, Hausschuhe und große Tüten Reis. Sie schlafen auf dem nackten Betonboden.

Angie Tacugue hat aus dem Meer an Unrat, das sie umgibt, auch einen großen, goldfarbenen Plüschteddybären für ihre Töchter gerettet. Er sitzt auf einem kleinen, blauen Stuhl. "Er ist ihr Bruder", sagt sie. Angelina, das ältere der beiden Mädchen, versucht, mit ihren Armen den Bauch des Teddys zu umspannen.

Sie weine nachts um Angelo, sagt die Mutter. "Ich fühle, dass er bei mir ist. Aber das verklingt schnell." Das einzige Foto von ihm hat sie im Sturm verloren.

—Mitarbeit: Josephine Cuneta und Cris Larano

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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