• The Wall Street Journal

Mit Social Media ein besserer Manager werden

    Von ALEXANDRA SAMUEL

„Einem Online-Netzwerk beitreten? Liebend gerne!" Diese Worte habe ich noch nie von einer Führungskraft gehört. Obwohl ich bereits seit 15 Jahren Geschäftsführer, Regierungsmitglieder und Leiter von Organisationen bei der Entwicklung ihrer digitalen Strategien unterstütze.

General Electric

Beispiel GE: Der Technologiekonzern motiviert seine Mitarbeiter mit Pinterest-Galerien.

Die Gründe für die Ablehnung der Social-Media-Plattformen sind mannigfaltig. Manchmal haben die Führungskräfte Angst vor einer öffentlichen Blamage oder einem Konflikt, der durch das Online-Engagement entstehen kann. Manchmal sind es schmerzliche Erinnerungen an frühere Tech-Projekte, die das Budget gesprengt und den Zeitplan nicht eingehalten haben. Und manchmal wollen die Manager lieber von Angesicht zu Angesicht agieren als von Tastatur zu Tastatur.

Eine Sorge plagt jedoch alle: Wie soll ein Manager eine weitere Plattform, Taskliste oder Kontaktpflege auf die ohnehin schon vollgepackte Agenda setzen können?

Die immer größer werdende Bedeutung von Social-Media-Plattformen lässt dieses Problem nur deutlicher zutage treten. Twitter, Facebook und Blogs können zwar neue Kommunikationswege eröffnen, Wissen ansammeln und Kontakte herstellen. Was viele Menschen rund um den Globus begeistert, könnte auf überarbeitete Führungspersönlichkeiten jedoch unter Umständen eher abschreckend denn aufregend wirken.

Die Lösung ist einfach. Die Spitzenmanager sollten Social Media nicht als eine weitere Plattform betrachten, die sie erlernen müssen und mit der sie sich eine weitere Verantwortlichkeit aufbürden. Sie sollten anfangen, die Social-Media-Kanäle als das zu sehen, was sie anstatt dessen sein können: Ein persönlicher Werkzeugkasten, aus dem sich Leistungsträger zur Optimierung ihrer Führungspraxis bedienen können.

Im Folgenden will ich sechs Aktionen aufzählen, die Ihre Arbeitsabläufe erleichtern und die Führungskompetenz erhöhen können. Hier meine Anleitung, wie Sie Social Media zur Verbesserung Ihrer Führungskompetenz nutzen können.

Vorneweg: Starten Sie zunächst mit einem Tool, damit Sie das Ergebnis sehen können. Das ist besser, als wenn Sie mit der gleichzeitigen Einrichtung aller Kanäle Ihren sowieso schon vollen Terminkalender noch mehr belasten. Aber fangen Sie an!

1. Schaffen Sie ein Führungskräfte-Dashboard

Durchforsten Sie das Web nicht nur nach Nachrichten über Ihr Geschäft und Ihre Marken. Suchen Sie nach Ideen, Nachrichten und Forschungsergebnissen, die Ihnen bei der Weiterentwicklung Ihrer Führungskompetenz helfen können. Benutzen Sie iGoogle, Google Reader oder andere iPad-Apps wie Flipboard, um sich bei verschiedenen Blogs, Kolumnen oder Nachrichtensuchportalen anzumelden. Diese sollten zum Beispiel über neue Führungsmodelle berichten, herausragende Führungspersönlichkeiten porträtieren, Forschungsartikel über das Thema Management und Führungskompetenz veröffentlichen und die neueste Wirtschaftsliteratur unter die Lupe nehmen. Flipboard zum Beispiel kreiert dann aus den unterschiedlichen Artikeln und Leseempfehlungen ein personalisiertes, gut lesbares Magazin.

Nehmen Sie sich 15 bis 30 Minuten pro Tag Zeit, um die für Sie interessantesten Artikel zu lesen, zum Beispiel bei der Bahnfahrt nach Hause.

2. Behalten Sie den Überblick

Sie und Ihr Team können durch Tools, die die soziale Produktivität, Planung und Visualisierung von Projekten unterstützen, Ihren Fokus schärfen und die kreativen Kräfte stärken.

Mindmapping-Hilfsprogramme wie die von MindMeister.com können Ihnen bei Ihrer Quartals- oder Jahresplanung helfen. Mit ihrer Hilfe können Sie zum Beispiel ein Diagramm Ihrer Prioritäten anfertigen. Das Diagramm sollte Ihre und die Verantwortlichkeiten des Teams klar darstellen. Es sollte eine konstante Erinnerung sein, wer was zur Erreichung des vorher gesetzten Ziels tun muss. Zeigen Sie das Diagramm mit den Personen, die direkt an Sie berichten oder mit Ihren engsten Teammitgliedern.

Video auf WSJ.com

WSJ contributor Alexandra Samuel takes a look at social networks such as Facebook and Twitter and how business executives often misread their value simply because of misunderstandings and intimidation. Photo: NICHOLAS KAMM/AFP/Getty Images

Ein Diagramm ist ein guter Ausgangspunkt, aber Sie müssen auch sichergehen, dass jeder seinen Job macht. Projektmanagement-Tools wie Basecamp machen die Aufgaben einzelner Teammitglieder und den jeweiligen Status einfach nachvollziehbar. Diejenigen, die von einer vollgepackten To-Do-Liste erschlagen werden, sollten ein Tool wie OneTask ausprobieren, dass eine Aufgabe nach der anderen über einen Feed einlaufen lässt.

Verstricken Sie sich nicht in Details, damit Sie nicht die Vision, das Große und Ganze, aus den Augen verlieren. Um das Team inspiriert zu halten, können Sie online ein so genanntes Vision Board einrichten. Pinterest.com ermöglicht es seinen Nutzern, Fotogalerien herzustellen, die jeden an das zu erreichende Ziel erinnern. Ihre Fotoserie kann zum Beispiel das Bild eines vollen Versammlungsraums beinhalten, um die erhoffte Größe Ihrer wachsenden Firma zu symbolisieren. Oder Porträts von Vorstandsvorsitzenden, deren Firma Sie als Kunden gewinnen möchten. Lassen Sie das ganze Team Fotos hinzufügen. Die gemeinsame Anstrengung kann die Energie und Kreativität jedes Teammitglieds zu neuem Leben erwecken.

3. Wechseln Sie den Kanal

Wenn Sie angesichts der zunehmenden CCs, FYIs und LOLs Probleme haben, die wirklich relevanten und dringend zu beantworteten Emails auszufiltern, flüchten Sie aus Ihrer Inbox. Nutzen Sie Twitter als Ihren bevorzugten Kanal für wichtige oder zeitkritische Kommunikation.

Richten Sie sich einen Twitter-Account ein, um mit Ihren wichtigsten Klienten und Kollegen zu kommunizieren. Lassen Sie diese Personen wissen, dass Sie sie am besten über die Direct Messages bei Twitter erreichen können. Richten Sie Ihr Smartphone so ein, dass die Direct Messages – und nur diese, keine anderen Tweets – ohne Zeitverzögerung bei Ihnen einlaufen, ganz so wie eine SMS.

Das Lesen und Beantworten der Nachrichten wird um einiges schneller werden, da Ihre Korrespondenz auf 140 Zeichen begrenzt ist. Und Sie müssen auch nicht mehr jeden Tag Ihre Inbox aufräumen. So macht Twitter Ihre Kommunikation um einiges einfacher.

4. Treten Sie einem sozialen CEO-Netzwerk bei

Als Führungskraft können Anforderungen wie der Aufbau einer Marke, die Pflege von Kundenbeziehungen und von Industriekontakten die Etablierung eines breiten Netzwerks notwendig machen. Meist muss man dazu zahlreiche Menschen auf sozialen Netzwerken wie Twitter, Xing und Facebook als Kontakte hinzufügen – viel zu viel, um eine wirklich fruchtbare Verbindung zu halten. Deshalb müssen Sie ein gut durchdachtes CEO-Netzwerk aufbauen: 5 bis 15 respektierte und vertrauensvolle Manager, Führungskräfte und Berater, deren Wissen und Loyalität wertvolle Impulse für Ihre eigenen beruflichen Performance liefern können.

Folgen Sie dieser streng ausgewählten Gruppe auf allen sozialen Netzwerken, die Sie nutzen; schaffen Sie eine separate, private Twitter-Liste, einen Google+-Kreis und/oder eine extra Freundesliste bei Facebook, der ausschließlich diese Personen angehören.

Sie sollten dieses Netzwerk nicht zu Beratungen über strategische Entscheidungen nutzen, sondern eher um Ihre persönliche, professionelle und intellektuelle Beziehungen zwischen Ihnen und diesen für Sie wichtigen Personen zu unterstreichen.

5. Bauen Sie einen digitalen Golfplatz

Wenn Ihre Vorstellung von Entspannung einem Nachmittag auf dem Golfplatz entspricht, dann wird es Zeit, dass Sie den Golfplatz zu sich bringen. Finden oder basteln Sie sich einen Raum in der Social-Media-Welt, der pure Entspannung und Stärkung bietet – etwas, worüber Sie sich in den wunderbaren kleinen Pausen zwischen den Meetings erfreuen können.

Das kann zum Beispiel eine liebevoll kuratierte Galerie Ihrer eigenen Fotos sein – eine persönliche Version des Pinterest Vision Boards. Oder ein Blog, in dem Sie über die neuesten Weine schreiben, oder ein kleines Online-Spiel. Anstatt Karate oder Violine spielen können Sie Ihre Social-Media-Ablenkung überall genießen, auch während Sie einen Anzug tragen. Das einzige, was zählt, ist die kurze Auszeit für das Wiederauftanken Ihrer Ressourcen.

6. Erhöhen Sie Ihre Reichweite

Charismatische Führungskraft ist ein enormer Zugewinn für jede Firma. Aber gerade heutzutage erhöht eine starke Ausstrahlung auch den Druck, Ihren Elan auf Online-Plattformen herüberzubringen; sei es via CEO-Blog, Twitter-Feed oder auf einem eigenen YouTube-Kanal. Wenn Ihr Tag sowieso schon randvoll mit Terminen und Aufgaben ist – keine Angst. Das meiste, was Sie für einen solchen Online-Auftritt brauchen, ist schon da draußen. Es wartet nur darauf, für einen neuen Zweck genutzt zu werden.

Wenn Sie zum Beispiel regelmäßige „Lesenswert"-Mails an Ihren inneren Zirkel oder Ihr Personal schicken, beginnen Sie, diese Links einfach zu twittern: Die Artikel und Veröffentlichungen, die Sie als lesenswert erachten, wird Ihre Twitter-Gefolgschaft interessieren. Wann immer Sie eine Rede halten, lassen Sie sie aufnehmen und veröffentlichen Sie sie auf YouTube. Schaffen Sie einen internen Blog, in dem Sie zum Beispiel Auszüge aus Emails veröffentlichen, in denen Sie Mitarbeiter gelobt haben. Durch die Veröffentlichung gewinnt Ihr Lob sogar noch mehr an Gewicht.

Zwar wird die Einrichtung der Tools eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Aber wenn die Social-Media-Kanäle einmal Teil Ihrer Routine werden, haben Sie am Ende sogar mehr Zeit zur freien Verfügung.

Dr. Alexandra Samuel ist Leiterin des Social and Interactive Media Centre an der Emily Carr University of Art and Design in Vancouver.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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