• The Wall Street Journal

Märkte fürchten Ende des billigen Geldes

    Von JONATHAN CHENG und CHARLES FORELLE

Die Angst, dass die Notenbanken in Europa und den USA schon bald aufhören könnten, die Finanzmärkte zu unterstützen, und neue Sorgen um die schwächsten Länder der Eurozone haben die Stimmung an den Aktienmärkten kräftig getrübt. Am Mittwoch gingen die Kurse weltweit auf Talfahrt. Das gute erste Quartal ist für viele Investoren damit zunächst vergessen.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, deutete mit Verweis auf Inflationssorgen an, dass er weiteren geldpolitischen Lockerungen zurückhaltend gegenüberstehe. Das überraschte Anleger, die sich darauf verlassen hatten, dass die EZB die Finanzmärkte und die Wirtschaft des Währungsraums unterstützen werde.

Zudem traf eine Auktion spanischer Anleihen am Mittwoch auf erstaunlich geringe Nachfrage. Die enttäuschende Emission erinnerte die Investoren daran, dass die Probleme in Europa alles andere als gelöst sind. Entsprechend fielen die Kurse europäischer Staatsanleihen und schickten die Renditen wieder nach oben. Auch der Euro gab zum Dollar nach.

Aktienindizes von New York über Frankfurt bis nach Tokio fielen kräftig. Der Dow Jones Index sank um 0,9 Prozent auf 13.075 Punkte und damit so stark wie seit dem 6. März nicht mehr. Der DAX brach sogar um 2,8 Prozent ein, auch das war der größte Tagesverlust seit einem Monat. Der japanische Nikkei fiel mit 2,3 Prozent so stark wie seit dem 10. November nicht mehr.

Am frühen Donnerstag geben die Kurse in Asien erneut leicht nach. An Europas Börsen gab es nur eine leichte technische Erholung, der DAX gewann zur Eröffnung 0,5 Prozent. Die Futures auf den Dow-Jones- und den S&P-500-Index zogen etwas an, auch der als Maß für die Risikobereitschaft der Anleger geltende Euro machte zum Dollar wieder etwas Boden gut.

Am Markt herrscht aber nach der gründlich schief gegangenen Spanien-Auktion die Furcht vor einem neuerlichen Aufflammen der Staatsschuldenkrise im Euroraum vor. „Spanien ist zwar der Hauptgrund zur Sorge, allerdings erscheint auch Italien angreifbar. Die zuletzt wieder gestiegene Kreditwürdigkeit des Landes wird ebenfalls wieder auf den Prüfstand gestellt werden", sagt Nicholas Spiro von Spiro Sovereign Strategy.

Der Kursrutsch begann am Dienstagabend in den USA, nachdem die Federal Reserve signalisiert hatte, derzeit keine neuen Anleiherückkäufe zu planen. Das zerstörte die Hoffnungen von Anlegern, die darauf gesetzt hatten, dass ein neues Programm die Finanzmärkte und die Konjunktur schmieren würde.

Optimismus war verfrüht

"Die Leute dachten, dass die Zentralbanken alle unsere Probleme lösen würden und dass wir alles über Europa vergessen könnten", sagt Jerry Webman, Chef-Volkswirt beim New Yorker OppenheimerFunds, der ein Vermögen von 184 Milliarden US-Dollar verwaltet. "Die schwache spanische Auktion zeigt uns, dass die Risiken noch immer da sind. Die Märkte sind zu Recht ein bisschen vorsichtig, wie die Schuldenkrise in Europa sich entwickelt."

Die Anleger sind jedoch geteilter Meinung, ob die Verluste der vergangenen zwei Tage lediglich der längst überfällige Rücksetzer sind oder der Beginn eines längeren Kursrückgangs. Viele Finanzmärkte blicken auf ihr bestes erstes Quartal seit Jahren zurück, weshalb einige Investoren mit weiteren Abschlägen rechnen.

Deutschlands Top-Aktien 2012

Das Liquiditätsprogramm der EZB für die einheimischen Banken hatte zuletzt eine Rally sowohl bei den Staatsanleihen als auch bei Aktien und beim Euro ausgelöst. In den USA erwischte der Dow dank der verbesserten Konjunkturlage und in Erwartung weiteren billigen Geldes von der Fed seinen besten Jahresstart seit 1998. Der DAX legte sogar um satte 18 Prozent zu.

Es war erst das zweite Mal in diesem Jahr, dass der Dow mehr als 100 Punkte an einem Tag verlor. „Es gibt das Signal, dass weitere Liquiditätsspritzen der Fed sehr unwahrscheinlich sind und die Leute gehen davon, dass es auch Draghi ernst ist. Das führt zu der Frage: ‚Was passiert, wenn es die Hilfen einmal nicht mehr gibt?'", sagte Dan Alpert, Partner bei Westwood Capital.

Zentralbanken haben keine Interesse an fallenden Märkten

Für Patrick Gundlach, Portfoliomanager bei BMO Global Asset Management, kommt die Schwäche der Aktienmärkte in dieser Woche nicht überraschend. Diese könnte sich seiner Meinung nach fortsetzen. Allerdings geht er davon aus, dass die Zentralbanken sehr wachsam sein werden und kein Interesse haben, dass die Märkte stärker abrutschen.

Das Hilfsprogramm der EZB hat es den Banken der Region ermöglicht, Anleihen ihrer Staaten zu kaufen. Das hat die Nachfrage bei den jüngsten Auktionen gestützt, verdeckte jedoch das nachlassende Interesse anderer Käufer.

Der Kurssturz am Mittwoch hat die Sorgen zurück aufs Tapet gebracht. Spanien verkaufte Anleihen mit Laufzeiten zwischen 2015 und 2020 und nahm damit 2,59 Milliarden Euro ein. Das lag am unteren Ende des erhofften Volumens. Um die Papiere bei Investoren loszuwerden, musste das Land wieder höhere Zinsen zahlen als bei den vorhergehenden Auktionen.

Die schwache Emission war ein erster Richterspruch zum Haushaltsplan, den die neue Regierung zuletzt angekündigt hatte. Dieser sieht deutliche Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen vor, mit denen das immense Defizit bekämpft werden soll.

„Die Nachfrage spanischer Banken ist deutlich niedriger als noch im Januar oder Februar", sagte Laurent Fransolet von Barclays in London. Es sei von vornherein unwahrscheinlich gewesen, dass die Banken „weiter jeden Monat für 20 Milliarden (Euro) Anleihen kaufen", sagte er. Zudem dürften die ausländischen Investoren die Fiskalpläne Spaniens skeptisch sehen. „Es gibt einfach zu viele Fragezeichen mit Blick auf den Zustand des Bankensystems und den Haushalt", fasste Fransolet zusammen.

Spanien und Italien machen Sorgen

Ende Februar hielten spanische Banken Anleihen im Wert von 142 Milliarden Euro. Damit lagen 25 Prozent aller Bonds des Landes in ihren Händen. Mitte des vergangenen Jahrzehnts entfiel ihr Anteil am Gesamtvolumen in der Regel lediglich auf sechs Prozent. Auch Ende Dezember hatten die Banken nur Anleihen im Wert von 94 Milliarden Dollar in ihren Depots.

Auch in Italien waren zu Jahresbeginn umfangreiche Käufe heimischer Institute zu beobachten. Und auch dort gibt es Anzeichen, dass die Nachfrage nachlässt. Die Renditen italienischer Staatsanleihen sind am Sekundärmarkt seit ihrem Tief Anfang März deutlich gestiegen. Eine schwache Nachfrage könnte ein ernsthaftes Problem für das Land werden, das im zweiten Quartal Bonds im Gesamtwert von 56 Milliarden Euro am Markt platzieren will.

Am Ende des europäischen Handels am Mittwoch lag die Rendite zehnjähriger spanischer Anleihen bei 5,71 Prozent, nachdem sie am Vortag noch 5,45 Prozent betragen hatte. Laut Daten von Tradeweb ist dies der höchste Stand seit Anfang Januar. Die Rendite vergleichbarer italienischer Staatspapiere stieg von 5,15 auf 5,38 Prozent.

„Ich denke, die globale Finanzgemeinde verliert die Geduld mit Spanien und mit Europa generell, weil zunächst hohe Erwartungen geschürt, diese dann aber nicht erfüllt werden", sagte Jim Russel, Chef-Aktienstratege bei US Bank Wealth Management. „Das Letzte, was Anleger brauchen, ist eine neue Runde europäischer Turbulenzen."

Die Sorge vor einem Ende der stimulierenden Geldpolitik führte auch am Rohstoffmarkt zu scharfen Kursbewegungen: Der Goldpreis verlor mit 3,5 Prozent so viel wie seit einem Monat nicht mehr und liegt nur noch bei 1.620 Dollar je Feinunze. Der Silberpreis stürzte um 6,7 Prozent ab, Kupfer – ein Industriemetall, das eng am globalen Wachstum hängt – verbilligte sich um 3,3 Prozent. Auch der Preis für Rohöl gab deutlich nach. Amerikanisches WTI-Öl kostete am Mittwochabend in New York mit 101,50 Dollar je Barrel so wenig wie seit Mitte Februar nicht mehr.

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