• The Wall Street Journal

Im Osten werden die Eier knapp

    Von GORDON FAIRCLOUGH

BOGATYNIA – Auf dem Parkplatz eines Supermarkts in der kleinen polnischen Stadt Bogatynia belädt Dagmar Berkova sorgsam ihr Auto, um zurück nach Tschechien zu fahren. Ihre wertvolle Fracht: Fünf Dutzend Eier.

Ostern steht vor der Tür und die Eierpreise steigen im Februar und März traditionell an. Hinzu kommen strengere Auflagen der Europäischen Union für Hühnerfarmen. Hühner bekommen innerhalb der EU mehr Platz im Käfig. Das freut die Hühner, lässt aber den Preis klettern. Mittel- und Osteuropäer machen sich auf den Weg über die Grenze, um dort auf den Märkten Eier zu kaufen. Oder sie legen sich gleich eine Henne zu, um den Nachschub an günstigen Eiern zu gewährleisten.

Preise haben sich verdoppelt

„Wir rüsten uns für das Wochenende", sagt Berkova, eine 42-jährige Apothekerin. In Polen kosten Eier 40 Prozent weniger als in ihrer Nachbarschaft in Tschechien, sagt sie. Zwanzig Eier bringt Berkova ihrer Mutter mit, der Rest ist für Ostern bestimmt.

In der Tschechischen Republik stieg der Preis für zehn Eier Mitte März auf 2,07 Euro – das ist mehr als doppelt so viel als vor einem Jahr. Auch in Polen und Bulgarien sind die Preise um mehr als einhundert Prozent gestiegen.

Im Schnitt mussten Konsumenten innerhalb der Union laut Daten der EU Ende März 76,5 Prozent mehr für Eier bezahlen als zum selben Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Der Preisanstieg trifft vor allem Menschen in den weniger wohlhabenden Ländern Osteuropas, die über ein geringeres Einkommen verfügen und wo Grundnahrungsmittel wie Eier einen höheren Anteil an den Konsumausgaben ausmachen.

„Der Preis ist so stark gestiegen, dass ich jetzt weniger Eier kaufe", sagt Jana Patakova, 26-jährige Mutter von vier kleinen Kindern, die in der nordtschechischen Stadt Liberec ihren Einkauf erledigt. „Wir haben früher jeden Tag Eier gegessen, jetzt essen wir sie nur noch zwei Mal in der Woche." Patakova hat wenig Verständnis für die Bemühungen der westlichen EU-Länder um den Tierschutz. „Natürlich verdienen Hühner ein besseres Leben, aber das ist eindeutig zu viel", sagt die Tschechin.

Experten: Preise dürften nach Ostern wieder fallen

dapd

Freude in Deutschland: Hier sind Eier noch nicht knapp.

Selbst Zentralbanker haben die Eierpreise im Blick: Steigende Preise bedeuten Inflation und die schränkt den Spielraum der Notenbanken für niedrigere Zinsen deutlich ein. Miroslav Singer, Gouverneur der tschechischen Zentralbank, glaubt, dass die Menschen in Zentral –und Osteuropa „Ostern höher bewerten" und die größere Bedeutung des Fests für den Preissprung bei Eiern verantwortlich ist. Hinzu komme bei den Tschechen der „Drang zum Anlegen von Vorräten", der auf die frühere Planwirtschaft aus kommunistischen Zeiten zurückgehe.

Dennoch erwartet er eine Entspannung der Situation nach den Feiertagen: „Meine Erfahrung ist, dass Eier vor Ostern begehrt sind, nach Ostern aber nicht mehr, weil viele dann der Eier überdrüssig sind", sagt Singer.

Auch die Agrarpolitiker der EU glauben, dass die Preise wieder fallen werden. „Das ist ein vorübergehendes Phänomen", sagt Roger Waite, ein Sprecher des EU-Agrarkommissars. Grund des aktuellen Engpasses sei, dass einige Eierproduzenten als Reaktion auf die neuen Richtlinien ihre Legebatterien modernisiert und deshalb ihre Produktion vorübergehend eingestellt hätten. Andere hätten ihre Hühnerfarmen direkt aufgegeben, anstatt in neue Gerätschaften zu investieren.

Bereits 1999 hatte die EU eine Direktive erlassen, wonach Eierproduzenten bis zum Beginn dieses Jahres ihre Käfige vergrößern und bessere Bedingungen für Hennen in so genannten Legebatterien schaffen müssen.

Kartoffelsalat ohne Eier? „Unmöglich!"

„Höhere Standards kosten Geld. Die EU hat diese Standards verlangt", sagt Polens Agrarminister Marek Sawicky. „Jedoch bezahlen nicht die Eierproduzenten für die Verbesserungen – die Konsumenten machen das."

Das ist ein Grund dafür, dass einige Länder die Umsetzung der Vorgabe aus Brüssel ausgesetzt haben. Gegen 14 von 27 EU-Staaten hat die EU deswegen bereits ein Verfahren angestrengt; darunter Polen, Bulgarien, Ungarn und Lettland.

Wenn die Eierproduzenten die Maßnahmen umgesetzt haben und ihre Produktion wieder normal läuft, dürfte die Eier-Knappheit tatsächlich ein Ende haben. Dennoch könnten die Preise hoch bleiben: Die EU schätzt, dass in diesem Jahr 2,5 Prozent weniger Eier gelegt werden als im vergangenen Jahr.

Diese höheren Preise dürften auch auf Backwaren und andere Produkte aus Ei durchschlagen.

Doch bereits heute leiden viele Osteuropäer unter den hohen Preisen. „Ich muss bei Eiern bereits kürzer treten", sagt Rentnerin Hana Maresova, 65, aus Liberec. „Ich hoffe, ein Bekannter macht vor den Feiertagen eine Einkaufstour nach Deutschland. Man muss an Ostern einfach Eier haben", sagt sie. „Wie soll ich einen Kartoffelsalat ohne Eier machen? Unmöglich!"

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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