• The Wall Street Journal

Das Auto, unser Freund und Helfer

    Von JOSEPH B. WHITE

Unsere Freunde würden uns nie betrunken Auto fahren lassen. Im Notfall würden sie uns den Schlüssel einfach abnehmen. In Zukunft könnte unser Auto diese hilfreiche Rolle übernehmen. Solche Autos gibt es schon. Sie merken, wenn der Fahrer alkoholisiert ist. Und starten einfach nicht.

Ein kleines Gerät, eingebaut im Armaturenbrett oder am Steuer, könnte bald messen, wie viel Alkohol sich im Blut des Fahrers befindet. Übersteigt der Messwert das legale Maß, springt das Auto nicht an. An diesem Nachweissystem arbeiten Forscher im Auftrag des US-Bündnisses der Automobilhersteller und der amerikanischen Behörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit seit 2008.

"Wir sind schneller weiter gekommen, als wir gedacht haben", sagt Rob Strassburger, Vize-Präsident für Fahrzeugsicherheit bei dem Bündnis. Zu den Fortschritten haben Forschungen aus dem Bereich der nationalen Sicherheit beigetragen. Sie hatten sich eigentlich mit der Entwicklung von ferngesteuerten Sensoren beschäftigt, die biologische oder chemische Mittel aufspüren können. Ebenso nützlich bei der Ermittlung des Blutalkoholspiegels hätten sich Sensoren erwiesen, die mit der Fingerkuppe bedient werden und in Krankenhäusern für die Messung von Blutzucker herangezogen werden, berichten die Forscher.

Das klingt wie Zukunftsmusik. Und wahrscheinlich wird es noch ein paar Jahre dauern, bis Autos und Lastwagen serienmäßig mit Alkoholmessgeräten ausgestattet werden. Ungefähr in acht bis zehn Jahren könnte es so weit sein, schätzt Strassburger. Die nächste Stufe wird dann noch etwas länger auf sich warten lassen: Das kommerziell hergestellte Auto, das den beschwipsten Fahrer ganz von selbst nach Hause fährt.

Das antialkoholische Auto - bislang eine Strafe

Eine ganz andere Frage ist es allerdings, ob sich die Fahrer mit Autos anfreunden können, die sich möglicherweise ihren Befehlen widersetzen. Und selbst in dieser frühen Phase melden sich schon die Widersacher. Eine Restaurantlobbygruppe macht bereits mächtig Stimmung gegen die Technologie.

Alkohol spielt bei tödlichen Verkehrsunfällen eine große Rolle. Das spricht für die angestrebte Rolle des Autos als Alkoholschnüffler. Im Jahr 1982 hatten rund 49 Prozent der Fahrer, die bei Autounfällen ums Leben kamen, einen Alkoholpegel von 0,08 oder darüber. Bis 1994 war dieser Prozentsatz auf etwa 33 Prozent gesunken und bewegt sich seither auf etwa der gleichen Höhe. Dies ergab sich laut einer Untersuchung des Insurance Institute for Highway Safety aus US-Daten, die von 1982 bis 2010 landesweit gesammelt worden waren.

Die Technologie, ein Auto außer Gefecht zu setzen, wenn der Fahrer betrunken ist, gibt es bereits. Sie wird aber derzeit vor allem als Strafmaßnahme eingesetzt. Sie soll Fahrer treffen, die erwischt wurden, als sie den in den USA maximal zulässigen Blutalkoholwert von 0,08 überschritten hatten.

In rund 16 US-Bundesstaaten müssen diejenigen, denen Trunkenheit am Steuer nachgewiesen wurde, so genannte Alkoholsperrgeräte in ihren Fahrzeugen installieren. An den klobigen Vorrichtungen befindet sich ein Röhrchen, in das die Fahrer hineinblasen müssen, um nachzuweisen, dass sie nüchtern sind. Erst dann können sie das Auto starten. Natürlich käme niemand in der Autoindustrie auf die Idee, ein derart auffälliges System serienmäßig anzubieten. Stattdessen sollen die Sensoren unaufdringlich verlegt werden und möglicherweise in den Startknopf oder den Schalthebel eingebettet werden.

Lobbyiisten bringen sich in Stellung

Die Begeisterung über das Potenzial der Alkoholermittlungstechnik spiegelt sich in einem Transportgesetzvorschlag wider. Er sieht vor, das Programm der US-Behörde für Straßensicherheit zwei Jahre lang mit 24 Millionen Dollar auszustatten. Mit diesem Betrag könnte die Behörde bis 2013 eine Flotte von mehr als hundert Autos mit den Prototypen zweier Alkohol-Detektoren ausstatten. Einer würde den Alkohol im Atem des Fahrers messen. Bei dem anderen müsste der Fahrer wahrscheinlich mit der Fingerkuppe, mit der er den Startknopf betätigt, den Sensor berühren, der dann die Werte über die Haut abnimmt.

Auch wenn das Gerät noch weit von seiner Marktreife entfernt ist, treten schon die Gegner auf den Plan. Die geräuschvollsten Gegenargumente kommen von der Organisation, die die Restaurantbranche in Washington vertritt. „Dadurch wird ein Umfeld der Nulltoleranz geschaffen", sagt Sarah Longwell, Managing Director des American Beverage Institute. „Wir glauben, dass nichts Unsicheres oder Illegales daran ist, ein Glas Wein zum Abendessen zu genießen und dann nach Hause zu fahren", sagt Longwell. Sie und ihre Gruppe vermuten, dass die eingebauten Alkoholdetektoren so eingestellt werden müssen, dass das Auto schon bei einem Niveau weit unter 0,08 dicht macht. Nur so ließen sich Haftungsrisiken ausschließen, wenn der Fahrer mit Blutalkoholwerten knapp unter dem Limit einsteigt und dann die Obergrenze während der Heimfahrt überschreitet, wenn sein letzter Drink ins Blut übergeht.

Die Systeme würden nicht so eingestellt, dass sie das Betreiben des Autos auf einem Niveau unter 0,08 verhinderten. Zudem würde dafür gesorgt, dass ein neuerlicher Test vorgenommen werden kann, falls ein Fahrer ausgesperrt wird. Dies versicherte der Manager des Forschungsprogramms für die Alkoholmessgeräte dem American Beverage Institute in einem Brief von 30. September 2011.

Alkoholdetektoren müssen nutzerfreundlich sein

Letztendlich werden die Zweckmäßigkeit und die allgemeine Akzeptanz über die Zukunft der Alkoholdetektoren an Bord entscheiden

Es sei nicht geplant, im Auto eingebaute Alkoholermittlungssysteme gesetzlich vorzuschreiben, versichern Vertreter der Straßensicherheitsbehörde. Das Amt hatte sich in den siebziger Jahren ein blaues Auge geholt. Damals hatten die Straßenhüter den Einbau so genannter Sicherheitsgurtsperren angeordnet. Sie sollten dafür sorgen, dass das Auto erst anspringt, wenn der Fahrer den Gurt angelegt hat. Empörte Autofahrer brachten den US-Kongress dazu, ein Gesetz zu verabschieden, das derartige Sperren verbietet. Es gilt bis heute.

Allerdings kann der Alkoholdetektor als weiteres Beispiel dafür gelten, wie die Technologie die Beziehung der Menschen zu ihrem Auto ändern könnte. Wenn Autohersteller und Sicherheitsbehörden die Akzeptanz für diese Systeme wirklich fördern wollen, dann müssen sie die Geräte so gestalten, dass die Fahrer sie nicht am liebsten wieder herausreißen wollen. Es ist möglich, dass die ersten serienmäßig eingebauten Alkoholsperren von Unternehmen oder Mietwagenfirmen bestellt werden. Sie können es zur Bedingung machen, dass der Fahrer die Technologie akzeptiert, bevor er das zur Verfügung gestellte Auto benutzt.

"Wir müssen eine Technologie entwickeln, die zwanzig Jahre lang in einem Auto hält und dabei reibungslos funktioniert", sagt Strassburger. „Die Latte liegt ziemlich hoch."

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