• The Wall Street Journal

Rezession in den Niederlanden - der harte Euro-Kern bröckelt

    Von MATTHEW DALTON

Die Niederlande sind gemessen an ihrem Ansehen eine der stärksten Volkswirtschaften innerhalb der Eurozone. Doch die Niederlande leiden an denselben Problemen, die auch die schwächsten Volkswirtschaften der Eurozone belasten.

Die Europäische Union rechnet damit, dass die niederländische Wirtschaft in diesem Jahr um 0,9 Prozent schrumpft. Innerhalb der Eurozone erwartet die EU nur von Portugal und Spanien schwächere Zahlen. Diese Wachstumsschwäche könnte sogar noch schlimmer ausfallen – schließlich wollen die Niederlande zusätzlich 15 Milliarden Euro einsparen, um den Anforderungen des Fiskalpakts zu genügen.

Die Mühe, die sich die Niederlande beim Sparen machen muss, ist ein Beweis dafür, dass vom Kern der Eurozone nicht mehr so viel übrig ist: Deutschland, Österreich, Finnland, Holland und auch Luxemburg schwächeln. Die Ratingagentur Standard & Poor's senkte zuletzt ihr Rating für Österreich – die Alpenrepublik hat nun nicht mehr die Bestnote AAA und muss nach Ansicht der Analysten mehr tun, um Haushaltsdefizit und Verschuldung in den Griff zu kriegen. Auch Finnland geht es nicht so gut. Seit das Zugpferd Nokia schwächelt, fehlt der finnischen Wirtschaft die Dynamik.

Niederlande und Österreich gelten nicht mehr als Euro-Kernland

Sogar für Deutschland erwarten die Volkswirte 2012 ein schwaches Wachstum. Teilweise ist dies dem Wegfall einiger Exporte in die südlichen Teile Europas geschuldet. „Die Niederlande haben aus unserer Sicht den Kern Europas verlassen", folgern Citigroup-Ökonomen in einer Studie. Nach ihrer Definition gehört auch Österreich nicht länger zum ökonomisch stabilen Kern der Eurozone.

Obwohl nur wenige daran glauben, dass die Niederlande irgendwann ein Rettungspaket brauchen könnte wie bereits Griechenland, Irland oder Portugal, sind die Refinanzierungskosten für das kleine Land an der Nordsee dennoch gestiegen. Der niederländische Notenbank-Chef Klaas Knot sagte am Donnerstag, dass die öffentlichen Finanzen seines Landes in einem schlechteren Zustand seien als die in Deutschland oder Finnland. Er hält es aber dennoch für voreilig, die Niederlande aus der Gruppe der Euro-Kernländer zu streichen. Die Ratingagenturen verunsichern derzeit in erster Linie die niederländischen Staatsgarantien auf Hypotheken und die Beteiligung am europäischen Rettungsschirm.

Knot drängt die Regierung seines Landes dazu, die inzwischen schon seit vier Wochen über den Haushalt berät, Sparmaßnahmen nicht aufzuschieben. Doch raten viele Ökonomen genau dazu. Es sei während einer Rezession keine gute Idee, zusätzlich zu sparen. Vor allem, weil die Niederlande durch den Markt noch nicht so stark unter Druck gesetzt werde, dass ein Sparpaket zwingend nötig sei.

Niederlande im Teufelskreis der Peripherieländer

Die niederländische Regierungskoalition ist eine der vehementesten Verfechterinnen der Sparmaßnahmen – ihr wird so wohl sowieso nicht viel übrig bleiben, als die Pillen, die sie den schwächsten Eurostaaten verschrieben hat, auch selbst zu nehmen. Neue EU-Regeln lassen ebenfalls nur wenig Spielraum.

„Aus ökonomischer Sicht wäre es wohl schlauer, den größten Teil der Sparmaßnahmen in einem ökonomisch starken Jahr umzusetzen", sagt Johannes Hers, Volkswirt eines staatlichen Thinktanks. „Aber die Regierung hat ein politisches Ziel vor sich und das ist, allen in Europa zu zeigen, dass sie es mit den Sparvorschriften ernst meinen."

Ministerpräsident Mark Ruttes' Haushaltsplan für das vergangene Jahr zielte vor allem darauf ab, das Defizit bis 2012 unter die Marke von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Das ist ein Jahr früher, als es die EU verlangt.

Niederländische Wirtschaftsberater erwarten nun, dass der schwächere Ausblick für die Wirtschaft das Defizit in diesem Jahr auf 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung anheben wird. Im kommenden Jahr sollen sogar noch stärkere Sparmaßnahmen nötig werden. Diese Situation ist typisch für Länder der Europeripherie: Sparmaßnahmen treffen das Wachstum und das schwächere Wachstum macht wieder neue Sparmaßnahmen nötig, um die an der Wirtschaftsleistung festgemachten Budgetziele auch einhalten zu können.

Selbst wohlhabende Haushalte leiden unter Sparmaßnahmen

Der Sparzwang der Regierungen ist nicht der einzige bremsende Faktor für das europäische Wachstum: Auch die Konsumverweigerung der Holländer trifft die Wirtschaft. Nach einem Jahrzehnt ohne Wachstum fielen die Ausgaben der privaten Haushalte im vergangenen Jahr um zwei Prozent. „Die Konsumenten haben unser Land im Stich gelassen" , sagen Volkswirte und warnen: „Der Konsum wird sogar noch weiter sinken."

Die Niederländer haben seit der Krise 2008 einige Rückschläge hinnehmen müssen. Beispielsweise hielten die Löhne nicht mit der Teuerung Schritt. Das hat die Konsumfreude deutlich getrübt.

Auch die Situation am Häusermarkt ist ein großes Problem: Fallende Immobilienpreise sorgten dafür, dass manch eine Hypothek größer ist als der Wert des zugehörigen Hauses.

Die Einschnitte haben selbst wohlhabendere Haushalte in den Niederlanden getroffen. Muriel Schepper, Kundenbetreuerin einer US-Firma in den Niederlanden, verdient genug, um mit ihrem Ehemann in Naarden zu leben, einem Vorort von Amsterdam mit Audis und BMWs vor den Häusern. Doch auch sie leidet unter den Sparmaßnahmen. Sie berichtet, die geringeren Steuerbegünstigungen für die Tagespflege hätten ihre Familie getroffen.

Auch der dümpelnde Immobilienmarkt ist für die Scheppers zum Problem geworden. Sie kauften ein Haus mit fünf Schlafzimmern zur Hochphase des Immobilienbooms. Inzwischen ist es 7 Prozent weniger wert.

Droht in den Niederlanden eine Regierungskrise?

Stagnierende Löhne sind ebenfalls ein Thema in den Niederlanden. Schepper hat zum Beispiel seit drei Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen. „Wir haben neun Prozent unserer Kaufkraft verloren", sagt Manlio Bouman, Kundenbetreuer am Flughafen Schiphol in Amsterdam. Bouman organisierte kürzlich einen Streik gegen die seit 2010 eingefrorenen Löhne für Kundenbetreuer am Flughafen. Nicht der einzige Protest in den Niederlanden - die Gewerkschaften streiken immer öfter.

Während die Regierungskoalition im niederländischen Parlament weitere Haushaltskürzungen anstrebt, könnte eine Regierungskrise diese Sparmaßnahmen und auch die Zustimmung der Niederlande zu einem europäischen Fiskalpakt zunichte machen. Eine lange Hängepartie könnte die Folge sein, sagen die Ökonomen der Citigroup.

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