• The Wall Street Journal

In Asien geht die Zeit der Ausländer zu Ende

    Von LESLIE KWOH

Die Zeit für ausländische Manager in Asien ist vorbei, sagen Experten. Verantwortlich dafür sind verschiedene Faktoren. Zum einen ist der asiatische Markt bereits zum Teil abgegrast. Westliche Unternehmen, die es am Anfang relativ leicht hatten, müssen nun härter kämpfen, um neue Kunden zu gewinnen – und dabei asiatisch Unternehmen als gleichberechtigt begreifen.

Inzwischen setzen immer mehr Konzerne auf Führungskräfte, die Geschäfte in Asien ohne die Hilfe von Übersetzern unter Dach und Fach bringen können und die begriffen haben, dass ein dreistündiges Abendessen zu einem erfolgreichen Geschäftsabschluss in Asien manchmal einfach dazugehört.

dapd

Internationale Konzerne setzen bei strategischen Entscheidungen in Asien immer mehr auf Landeskenner.

Ein identischer Kulturkreis ist hier von großem Vorteil. Derzeit stammen drei von vier Managern, die von multinationalen Konzernen in Asien angestellt werden, auch aus Asien, berichtet die Personalberatung Spencer Stuart. Lediglich sechs Prozent kommen von außerhalb Asiens.

Personalfirmen suchen Leute aus Asien

„Es ist einfach notwendig, dass man die Kultur versteht. Andererseits dauert es ewig, bis man sich all die Gepflogenheiten angeeignet hat", sagt Arie Y. Lewin ein Professor für International Business. Er ergänzt, dass Asiaten sich besser in einer Geschäftswelt bewegen können, in der Ideenklau normal ist und Wettbewerber oftmals nach anderen Regeln spielen als in den USA oder Europa.

Darüber hinaus kann ein Fehlgriff mit einem Manager aus einer westlichen Industrienation sehr teuer werden. Auch kann ein falscher Kandidat auf einem verantwortungsvollen Posten den Fortschritt eines Unternehmens in Asien ausbremsen, sagt Phil Johnston vom Personaldienstleister Spencer Stuart.

Um Unternehmen zu helfen, Stellen in Asien passend zu besetzen, haben mindestens zwei Personalfirmen - namentlich Spencer Stuart und Korn / Ferry - Bewerber kategorisiert: Die erste Gruppe bilden Asiaten, die in den USA oder Europa ausgebildet wurden. Danach kommen Fremde, die lange Zeit in Asien gelebt haben und schließlich Menschen aus Europa oder den USA mit einem asiatischen Migrationshintergrund aber ohne große Bindung zu Asien und Asiaten ohne Erfahrungen mit dem Westen.

Am liebsten sind den internationalen Konzernen die Bewerber der ersten Gruppe – Asiaten, die im Westen studiert und gearbeitet haben. Doch Kandidaten dieser Kategorie sind rar – und teuer. Zwischen 750.000 und einer Million Dollar verdienen diese begehrten Fachkräfte.

Investitionen in Köpfe zahlen sich aus

Siemens stellte 2010 Mei-Wie Cheng ein – einen chinesisch-stämmigen Absolventen der Cornell Universität. Cheng soll die chinesischen Geschäfte des Konzerns leiten – eine Aufgabe, die zuvor von Europäern geleistet wurde.

Nachdem die Manager aus Europa das Geschäft mit China soweit etabliert hatten, dass es ein Zehntel zum weltweiten Umsatz von Siemens beitrug, erkannte der Konzern, dass auf dem gesättigten Markt nur ein Asiate neue Geschäfte anbahnen kann.

Nach einer umfassenden Suche stellte Siemens Cheng ein, der vorher bereits China-Chef bei Ford und General Electric war. Die Entscheidung, einen Asiaten einzustellen, hat sich für Siemens ausgezahlt: Während seiner ersten 18 Monate im neuen Job hat Cheng bereits zwei Windkraft-Joint-Ventures mit Shanghai Electric angebahnt.

Chinas Absolventen drängen in US-MBA-Programme

Cheng unterhält sich fließend mit Provinzpolitikern – ein entscheidender Vorteil, wenn es darum geht Energietechnologie an ganze Städte zu verkaufen, sagt Brigitte Ederer, Chefin der Personalabteilung von Siemens und Mitglied im Vorstand. Viele Politiker aus chinesischen Provinzen sprechen kein Englisch.

Global operierende Unternehmen stellt das vor ein Problem: Bob Damon, Chef der US-Sparte des Personaldienstleisters Korn/Ferry International, berichtet, die Zahl der geeigneten Kandidaten für einen Manager-Job in Asien sei so gering, dass viele Führungskräfte einfach von dem einem zum anderen westlichen Konzern springen. Und die Nachfrage nach Managern mit asiatischem Background steigt sogar noch, da viele Unternehmen in China zusätzliche Stellen schaffen.

Währenddessen positionieren sich asiatische Absolventen, um den Anforderungen dieser Jobs zu genügen. Der Run auf MBA-Programme in den USA kommt zum großen Teil von Interessenten aus China.

Ausländische Manager sind zunehmend out

Derweil brauchen sich westliche Ausländer nach Ansicht der Personalexperten überhaupt nicht mehr um Jobs für Führungskräfte in Asien bewerben: Phil Johnston von Spencer Stuart berichtet, dass er gelegentlich Bewerbungen von Westlern aus dem mittleren Management erhält, die sich bereit dazu fühlen, den Schritt nach Asien zu gehen. Auf diese Bewerber warte der asiatische Markt allerdings nicht, sagt Johnston.

In Wirtschaftszentren wie Singapur oder Hongkong erhalten westliche Fachkräfte oftmals bis zu 200.000 Dollar als Mietzuschuss, für Reisespesen oder Privatschulen. Da diese Zuwendungen versteuert werden müssen, entstehen den Unternehmen oftmals zusätzlich Kosten von 100.000 Dollar. Insgesamt kann eine schlechte Personalauswahl Kosten von bis zu einer Million Dollar verursachen.

Sal Iannuzzi von Personaldienstleister Monster Worldwide sagt, sein Unternehmen vermittle seit mehreren Jahren Kräfte aus Asien. Ausländer würden für Unternehmen zunehmend zu teuer. „Die Bewerber aus dem Westen brauchen sechs Monate, bis sie einen Container für ihr Hab und Gut gemietet haben. Dann sind sie für zwölf Monate in Asien und dann verwenden sie die nächsten sechs Monate darauf, wie sie aus Asien wieder wegkommen", sagt Iannuzzi.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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