• The Wall Street Journal

YPF-Krise erschüttert Spaniens Wirtschaft

    Von DAVID ROMÁN und ANNA PEREZ

MADRID – Spanien bekommt nun die volle Tragweite der Turbulenzen um die abrupt verstaatlichte argentinische Tochterfirma YPF des Ölkonzerns Repsol zu spüren.

Reuters

Kein Zutritt: Arbeiter in einer Repsol-Raffinerie in Cartagena.

Nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's dem spanischen Unternehmen am Donnerstag eine schlechtere Bonitätsnote gegeben hat, kämpfen die spanischen Mehrheitsaktionäre des Ölkonzerns nun gegen eine massive Abwertung ihrer Bilanzen. Und die spanische Regierung bemüht sich mit allen diplomatischen Mitteln um den Erhalt von Einfluss und wirtschaftlichen Interessen in ihrer früheren Kolonie.

Sowohl die spanische Regierung als auch Repsol selbst hatten zuvor Argentiniens plötzliche Besitznahme von YPF als illegal verurteilt. Repsol hatte angekündigt, die Sache vor Gericht bringen zu wollen.

Am Donnerstag senkte Standard & Poor's sein Urteil über Repsols langfristige Kreditwürdigkeit um eine Stufe von BBB auf BBB-, weil der Konzern aus Sicht der Agentur kurzfristig nicht mit einer finanzielle Entschädigung für die Verstaatlichung seiner argentinischen Tochter YPF rechnen kann, die rund die Hälfte von Repsols Ölreserven stellt.

Wertberichtigung hinausgezögert

Repsols Börsenwert befindet sich nun im freien Fall. Seit Jahresbeginn sank der Aktienkurs des Ölkonzerns um 36 Prozent auf zuletzt 14,66 Euro.

Das trifft die spanischen Hauptaktionäre, die ausgerechnet aus jenen Branchen stammen, die dem Mittelmeerland ohnehin schon seit geraumer Zeit Probleme bereiten: Banken und Bauindustrie.

Analysten zufolge bewertet CaixaBank, Spaniens drittgrößte Bank und mit einem Anteil von 12,8 Prozent zugleich Repsols größter Aktionär, die Öl-Aktien trotz der Kursrutsche noch mit rund 21,10 Euro pro Stück. Baukonzern Sacyr-Vallehermoso, Repsols zweitgrößter Anteilseigner, schreibt ihnen offenbar noch einen Preis um 26 Euro zu.

Wie CaixaBank aber am Donnerstag bekanntgab, werde sie zunächst keine Wertberichtigung ihres Repsol-Anteils vornehmen, weil dies Argentinien in seinem Vorstoß nur bestätigen würde.

Isidro Fainé, Präsident der CaixaBank sagte, sein Unternehmen strebe einen fairen Preis für YPF an. Er rechne aber damit, dass sich der Streit noch eine Weile hinziehen werde.

Doch selbst wenn die drei wichtigsten Repsol-Aktionäre, zu denen neben CaixaBank und Sacyr auch der staatliche mexikanische Ölkonzern Pemex gehört, eine Wertberichtigung derzeit noch hinauszögern – sie stecken längst in der Klemme.

Repsol zeigt Zweckoptmismus

So droht CaixaBank nun wohl ein noch größerer Ertragsrückgang, nachdem sie schon im ersten Quartal einen Einbruch des Nettogewinns von 84 Prozent verkraften musste. Das ist die Folge einer neuen Regierungsvorgabe, welche die Bank dazu verpflichtet, einen Großteil ihrer Erträge zum Ausgleich möglicher Verluste im Immobilienholding-Geschäft beiseite zu legen.

„Wir gehen davon aus, dass YPF ein Viertel von Repsols Gesamtwert ausmacht", sagt Andrew Sykes, Fundmanager bei Senhouse Capital in London, die einen kleinen Anteil an Repsol-Aktien hält. Auch Senhouse überprüft nun, inwiefern es seine Repsol-Aktien neu bewerten muss.

Der spanische Ölkonzern selbst gibt sich zweckoptimistisch: „Das ist ein ordentliches Gewitter, aber wir werden es durchstehen", sagte Repsols Präsident Antonio Brufau in dieser Woche.

Am meisten dürfte wohl der spanische Baukonzern Sacyr unter der Verstaatlichung der argentinischen Repsol-Tochter leiden. Das einst gewichtige Bauunternehmen hatte sechs Jahre lang dafür gekämpft, Anteile an dem Ölkonzern zu erwerben – und wie viele andere Baukonzerne in Spanien hatte es in den Boomzeiten des Immobilienfiebers neue Kredite aufgenommen, um in den Energiesektor einzusteigen.

Sacyr strauchelt

Doch der Konzern ließ ordentlich Federn, als die spanische Immobilienblase platzte, und seitdem sind Repsols Einnahmen und Dividenden für Sacyr eine bedeutende Ertragsstütze, die nun ins Wanken geraten ist.

So versucht Sacyr gerade verzweifelt einen Kredit in Höhe von 2,5 Milliarden Euro zurückzuzahlen, den das Bauunternehmen einst aufgenommen hatte, um seine Repsol-Aktien zu kaufen. Und weil sein eigener Börsenkurs inzwischen so tief steht wie zuletzt 1993, ist Sacyr nur noch knapp ein Drittel mehr wert als sein Repsol-Anteil.

Sacyrs Gläubigerbanken könnten das Unternehmen nun zwingen, seine offenen Kredite mit zusätzlichen Sicherheiten zu belegen für den Fall, dass Repsols Aktien auf unter 10 Euro abrutschen, sagt Javier Barrio, Analyst bei der Banco Portugués de Investimento.

Doch während Sacyr strauchelt, investieren andere spanische Baukonzerne munter weiter im Energiesektor. So erwarb Konkurrent Actividades de Construccion y Servicios (ACS) jüngst einen Anteil am spanischen Stromkonzern Iberdrola und versuchte, die Oberhand über das Unternehmen zu gewinnen. Am Mittwoch aber gab der inzwischen finanziell klamme Baukonzern schon wieder den Verkauf seines Iberdrola-Anteils bekannt, um Schulden zu streichen.

Diplomatische Zerreißprobe

Am Donnerstag sank Sacyrs Börsenkurs um 4,4 Prozent auf 1,62 Euro je Aktie. Damit hat Sacyr seit Anfang des Jahres bereits fast 60 Prozent seines Wertes eingebüßt. Repsols Kurs sank um 4,8 Prozent auf 14,66 Euro je Aktie, und Aktien der CaixaBank sanken um 2,2 Prozent auf 2,55 Euro.

Auch Mexikos Ölkonzern Pemex, der 9,5 Prozent an Repsol hält, dürfte mit Schrecken auf die Kursverluste blicken. Der Konzern stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung, aber Mexikos Finanzminister José Antonio Meade warnte am Mittwoch vor einer „Rückkehr zu Protektionismus und staatlicher Enteignung von Unternehmen".

Unterdessen setzt Spaniens Regierung seinen diplomatischen Feldzug gegen Argentiniens brüsken Vorstoß fort, der zu einer Zerreißprobe für die traditionell engen Bande zwischen den beiden Ländern geraten ist. Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo nannte Argentiniens Schritt, YPF zu verstaatlichen, "isolationistisch" und lobte öffentlich die USA, die sich in der Sache hinter Spanien gestellt hatte.

Am Mittwoch erst hatte ein Unterausschuss des argentinischen Senats ein Gesetz zur Renationalisierung der Repsol-Tochter gebilligt. Repsol hatte YPF im Jahr 1999 von der argentinischen Regierung gekauft. In der kommenden Woche stimmt der Senat dann über den Vorschlag der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner ab, YPF zu 51 Prozent wieder an die Staatshand zu überführen. Damit würde der Anteil des spanischen Mutterkonzerns Repsol mit einem Schlag von 57 Prozent auf 6 Prozent sinken.

—Mitarbeit: Pablo Dominguez und Ilan Brat.

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