• The Wall Street Journal

Der Träumer von Prokon

    Von HENDRIK VARNHOLT
[image] Agence France-Presse/Getty Images

Carsten Rodbertus am Donnerstag auf der Pressekonferenz in Itzehoe

ITZEHOE--Carsten Rodbertus trägt Arbeitsjacke, Jeans und Zopf. Der Prokon-Chef will nicht aussehen wie ein Geschäftsmann. Sein Problem ist: Er hat auch nicht immer so gehandelt.

Es ist deshalb kein Wunder, dass Rodbertus nun auf einem Stapel Paletten sein Scheitern gesteht. Die Mitarbeiter hätten gekämpft, zwölf Stunden am Tag, sagt der Prokon-Chef in ein Dutzend Mikrofone. Es hat nicht geholfen: Bei Prokon soll es nun ein Insolvenzverwalter richten. Wer den Regeln der Betriebswirtschaft glaubt, muss das für logisch halten. Rodbertus schließlich hat langfristiges Anlagevermögen durch kurzfristig kündbare Verbindlichkeiten finanziert.

Das ist die schlichte Handlung des Dramas um Prokon. Das Drumherum ist vor allem Kulisse. Die allerdings scheint so bunt, dass ein Großteil des Publikums den Protagonist überschätzt.

Es stimmt etwas nicht mit Prokon. Das haben aufmerksame Beobachter früh registriert. Rodbertus' Windkonzern haben sie windig genannt und dem Unternehmenschef allerlei Tricks unterstellt. Ein Ponzi-Schema zum Beispiel soll Rodbertus ausgeheckt haben. Er hätte demnach die Zinsen alter Anleger aus dem Kapital neu gewonnener Investoren bezahlt. Wer Prokons Bilanzen studiert, findet Bestätigung dafür. In jüngster Zeit hat das laufende Geschäft des Unternehmens bei weitem nicht genug abgeworfen, um die mindestens sechs Prozent Zinsen zu decken, die Prokon den rund 75.000 Inhabern seiner Genussrechte versprochen hat.

Und doch ist es nicht so einfach mit Prokons Problemen. Oder es ist viel einfacher. Man mag das sehen, wie man will.

Ein Ponzi-Schema in Reinform jedenfalls ist Rodbertus' Firma nicht. Prokon dreht tatsächlich große Räder. Das Unternehmen ist einer der größten Windparkbetreiber Deutschlands. Es fließt Strom, und es fließt Geld. Die Zahlen des Unternehmens müssen trotzdem alarmieren: Nach dem Entwurf einer Konzernbilanz zum Ende des Jahres 2012 war das Unternehmen damals nach Abzug seiner übrigen Schulden weniger wert als die Summe des bis dahin eingezahlten Anlegergelds. Prokon also war überschuldet - jedenfalls, wenn man das Genussrechtskapital als Verbindlichkeiten wertet. So etwas ist nicht schön. Doch es ist nicht das Ende eines Unternehmens. Nicht selten stellen Wirtschaftsprüfer überschuldeten Unternehmen eine Fortführungsprognose aus.

Denn manchmal eben lässt sich mit dem Anlagevermögen über einen langen Zeitraum gerechnet deutlich mehr verdienen als die Bewertung des Vermögens glauben macht. Rodbertus hat seinen Anlegern genau das versprochen. Und er hat in der Hoffnung, sein Versprechen möge sich bewahrheiten, Zinsen gezahlt, die sich das Unternehmen zwar vielleicht in der Zukunft, nicht aber schon heute leisten kann.

Das belegt nicht, dass Rodbertus seinen Anlegern Böses wollte. Es belegt schon gar nicht, dass es Rodbertus um Selbstbereicherung ging.

Vielleicht ist der Mann ein Träumer

Es zeigt etwas viel Einfacheres: Rodbertus hat sein Unternehmen auf eine vage Hoffnung statt auf die Grundsätze der vorsichtigen Buchführung gebaut. Vielleicht ist der Mann ein Träumer. Ein guter Geschäftsmann ist er wahrscheinlich nicht.

So ist das auch zu erklären mit dem langfristigen Anlagevermögen und den kurzfristigen Schulden. Eine Milliarde Euro in Windparks und mehr zu stecken, wenn die Geldgeber mit nur vier Wochen Vorlauf fast die ganze Summe zurückfordern können - das mutet beinahe wie Wahnsinn an. Es zeugt jedenfalls nicht von Weitsinn. Und es muss den meisten Erstsemestlern der Betriebswirtschaft wie eine Verspottung der Worte ihres Professors vorkommen.

Ob Rodbertus hier also einen Fehler gemacht hat? Er selbst sagt auf der Bühne aus Holzpaletten: ja. Und er verspricht Änderungen für den Fall, dass es weitergeht mit dem Prinzip Prokon: "Wir werden diesen Punkt in Angriff nehmen." Der Mann gesteht einen Fehler ein. Das ist erstaunlich.

Und er präsentiert eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte: Prokon habe mit der Flexibilität seiner Genussscheine den Bedürfnissen seiner Anleger gerecht werden wollen, sagt Rodbertus. Viele der Investoren seien schließlich "ältere Menschen".

Immer mehr Geld einsammeln

Womöglich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Womöglich ging es Rodbertus auch darum, immer mehr Geld einzusammeln. Auf der Prokon-Internetseite schließlich war lange das Bild eines Balkens zu sehen. Der füllte sich immer weiter, je mehr Kapital Prokon einwarb - doch der größte Teil des Balkens war noch am Ende des vergangenen Jahres leer.

So oder so, die "älteren Menschen" müssen nun nicht nur Geduld aufbringen. Sie müssen auch fürchten, dass sie einen Teil ihres Ersparten nie mehr sehen. So ein Insolvenzverfahren schließlich ist unwägbar. Da ist ein Windpark schnell unter Wert verkauft.

Träumer, schlechter Geschäftsmann oder Schlimmeres - das macht für rund 75.000 Anleger deshalb kaum einen Unterschied. Ihnen hat Rodbertus Prokons Genussrechte für die "Altersvorsorge" oder zum Sparen für "die Ausbildung Ihrer Kinder oder Enkelkinder" empfohlen.

Politiker fordern deshalb nun, Anleger besser zu schützen. Sie sollten wissen, dass es Schutz nicht nur vor Tricksern braucht. Auch Träumer können Schaden anrichten.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@wsj.com

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