• The Wall Street Journal

„Die Ingenieure werden immer besser"

Jeff Currie, Rohstoffexperte von Goldman Sachs, glaubt an die Zukunft von Schiefergas. Zwar behindere der niedrige Preis derzeit neue Investitionen, doch gelinge es den Ingenieuren immer besser und billiger, den Lagerstätten das Gas zu entlocken, sagt er im Interview.

    Von HANS BENTZIEN

Mr. Currie, wie wird sich der Ölpreis in diesem Jahr entwickeln?

Er wird in etwa da liegen, wo er im vorigen und im vorvorigen Jahr gelegen hat. Wie haben seit drei Jahren ein Umfeld, das einerseits grundsätzlich gegen deutliche Preissteigerungen spricht. Es ist gekennzeichnet von einem steigenden Angebot bei zunächst sinkender Nachfrage aus den Industrieländern und aktuell sinkender Nachfrage aus den Schwellenländern. Trotzdem sind wir nicht wirklich „bearish" gestimmt, weil es immer wieder Förderausfälle gibt. 2011 war es Libyen, 2012 war es der Iran, 2013 und aktuell ist es wieder Libyen. Hinzu kommen die Vorgänge in Sudan und anderswo.

Die USA sind dabei, zum größten Ölproduzenten der Welt zu werden …

… ich würde sagen sie sind es schon …

… was bedeutet das für die Rolle, die die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) auf dem Ölmarkt spielt? Wie man hört, ist Saudi-Arabien nicht mehr bereit, den Ölpreis alleine zu stützen.

Die OPEC hatte auf dem Ölmarkt nie einen so substanziellen Markanteil, wie es das auf anderen Märkten gibt. Sie war immer ein Akteur, der lediglich mit Mengenanpassungen reagiert hat. Im vergangenen Jahrzehnt, das von einem starken Preisauftrieb gekennzeichnet war, waren die Marktkräfte immer stärker als die Fähigkeit der OPEC zur Preiskontrolle.

Ich sehe die OPEC und Saudi-Arabien als eine Art „dominante Firma", man könnte auch sagen als Ausgleichsproduzenten. Die OPEC- Politik wird eher von den Märkten diktiert als von ihren Mitgliedsländern bestimmt. Es gibt Märkte wie die für Kupfer und Nickel, die viel stärker konzentriert sind als der Ölmarkt. Der Wettbewerb an den Ölmärkten ist sehr stark.

Wie sieht ihr Szenario für Schieferöl in den USA aus?

Die entscheidende Frage ist, ob man dieses Öl exportieren kann. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Preisentwicklung in den USA vom Rest der Welt abgekoppelt. Im vierten Quartal 2013 konnten Pipelines vom Zentrallager Cushing an die Golfküste in Betrieb genommen werden, womit sich die Versorgung des Restes der USA verbesserte und sich Nordamerika als Ganzes abgekoppelt hat. Das gab es vorher noch nie. In der Folge hat sich der Saldo der US-Handelsbilanz im November deutlich verbessert.

Kann das Auswirkungen für die übrige Welt haben?

Das geht nur auf zwei Wegen: Entweder über den Export von Öl, der verboten ist – Öl darf nur nach Kanada ausgeführt werden – oder über den Export von Raffinerieprodukten. Prinzipiell könnte auch heimisches Öl aus Saudi-Arabien oder Mexiko importiertes Öl verdrängen. Aber wie wir im vierten Quartal gesehen haben, dürfte das aus unterschiedlichen Gründen nicht passieren. Zum einen ist saudisches Öl nicht teurer als heimisches, und Saudi-Arabien fährt seine Exporte bisher nicht zurück. Das liegt unter anderem daran, dass die Saudis ihre eigenen Raffinerien am Laufen halten und ihre Marktanteile in den USA nicht riskieren wollen. Denn wenn sie die erst einmal verlieren, sind sie für immer weg.

[image] Goldman Sachs

Jeffrey R. Currie, Energieexperte bei Goldman Sachs, New York.

Zum anderen dürften die USA angesichts ihrer strategischen Partnerschaft mit Saudi-Arabien ein Interesse daran haben, den Wohlstandsexport dorthin fortzuführen. Und schließlich sind die Raffinerien an der Golfküste auf venezolanisches und mexikanisches Öl angewiesen. Das ganze Konzept der Energieunabhängigkeit ist also Zukunftsmusik, wahrscheinlich wird nie etwas daraus.

Was bedeutet das insgesamt?

Man kann sagen: Die USA haben derzeit jede Menge heimisches und ausländisches Öl und das setzt die Preise unter Druck. Der Ausblick für die US-Ölpreise hängt also von der Fähigkeit ab, dieses Öl zu raffinieren und die Produkte zu exportieren. Wenn die Raffinerien an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen sollten, dann dürften die Preise kollabieren.

Der Gaspreis in den USA ist kürzlich schon nicht zuletzt wegen des Schiefergasbooms auf unter 4 US-Dollar gefallen. Das ist im unteren Bereich der Produktionskosten von Schiefergaslagerstätten. Was bedeutet das für die Investitionsbereitschaft der Unternehmen?

Als sich diese niedrigen Preise Ende 2012 einstellten, haben wir angenommen, dass der zu erwartende Rückgang bei Bohrungen und Investitionen deutliche Auswirkungen auf die Produktionsmenge haben würde. Aber bis jetzt übertrifft die Produktion trotzdem immer noch die Erwartungen.

Wie kann das sein?

Produktivitätsgewinne – die Ingenieure werden immer besser. Sie holen aus immer weniger investierten Dollar immer mehr heraus. Wir gehen zwar davon aus, dass das 2014 und 2015 langsam auslaufen wird und wir für weitere Produktionssteigerungen tatsächlich Preise von über 4 Dollar brauchen, aber das haben wir vor einem Jahr auch schon für 2013 vorausgesagt. Diese Prognose ist nicht nur nicht eingetroffen, wir haben auch noch einen großen Wetterschock bekommen, und trotzdem sind die Preise noch unter 4 Dollar. Das zeigt, welches Potenzial dieses Schiefergas hat. Gar nicht auszudenken, welche Produktionssteigerungen möglich wären, wenn die Nachfrage in den USA nicht begrenzt wäre.

Die Schiefergasrevolution steht also nicht vor dem Ende?

Bisher übertrifft die Förderung noch immer die Erwartungen. Und man muss sich fragen, ob die Sache bei Öl nicht genauso so laufen wird. Bei Öl beginnt derzeit die Nutzung von Techniken, die wir vom Gas kennen.

Aber dort ist es viel teurer…

Das stimmt, aber die Ingenieure werden immer besser, sie probieren Dinge aus und lernen dazu. Ich sage immer: Wetten sie nie gegen die Ingenieure. Sie brauchen nur Zeit und Geld, dann finden sie einen Weg.

Investoren haben im vergangenen Jahr nur noch 3,4 Milliarden Dollar für Schiefergasbeteiligungen ausgegeben – halb so viel wie 2012 und nur noch 10 Prozent von dem, was sie 2011 investiert haben. Das sieht doch nicht gut aus für die Schiefergasindustrie …

Man muss die Investitionen in alle Energieträger betrachten, auch die in Öl und andere flüssige Brennstoffe. Man kann Gas nicht isoliert betrachten, denn manches fällt parallel bei der Ölproduktion an – vielleicht ist das auch der Grund, warum wir davon so viel haben. Die gesamten Energieinvestitionen lagen im vergangenen Jahr bei etwa 170 Milliarden Dollar.

Angesichts ihrer Schilderungen fällt es schwer, Aufwärtsrisiken für die Energiepreise zu sehen…

Der Preis ist sowohl nach oben als auch nach unten stärker als sonst von Nachfrage und Angebot begrenzt, weshalb die Terminmärkte im vergangenen Jahr auch so schlecht gelaufen sind. Es gibt einige Faktoren, die das Aufwärts- und das Abwärtspotenzial der Preise derzeit begrenzen. Einer davon ist, dass Schiefergas Angebotsschwankungen reduziert. Ein anderer ist, dass die Nachfrage elastischer als früher ist.

Konkret?

In früheren Zeiten waren die USA und Europa diejenigen, die am stärksten über hohe Ölpreise klagten, und bei denen die Anpassungen stattfanden. Heute sind es die Schwellenländer. Als der Ölpreis während der Syrien-Krise im vergangenen Jahr auf 115 Dollar stieg, beklagten sich darüber erstmals nicht die Amerikaner, sondern die Inder.

Schwellenländer mit ihren niedrigeren Einkommen und einer vielleicht noch abwertenden Währung sind viel anfälliger für hohe Preise und reagieren im Gegensatz zu Industrieländern mit einer geringeren Nachfrage. Eine flachere Angebots- und eine flachere Nachfragekurve sind der Grund, warum der Ölpreis in den vergangenen drei Jahren zwischen 92 und 115 Dollar geblieben ist. Und ein Teil dieser Veränderungen ist struktureller Natur.

Was bedeutet die Schiefergasrevolution für den Umweltschutz?

In der Umweltgesetzgebung der USA hat die Schiefergasrevolution das Unterste zuoberst gekehrt. Und ich glaube, auch für den Rest der Welt sind die Implikationen weitreichend. Letztlich macht sie Gas billiger als andere Energieträger mit stärkerem CO2-Ausstoß. Und eigentlich war es doch ein Ziel des europäischen Emissionshandels, Gas billiger zu machen.

Im Zusammenhang mit dem globalen CO2-Fußabdruck müssen wir aber folgendes berücksichtigen: Als in den USA der Preis von Gas unter den Kohlepreis fiel, begannen die USA Kohle zu exportieren, was die globalen Kohlepreise unter Druck setzte und zu einer weltweit höheren Kohleverbrennung führte. Es ist also derzeit nicht klar, welchen CO2-Fußabdruck die Schiefergasrevolution tatsächlich verursacht.

Und was bedeutet die Schiefergasrevolution für Deutschland?

Die Kostenbasis, auf der Deutschland seine Energieziele erreichen will, muss mit Blick auf den weltweiten Wettbewerb überprüft werden. Ich weiß, dass die Entscheidung zum Atomausstieg 2011 nach „Fukushima" getroffen wurde. Aber seitdem hat sich die Welt dramatisch verändert.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@wsj.com

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