• The Wall Street Journal

Neuer Öl-Boom im „toten Meer"

    Von DANIEL GILBERT
[golf1004] Patrick Semansky/AP/dapd

Im Golf von Mexiko wie hier bei Port Fourchon sind Förderplattformen ein alltäglicher Anblick.

HOUSTON – Ölkonzerne expandieren wieder in eine Region, die viele von ihnen schon vor langer Zeit aufgegeben hatten: die flachen Gewässer im Golf von Mexiko. In den letzten Jahren wurde im dortigen Schelf höchstens noch nach Erdgas gebohrt. Und auch dabei schien der Niedergang unausweichlich. In der Branche nannte man die seichten Gewässer nur noch „das tote Meer".

Jetzt gibt es neues Leben – dank dem Öl. In der vergangenen Woche waren im vermeintlich toten Meer 37 Flachwasser-Plattformen im Einsatz, ein Drittel mehr als auf dem Tiefpunkt im Januar 2011. Das zeigen Zahlen des Branchendienstes RigData Offshore. Allein im Februar erteilten die Behörden zehn neue Genehmigungen für die flachen Gewässer des Golfs, der zweithöchste Wert seit der „Deepwater Horizon"-Katastrophe 2010.

In der vergangenen Woche investierten die private Equity-Firmen Apollo Global Management und Riverstone Holdings 600 Millionen Dollar in ein Startup aus Houston, das die als ausgebeutet geltenden Felder im Golf von Mexiko aufkauft und ihnen mit neuen Technologien mehr Öl abringen will.

In den vergangenen zehn Jahren war die Zahl der Plattformen, die direkt vor der Golfküste in weniger als 150 Metern Tiefe fördern, stark zurückgegangen, wie auch die Produktion von Öl und Gas dort. Aber der hohe Ölpreis, die stabilen Förderkosten und verbesserte Technologie könnten den Trend jetzt umkehren.

Besonders lukrativ

Energy Partners, eine kleine Firma aus Houston, hat in den Gewässern fast vollständig von Gas auf Öl gewechselt. Der Konkurrent Energy XXI sicherte sich 2010 für eine Milliarde Dollar die Felder von Exxon Mobil und hat aus ihnen nach eigenen Angaben 40 Prozent mehr Öl gefördert.

Größter Gewinner des Öl-Revivals könnte Hercules Offshore werden, der größte Eigentümer von Flachwasser-Plattformen. Im Sommer 2010 hatte das Unternehmen nur vier Plattformen im Golf von Mexiko. Jetzt gehören ihm 18 der 34 Plattformen dort. Der tägliche Mietpreis hat sich seit 2011 fast verdoppelt.

Hinter der Wiederauferstehung der Küstengewässer steckt vor allem der hohe Ölpreis, der im vergangenen Jahr meist über 100 Dollar pro Barrel lag. Das im Golf geförderte Öl ist besonders lukrativ, da es nicht über teure Pipelines in die Raffinerien transportiert werden muss. Stattdessen kann es auf Tankschiffe gepumpt und in die ganze Welt verschifft werden. „Es gibt nur einen Grund, warum auf dem Schelf wieder gefördert wird: der hohe Ölpreis", sagt David Pursell, Geschäftsführer der auf Energie spezialisierten Investmentbank Tudor, Pickering, Holt & Co.

Neue Technologien helfen

John Schiller, CEO von Energy XXI, erklärt, die Ölförderung habe im vergangenen Jahr 94 Prozent des Umsatzes ausgemacht. In den kommenden drei Jahren solle die Ölproduktion in seinem Unternehmen um 10 bis 15 Prozent steigen.

In den flachen Gewässern fördern meist kleinere Unternehmen, die nicht wie ihre großen Konkurrenten auf große Felder angewiesen sind. Aber auch Chevron produzierte dort im vergangenen Jahr 4,5 Prozent seines gesamten Öls, bei Apache waren es 14 Prozent. „Die Region ist sehr wichtig für uns und wird das auch weiter sein", sagt Apache-Sprecher John Roper. Das Unternehmen finanziere mit den Einnahmen aus dem Flachwasser seine weltweite Ölsuche, bezahle Schulden und tätige Übernahmen.

Möglich wurde das Comeback auch durch neue seismische Technologien, die es den Firmen ermöglichen, die Ölfelder genauer zu treffen. „Vorher sahen wir es nur verschwommen. Jetzt ist es ganz klar", sagt T.J. Thom, Finanzchef von Energy Partners, das überwiegend in etwa sechs Metern Wassertiefe bohrt. Das Unternehmen wird 97 Prozent seiner 168 Millionen Dollar schweren Budgets für die Suche und Förderung von Öl in den Küstenregionen des Golfs ausgeben.

"Vielleicht das billigste Öl der Welt"

Analysten glauben zwar nicht, dass das Schelf wieder eine der Hauptölquellen der USA wird. Aber während sich viele Wettbewerber um die boomenden Felder in Texas und North Dakota reißen, sehen einige in der Golfküste eine Gelegenheit, zu niedrigen Kosten zu fördern. Die Preise sind immer noch niedrig, da die Felder als weitgehend ausgebeutet gelten.

Im Februar kaufte SandRidge Energy für 1,275 Milliarden Dollar das Unternehmen Dynamic Offshore Resources . SandRidge kalkuliert, dass dessen Öl- und Gasreserven unter der Golfküste 1,8 Milliarden wert sind. Vorstandschef Tom Ward hält die Felder am Golf für unterbewertet. Mit den Einnahmen von dort werde sein Unternehmen die Erschließung von Feldern in Kansas und Oklahoma finanzieren, sagt er. „Es ist vielleicht das billigste Öl der Welt".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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