• The Wall Street Journal

IWF-Prognose stärkt China den Rücken

    Von BOB DAVIS und TOM ORLIK
AP/dapd

Das chinesische Exportwachstum verlangsamt sich deutlich.

PEKING – Im Streit um den Wert des Yuan sieht sich China durch eine Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) gestärkt, der dem Vernehmen nach seinen Daumen über Chinas Leistungsbilanz gesenkt hat. Das würde den USA den Wind aus den Segeln nehmen, die behaupten, Chinas Währung sei „substanziell unterbewertet".

Nach Auskunft gut unterrichteter Kreise wird der IWF in seinem neuesten Leitbericht die Langfristprognose für Chinas Leistungsbilanzüberschuss drastisch senken. Die Leistungsbilanz gibt im weitesten Sinne wieder, wie erfolgreich eine Volkswirtschaft mit dem Ausland Handel betreibt.

Der jüngste IWF-Weltwirtschaftsbericht hatte den langfristigen Wert des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses noch mit 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) beziffert. Die neueste Langfrist-Vorhersage im World Economic Outlook, der am 17. April erscheint, dürfte aber drastisch niedriger ausfallen, sagen mehrere namentlich nicht genannte Quellen.

Offensichtlich haben sich die Experten innerhalb des IWF noch nicht auf eine feste Zahl geeinigt. Sie diskutieren aber, den Ausblick für Chinas Leistungsbilanzüberschuss auf 5 Prozent des BIP zu senken. Das würde „das Argument deutlich schwächen, dassder Yuan unterbewertet ist", sagt Eswar Prasad, Wissenschaftler am Forschungsinstitut Brookings Institution in Washington und ehemaliger China-Experte des IWF.

Der IWF bezeichnet Chinas Währung seit mindestens drei Jahren als „substanziell unterbewertet". Zuvor verwendete das Gremium den Ausdruck „fundamental verschoben", obwohl Peking diese Bezeichnung ablehnte.

Noch keine neue Einschätzung

Chinas Regierung greift aktiv ins Marktgeschehen ein, um seine Währung vor einer Aufwertung zu bewahren und Chinas Exportindustrie nicht zu gefährden. Denn ein höherer Wechselkurs würde die Exporte des Landes verteuern.

Nach Auskunft von Beobachtern wird der IWF in seinem neuen Weltwirtschaftsbericht keine neue Einschätzung der chinesischen Währung veröffentlichen. Der Grund: Noch arbeiten die Experten an neuen Kriterien, um Währungen zu beurteilen. Und diese neuen Regeln werden nicht vor Juni veröffentlicht.

Stattdessen wird das Expertengremium wohl an seiner bisherigen Sprachregelung festhalten, nach der die anhaltende Aufwertung des Yuan die chinesischen Verbraucher beflügeln dürfte und China damit die Chance bekommt, stärker über inländische Nachfrage zu wachsen anstatt über Exporte und Investitionen.

Im neuesten World Economic Outlook wird der IWF unter anderem mitteilen, wie sich die Leistungsbilanzen der größten Volkswirtschaften bis zum Jahr 2017 voraussichtlich entwickeln. Diese Prognose beeinflusst die Märkte bei der Einschätzung einer Währung: Je größer der Leistungsbilanzüberschuss eines Landes ausfällt, desto mehr lässt sich argumentieren, dass seine Währung unterbewertet ist.

Exportwachstum geht zurück

Noch während der laufenden IWF-Diskussion, wie Chinas Währungspolitik zu bewerten sei, veröffentlichte Peking neue Zahlen. So gab die chinesische Zollbehörde am Dienstag bekannt, dass das Land im März einen Handelsüberschuss erzielt habe, nachdem der Außenhandel im Februar stark defizitär ausgefallen war. Analysten warnten jedoch davor, zuviel in die Zahlen hinein zu interpretieren. Ihrer Ansicht nach deutet die Trendwende in der Handelsbilanz nicht darauf hin, dass Chinas Wirtschaft wieder an Stärke gewinnt.

Im März verzeichnete China einen Handelsüberschuss von 5,4 Milliarden US-Dollar – ein deutlicher Aufschwung im Vergleich zum Vormonat, als der Außenhandel noch ein Minus von 31,5 Milliarden Dollar aufwies. Dennoch schwächelt Chinas Exportsektor. Das jährliche Exportwachstum lag für das erste Quartal dieses Jahres nur bei 7,6 Prozent – knapp ein Drittel des Vorjahreswertes.

Die Ausfuhren haben sich verlangsamt, weil Chinas wichtigste Handelspartner – allen voran Europa – weniger Güter aus China nachfragen. Textilexporte etwa stiegen im ersten Quartal 2012 nur um 1,4 Prozent.

Bauwirtschaft schwächelt

„Es gibt weniger Bestellungen und größere Schwankungen auf den Märkten", sagt Lian Sheng, Sales Manager bei Defang Textile in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Er fügt hinzu: „Die Lage ist mehr oder weniger genauso schlecht, wie es sich die Leute vorstellen."

Auch die Importe blieben im ersten Quartal des Jahres hinter den Vorjahreswerten zurück. Eisenerzimporte wuchsen im Vergleich zu 2011 nur um 6 Prozent, weil Chinas Bauwirtschaft schwächelt.

Mit seinen Prognosen lag der IWF allerdings in der Vergangenheit nicht immer richtig. So sagte das Gremium China seit 2008 regelmäßig einen zu hohen Leistungsbilanzüberschuss voraus. Man habe fälschlicherweise damit gerechnet, dass sich die USA, Europa und Japan schneller von der Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 erholen würden, rechtfertigt sich der Fond. Zudem unterschätzten die Experten, wie schnell sich Chinas Wirtschaft von ihrer Exportabhängigkeit befreien würde.

2007 erreichte Chinas Leistungsbilanzüberschuss seinen bisherigen Höchststand mit einem Wert von rund 10 Prozent des BIP. Der IWF nahm daraufhin an, die Leistungsbilanz werde sich auch in den kommenden Jahren nicht wesentlich verändern. Entsprechend kamen viele Beobachter zu dem Schluss, der niedrige Yuan sei „substanziell unterbewertet"; jahrelang machten Diplomaten und Politiker deshalb Druck auf China, eine Aufwertung der Währung zuzulassen.

USA drohen mit Sanktionen

Tatsächlich aber lag Chinas Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2011 nur bei mageren 2,8 Prozent des BIP.

Im Zuge der anhaltenden Kritik von Seiten der Politik gab China schließlich nach. Kurz vor einem G-20-Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen im Jahr 2010 lockerte China die Währungsfesseln. Seitdem stieg der Wert des Yuan gegenüber dem US-Dollar um rund 8 Prozent.

Vor allem aber in den USA schwelt die Debatte um Chinas Währung weiter. Im vergangenen Jahr erst verabschiedete der Senat ein Gesetz, das China mit Sanktionen für seine Währungspolitik droht. Selbst im Präsidentschafts-Wahlkampf ist der Wert des Yuan ein Thema.

Chinas Premierminister und Zentralbanker in der Volksrepublik hielten kürzlich dagegen. Ihnen zufolge hat der Yuan inzwischen ein „Gleichgewicht" erreicht und werde nun nicht mehr oder nur noch sehr langsam an Wert zulegen. Seit Januar hat sich der Yuan gegenüber dem Dollar schon um 0,3 Prozent verschlechtert.

Sollte der IWF nun tatsächlich einen geringeren Wert für Chinas langfristigen Leistungsbilanzüberschuss festlegen, unterfüttert das Pekings Argument, dass eine weitere Aufwertung der Währung nicht notwendig sei.

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 31. Juli

    Wasser marsch: in Frankreich spielten Kinder am Donnerstag an Springbrunnen, in Deutschland strömten Urlauber ins Freibad und in Indien trotzten Anwohner einem Wolkenbruch. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Biene, Eule, Pinguin: Die tierischen Maskottchen von Tech-Firmen

    Viele Produkte von Tech-Firmen sind schwer verständlich für Laien. Die Unternehmen haben es darum oft nicht leicht, für sich zu werben. Etliche setzen auf Tiere, um ihre Marke bekannt zu machen. Wir stellen 30 von ihnen vor.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: Im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städten die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.