• The Wall Street Journal

Bimby: Warum ganz Portugal eine deutsche Küchenmaschine liebt

    Von PATRICIA KOWSMANN
[image] Patricia Kowsmann/The Wall Street Journal

Die Küchenmaschine Bimby ist das beliebteste Haushaltsgerät in Portugal.

LISSABON—Als Marta Brito ihren Arbeitsplatz verlor, so erzählt sie, hat eine Maschine sie gerettet. Diese Maschine habe sie ins Herz geschlossen und sei für sie nun fast eine Art Freund. Es ist ein Gerät, das sich in Portugal öfter verkauft als das iPad und bei Facebook beliebter ist als die bekannteste Rockband des Landes. Es ist Bimby, ein in Deutschland hergestellter Küchenroboter, der den krisengeplagten Portugiesen verspricht, das Kochen billig und einfach zu machen.

Bimby, der in Deutschland unter dem Namen Thermomix verkauft wird, sieht aus wie eine Küchenmaschine mit einem Topf aus Edelstahl und einem Dampfgarer. Der Apparat wiegt die Zutaten, hackt, knetet, rührt, mixt und kocht – und das alles mit einem Timer, so dass der Koch nicht in der Küche warten muss, bis das Essen fertig ist.

Dass er in Portugal ein Verkaufshit ist, klingt zunächst überraschend. Das Land stand 2011 vor der Zahlungsunfähigkeit und musste für ein internationales Hilfspaket schmerzhafte Sparpillen schlucken. Aber die Portugiesen lieben technische Spielereien und treffen sich trotz aller Not doch regelmäßig in großer Runde zum Abendessen.

„Der Hersteller von Bimby hat es geschafft, die Maschine als Geld- und Zeitsparer zu verkaufen. Besonders in einer Zeit, in der sich viele den Restaurantbesuch nicht mehr leisten können", sagt Joaquim Silva, Marketingforscher an der Universität Minho. Er nutzt Bimby als Fallstudie für seine Doktorarbeit. Seine Landsleute seien auch für modisches Design und Mundpropaganda empfänglich. Fernsehwerbung sei da gar nicht mehr nötig.

Hersteller Vorwerk meldet seit drei Jahren regelmäßig Rekordabsätze in Portugal – und das, obwohl Bimby mit knapp 1.000 Euro fast das Doppelte des monatlichen Mindestlohns kostet. Im vergangenen Jahr kauften die Portugiesen fast 35.000 Bimbys, aber nur 22.000 iPads. Nach Schätzungen von Vorwerk werden Ende 2014 etwa 8 Prozent der 3,7 Millionen Haushalte in Portugal einen Bimby besitzen.

Der im Jahr 2000 vorgestellte Thermomix wird in etwa 60 Ländern verkauft. In Portugal ist die Marktdurchdringung besonders hoch. Auf Facebook hat Bimby mehr als 100.000 Likes, die angesagte Rockband Xutos & Pontapés nur 83.000. Ein monatliches Bimby-Magazin findet etwa 35.000 Käufer, mehr als die portugiesische Ausgabe der Vogue.

Video auf WSJ.com

Watch Bimby, the kitchen robot, make spinach and cod for four.

Seine Besitzer sehen in Bimby meist eine weibliche Helferin und reden mit „sie" über das Gerät. Auch ein Verb hat sich bereits daraus gebildet – bimbar. Ein Parlamentsabgeordneter nannte den stellvertretenden Ministerpräsidenten Paulo Portas kürzlich „einen regierenden Bimby" – weil er in seinen verschiedenen Ämtern schon zahlreiche unterschiedliche Aufgaben innehatte.

Marta Brito hatte noch vor drei Jahren noch nicht einmal die Geduld, eine Suppe zuzubereiten. Jetzt nennt sie sich selbst „Bimbyholikerin". Sie hatte die Maschine gekauft, um als Mutter gleichzeitig Vollzeit in einem Reisebüro arbeiten zu können. Als sie Ende 2010 ihre Stelle verlor, entdeckte sie ihre Liebe zum Kochen. Jetzt verbringt sie den Großteil ihres Alltags damit, neue Rezepte auszuprobieren. Diese stellt sie auf ihrem Blog – „Donabimby", Frau Bimby – vor und beantwortet die Fragen ihrer mehr als 9.000 Fans. Bei Veranstaltungen verkauft sie Marmelade und lässt sich von Backmittelherstellern sponsern. „Man kann sagen, dass Bimby mein Leben verändert hat", sagt sie.

Auch Männer lassen sich von Bimby verzaubern

Brito und ihre Familie geben nun deutlich weniger Geld für Lebensmittel aus. Das ist laut Vorwerk auch das wichtigste Verkaufsargument. Im Haus der Britos sind Mayonnaise und Ketchup selbstgemacht. Marta Brito kann sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal einen Kuchen oder Fingerfood für eine Party gekauft hat. Wenn ihr Bimby kaputt gehen würde, wäre sie verloren, sagt sie. „Wenn ich nur an all die Kisten in der Garage denke, in denen ich meine alten Geräte habe, bekomme ich Kopfschmerzen."

Trotz eines neuen Konkurrenten namens Yammi, den die portugiesische Supermarktkette Continente im September vorgestellt hat, wurden im November mehr als 5.000 Exemplare der Wundermaschine verkauft. „Die Fanbasis des Bimby ist so groß und die Gemeinschaft so gut durch Foren und Blogs vernetzt, es ist wie ein Kult", sagt Silva.

Natürlich hat Bimby nicht nur Freunde. Sandra Simões, Anwältin aus Lissabon, war kürzlich bei einer Vorführung wenig beeindruckt. „Es gibt keine Spontaneität beim Einkaufen, Kochen oder Abschmecken, weil alles in den Rezepten schon gewogen, programmiert und mechanisiert ist", sagt sie. „Und ich möchte mich auch nicht von einem Gerät abhängig machen." Auch Marta Brito verzichtet bei einigen Dingen auf den Bimby, etwa beim Kochen von Reis. Der gelinge viel besser auf dem Herd.

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Bimby

Die Wurzeln des Thermomix, wie der Bimby überall außerhalb von Portugal und Italien heißt, liegen im Jahr 1970. Ein Vorwerk-Direktor in Paris, dem Land eingedickter Suppen, kam auf die Idee, eine Maschine zu bauen, die gleichzeitig rühren und kochen kann. Seitdem hat sich das Konzept bis nach Neuseeland ausgebreitet.

Die Volkswirtin Erica Arimathea hat vor einem Jahr ihren Job an den Nagel gehängt, um Vollzeit Bimbys zu verkaufen. Sie berichtet, dass sich auch Männer von dem Küchenroboter verzaubern lassen. „Einige sind so begeistert, dass sie ihre Frauen nicht an die Maschine lassen. Es ist wie ein Spielzeug."

Den Bimby gibt es nicht im Geschäft. Stattdessen ziehen Erica Arimathea und etwa 1.400 weitere Vertreter von Tür zu Tür und zeigen den Bewohnern, wie man Säfte, Suppen, Soßen, Eiskrem, Teig und selbst traditionelle Gerichte in weniger als zwei Stunden zubereitet. In Sekunden verwandelt Bimby normalen Kristallzucker in Puderzucker, der im Laden teurer ist. Aus Milch, einem Becher Joghurt und etwas Milchpulver zaubert er eine große Schüssel Joghurt. Auch das ist günstiger.

„Ein Bimby bezahlt sich praktisch selbst. Und danach spart man mit ihm beträchtlich, was ja in diesen Tagen so wichtig ist", sagt Arimathea. Am Ende ihrer Präsentationen spricht sie mit den Kunden über die Zahlungsmodalitäten. In 173 Vorführungen habe sie 94 Maschinen verkauft. Obwohl, wendet sie ein, der Begriff verkaufen treffe es nicht ganz. „Man kauft keinen Bimby, man geht eine Beziehung mit ihm ein."

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