• The Wall Street Journal

Weltbank: Kim in der Kritik

    Von SUDEEP REDDY

Eine umfassende Einführung in die Welt der Wirtschaft bekam Jim Yong Kim erst vor drei Jahren. Als er Präsident der US-amerikanischen Eliteuniversität Dartmouth College werden sollte, verpasste ihm die Universitätsleitung einen zweitägigen Crashkurs in Finanzwissenschaften.

Reuters

Jim Yong Kim stellte sich in der vergangenen Woche in Brasilien vor.

Jetzt soll der Mediziner und Anthropologe nach dem Willen der Obama-Regierung die Weltbank anführen. Er verfügt jedoch über ein gänzlich anderes Profil als seine Vorgänger. Eine Analyse des Wall Street Journal seiner Publikationen und öffentlichen Aussagen der vergangenen zwanzig Jahre zeigt, dass der Gesundheitsexperte immer wieder mehr Finanzhilfen für arme Länder gefordert hat. Zu den finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenhängen der weltweiten Kreditwirtschaft hat er jedoch nur wenig Erfahrungen gesammelt.

Beruflich hat er sich zumeist mit dem Gesundheitswesen befasst. Wenn es dabei um Entwicklungspolitik ging, klagte er oft darüber, dass die reichen Länder nicht genug Gelder bereitstellten, um die Probleme ärmerer Länder zu lösen. Republikanische Präsidenten wie Richard Nixon oder George W. Bush lobte er für ihren Einsatz für internationale Gesundheitsprogramme.

Die Ernennung Kims als Nachfolger von Robert Zoellick gilt als sicher. Die USA haben als größter Kapitaleigner der Weltbank bei der Besetzung des Postens das letzte Wort. Insgesamt gibt es drei Kandidaten, die ab Montag vom Exekutivdirektorium der Bank angehört werden. Noch in diesem Monat wird das Gremium seine Entscheidung bekannt geben.

Der 52-jährige Kim wurde seit seiner Nominierung im März scharf kritisiert. Entwicklungsexperten, Regierungsvertreter und Medien zeigten sich wenig angetan von Washingtons Wahl. Viele halten die beiden anderen Kandidaten, den nigerianischen Finanzminister Ngozi Okonjo Iweala und den ehemaligen kolumbianischen Finanzminister José Antonio Ocampo für besser qualifiziert.

In Afrika und Asien gearbeitet

Das der Wunschkandidat Washingtons offen kritisiert wird, ist ein Novum in der 67-jährigen Geschichte der Weltbank. Trotzdem steht die Regierung Obama weiter hinter Kim. IM Wahlkampf mit den Republikanern bleibt ihr auch keine andere Wahl, als einen amerikanischen Kandidaten durchzusetzen. Alles andere würden die Republikaner als Schwäche auslegen.

Auch Europa unterstützt traditionell die Wahl der USA. Im Gegenzug lässt Washington den Europäern an der Führungsspitze des Internationalen Währungsfonds Vortritt.

Video auf WSJ.com

President Obama nominates Dartmouth College President Jim Yong Kim to lead the World Bank, a surprise pick for a job that has usually been held by people with political or banking experience. So just who is Jim Yong Kim? WSJ's Sudeep Reddy reports. (Photo: Getty Images)

Kims Unterstützer sagen, seine Erfahrungen in der Entwicklungshilfe in den Dörfern Afrikas und Asiens qualifiziere ihn mehr als jeden anderen dafür, die Probleme der Entwicklungsländer in Angriff zu nehmen. Die Weltbank sei „keine normale Bank", sagte Kim auf seiner Vorstellungsreise im März in Äthiopien. „Sie konzentriert sich auf die menschliche Entwicklung auf das Anheizen des Wachstums in den ärmsten Ländern und das Wohlergehen der Menschen in aller Welt. Ich glaube, dass ich dafür einen guten Hintergrund habe".

Kim hat in seiner Eigenschaft als Leiter des HIV-Programms bei der Weltgesundheitsorganisation vor Ort gearbeitet. Zudem ist er Mitbegründer der Hilfsorganisation Partners in Health, die in armen Ländern Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung stellt.

Kritisiert wird Kim unter anderem für Passagen aus dem von ihm herausgegebenen Buch „Dying for Growth". In einem von ihm mit verfasstem Kapitel heißt es. „Das Streben nach Wachstum der Wirtschaftsleistung und der Unternehmensgewinne hat das Leben von Millionen von Frauen und Männern verschlechtert".

In den 1990er Jahren griff er die US-Regierung und Universitäten scharf dafür an, sich nicht ausreichend um Gesundheitsprobleme im Ausland zu kümmern. Wenn doch Geld floss, kritisierte er die Umsetzung. „Auf der ganzen Welt benötigen Menschen dringend Medikamente, die die Weltgemeinschaft sicher liefern könnte", sagte er einem Ausschuss des US-Senats 2002. „Nötig wären nur der politische Wille und das Geld."

In letzter Zeit lobte er öffentlich die Stiftung von Bill und Melinda Gates sowie die Bush-Regierung für ihren Einsatz gegen Aids in Afrika. Er fordert jedoch weiter ein stärkeres Engagement der USA: „Wenn die USA jeweils so viel Geld für das Militär und die Entwicklungshilfe ausgeben würde, wie die Bevölkerung glaubt, dann wären die Probleme der armen Länder gelöst", schrieb er 2007 in einem Aufsatz für die Harvard International Review.

Geithner nennt ihn "Pionier"

Zu den schärfsten Kritikern Kims zählt der Wirtschaftswissenschaftler William Easterly von der New York University. Er wirft dem designierten Weltbankpräsidenten einen „stümperhaften" Blick auf die Wirtschaft vor. Seine Sichtweise sei „globalisierungs- und unternehmenskritisch" geprägt: „Er hat argumentiert, dass der Kapitalismus für die Entstehung von Armut verantwortlich ist".

US-Finanzminister Geithner nennt Kim in einem Brief an das Exekutivdirektorium der Bank dagegen einen „Pionier". Er habe gezeigt, wie „die größten Herausforderungen unserer Generationen angegangen werden können".

„Dr. Kim hat sich beständig für nachhaltiges Wachstum eingesetzt, bei dem dessen Erträge der ganzen Gesellschaft zugute kommen", schrieb Geithner. „Er hat erkannt, dass Volkswirtschaften in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur investieren müssen, um wachsen zu können".

Kims drei Jahre an der Spitze der Universität Dartmouth geben den einzigen Einblick darauf, wie er mit Finanzangelegenheiten umgeht. Bei seinem Antritt 2009 war das Stiftungsvermögen im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent auf 2,8 Milliarden US-Dollar gesunken.

„Ich hatte nie mit Investments zu tun. Ich hatte keine Ahnung, was ein Hedgefonds ist", sagte Kim vor zwei Jahren dem Wall Street Journal. Ein Absolvent, der eine Risikokapitalgesellschaft leitete, habe ihm zwei Tage lang die wichtigsten Grundlagen erklärt.

Für seinen analytischen Führungsstil erntete Kim in Dartmouth viel Lob. Er habe sich schnell in die Budgetprobleme eingearbeitet, berichtet Wirtschaftswissenschaftler Matthew Slaughter. „Er hat immer offen gelegt, wie die Lage aussah. Alle Entscheidungen waren transparent".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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