• The Wall Street Journal

Proteste in Kiew nehmen dunkle Wendung

    Von JAMES MARSON
[image] Associated Press

Regierungsgegner an der Frontlinie, umringt von brennenden Barrikaden, die die Polizei abhalten sollen.

KIEW—Am Anfang brachten sie Tee und Sandwiches mit, nun haben die ukrainischen Regierungsgegner Molotow-Cocktails und Säcke mit Pflastersteinen dabei. Nach zwei Monaten friedlicher Proteste auf dem Maidan-Platz hat sich das Zentrum von Kiew in eine Festung verwandelt. Aus mit Schnee gefüllten Säcken errichten die Demonstranten Barrikaden. Sie bewaffnen sich mit Knüppeln, Feuerwerken und allem, was sie in die Finger bekommen können.

Nachdem die Verhandlungen zwischen Präsident Viktor Janukowitsch und der Opposition keine Ergebnisse brachten, haben die Demonstranten nicht nur die Barrikaden erweitert, sie haben auch ein Ministeriumsgebäude besetzt.

Tausende jubeln, als die Oppositionsführer fragen, ob die Verhandlungen abgebrochen werden sollen, weil Janukowitsch nur verhalten auf die Forderungen seiner Gegner einging. Zwar habe er die Freilassung inhaftierter Demonstranten im Gegenzug für eine Krawallpause angeboten. Als die Menge davon erfährt, ertönen laute Pfiffe und Buhrufe. Einen Rücktritt aber, eine Hauptforderung der pro-europäischen Protestbewegung, lehnt Janukowitsch nach Oppositionsangaben weiter ab.

"Viel Gerede um nichts", ruft Vitali Klitschko, Boxweltmeister im Ruhestand und einer der führenden Köpfe der Opposition, der Menge zu. "Es hat keinen Sinn, mit jemandem zu verhandeln, der einen über den Tisch ziehen will." Viele, die sich auf dem Platz versammelt haben, misstrauen Janukowitsch. Sie glauben, dass er eine Räumung vorbereitet.

Der Opposition ist die Kontrolle über die Ereignisse entglitten

Klitschko beschwört die Menge, friedlich zu bleiben. „Ein Machtwechsel ohne Blutvergießen ist immer noch möglich." Doch der Opposition entglitt während der vergangenen Tage die Kontrolle über die Ereignisse. Knapp 200 Meter entfernt von dem Platz auf einer Straße, die zu den Regierungsgebäuden führt, verläuft die neue Frontlinie. Dort hat eine Gruppe radikaler Organisationen in dieser Woche die Polizei angegriffen. Sie sagen, der passive Ansatz der Oppositionsführer bringe keine Zugeständnisse.

Aus Verärgerung darüber, dass die Regierung ihnen nicht entgegen kommt und neue Regeln erlassen hat, um härter gegen die Demonstranten durchzugreifen, haben es viele den Radikalen gleichgemacht. Einige schützen ihre Arme und Beine mit Styropor. Andere rollen Reifen in die Feuer, die zwischen den Fronten zu schwarzen Wolken verbrennen.

„Ich weiß, dass es auf dem Platz sicherer ist, doch da sehen die Leute bloß zu", sagt Orest, ein 42-jähriger Bauarbeiter, der seine Hände über einer Feuerschale nur wenige Meter von der ersten Barrikade entfernt, wärmt. Wie andere Demonstranten wollte er nur seinen Vornamen nennen.

Es sei bereits das dritte Mal, dass er zu den Protesten aus der westukrainischen Stadt Lwiw, ehemals Lemberg, anreise, sagt er. Dieses Mal will er ganz vorn dabei sein. „Ich habe ein wenig Angst, doch je mehr Menschen da sind, desto weniger Angst habe ich", sagt er.

Inzwischen ist es weitaus gefährlicher geworden, an den Protesten teilzunehmen. In dieser Woche wurden mindestens zwei Demonstranten durch Schüsse getötet. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Knüppel ein. Laut Ärzten gab es hunderte Verletzte.

Dem oppositionellen Abgeordneten Andrej Paruby zufolge nutzt die Polizei Blendgranaten, die Granatsplitter enthalten. Andere Demonstranten zeigten Metallkugeln, die ihnen zufolge von Polizisten abgeschossen wurden.

Die Regierung streitet ab, dass sie scharfe Munition eingesetzt hat und für die Toten verantwortlich ist. Es werde nicht mehr Gewalt eingesetzt als nötig.

Straßenschlachten in der Ukraine - ein Volk begehrt auf:

Reuters/Vasily Fedosenko

Die Eskalation der Gewalt hält die Demonstranten jedoch nicht von ihren Protesten ab. Nach den Todesfällen und einer ganzen Reihe von Übergriffen der Bereitschaftspolizei strömten am Donnerstag Tausende auf den Platz. Die Opposition erwartete eine Stürmung ihres Hauptquartiers.

Hunderte schippten Schnee in Säcke und bauten damit Barrikaden auf den Straßen auf, die zum Platz führen. Bis zu drei Meter hoch stapelten sie die Schneesäcke. Andere schütten Benzin in Bierflaschen oder hämmern Pflastersteine klein und tragen sie zur Frontlinie.

Der Maidan-Platz selbst mutet immer noch an wie ein Campingplatz bei einem Rockfestival – nur rauer. Während Sängerin Ruslana die Nationalhymne singt und zu friedlichen Protesten aufruft, kommen und gehen Männer in Tarnkleidung, mit Helmen und Schutzschilden zur Frontlinie.

"Man gewöhnt sich an die Blendgranaten"

Andrej, ein 53 Jahre alter Arzt aus der Nähe von Kiew, war auch schon an vorderster Linie. "Als zum ersten Mal die Blendgranaten explodierten, hatte ich Angst", sagt er. „Aber man gewöhnt sich dran."

Seine Frau Ljuba, 51 Jahre alt, lockert derweil mit Hilfe eines Pfahls gefrorenen Schnee, um ihn in Säcke zu packen. „Ich habe das hier gehabt, um mich vor der Gewalt der Polizei zu schützen", sagt sie und deutet auf die Ohrenschützer ihrer Kunstpelzmütze.

Dort, wo sich Polizei und Opposition direkt gegenüberstehen, ist die Spannung auch am Donnerstag greifbar – obwohl ein vorübergehender Waffenstillstand ausgehandelt wurde.

Dann taucht die Feuerwehr auf. Sie will ein Feuer löschen, das aus dem ersten Stock eines Gebäudes lodert, in dessen Nähe ein Schutzwall aus brennenden Reifen aufgebaut ist.

Die Szenerie erinnert an Kriegs- oder Katastrophenfilme, in denen ein Lagerplatz gezeigt wird: Männer mit vom Rauch geschwärzten Gesichtern und Kleidern greifen sich von der diensthabenden Wache Tee und Brote ab. Eine Straße, von deren Kopfsteinpflaster die meisten Steine fehlen, ist voller Schlamm und Schneematsch. Manche Demonstranten gesellen sich zu einigen Pfarrern, um mit ihnen zu beten und singen. Etwas weiter hinten wärmen Männer ihre Hände an Feuern, die in Tonnen angezündet wurden. Andere verteilen Zigaretten und Tee, einige machen Erinnerungsfotos mit ihren Handys.

Im restlichen Kiew hingegen geht das Leben so normal wie möglich weiter.

Nur wenige hundert Meter vom Platz entfernt haben die Läden geöffnet. In Cafés gibt es Tee und Sandwiches, die U-Bahn-Station unter dem Platz ist immer noch in Betrieb und ein Laden in der Unterführung verkauft weiterhin gebackene Kartoffeln.

Doch manchmal schwappt die Gewalt doch über. In der Nacht springen Demonstranten aus mehreren Autos und halten junge Männer an. Laut den Oppositionellen wurden diese vom Regime angeheuert, um Ärger zu machen.

Oppositionelle berichten, einige von ihnen seien am frühen Donnerstag von Schlägern und der Polizei eingekesselt worden. Das Innenministerium macht die Demonstranten für die Eskalation verantwortlich. Diese hätten drei Polizeibusse angegriffen. 18 Menschen wurden verhaftet.

—Mitarbeit: Katja Gortschinskaja

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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