• The Wall Street Journal

Twitter will groß ins Datengeschäft einsteigen

    Von ELIZABETH DWOSKIN

In seinem Börsenprospekt hat Twitter eine bisher kaum bekannte Einnahmequelle offengelegt: Der Konzern verkauft seine Informationen an eine rasant wachsende Zahl von Firmen, die mit der Datenanalyse kräftig Geld verdienen. Sie können auf diese Art frühzeitig Trends erkennen und Insider-Nachrichten verarbeiten.

Noch macht für Twitter die Summe mit 47,5 Millionen US-Dollar im Vergleich zu den Anzeigeneinnahmen relativ wenig aus. Aber das lukrative Datengeschäft des sozialen Netzwerks sorgt in der Wirtschaft schon für Furore.

Reuters

Twitter verkauft seine Informationen an Firmen, die mit der Analyse der Daten Geld verdienen.

Der konstante Fluss von Aussagen über Erfahrungen, Meinungen und subjektive Eindrücke hat ein breitgefächertes, kommerzielles Ökosystem ins Leben gerufen. Produktentwickler, Hollywoodstudios, Einzelhandelsketten und - das ist vermutlich das profitabelste Geschäft - Hedgefonds und andere Investoren erhalten vermeintliches Insiderwissen. Der neue Geschäftszweig boomt. Unterstützt von millionenschweren Dollarbeträgen der Wagniskapitalgeber haben sich Hunderte Firmen herausgebildet, die über Twitter den Puls der Zeit messen.

Die Vereinten Nationen spüren über Twitter Aufstände auf

"Der wirtschaftliche Einfluss von Twitter reicht weit über alles hinaus, was in den Unterlagen zum Börsengang auftaucht", berichtet Rob Bailey, Chef des britischen Unternehmens Data Sift, das soziale Daten analysiert. Solche Firmen entdecken Trends, lange bevor Otto Normalverbraucher sie überhaupt spürt. Die Vereinten Nationen verwenden von Twitter abgeleitete Algorithmen, um zu sehen, wo sich Tumulte und Aufstände ereignen könnten. DirecTV nutzt Twitter-Daten als Frühwarnsystem, um Stromausfälle mittels Kundenbeschwerden zu ermitteln. Personalabteilungen analysieren die Daten, um ihre Bewerber besser einschätzen zu können.

Eine gute Geschäftsgelegenheit dürfte sich an der Wall Street ergeben. Das Unternehmen Dataminr etwa machte Dienstleistungen für Händler zu seinem Kerngeschäft. Rund 30 Millionen Dollar sammelte das Unternehmen allein in diesem Jahr von Investoren ein. Dataminr nutzt Algorithmen, ähnlich jenen, die Hedgefonds für den Hochgeschwindigkeitshandel einsetzen. Fünf Minuten bevor in der vergangenen Woche die Nachricht von Schüssen auf dem Capitol über die Fernsehbildschirme flimmerte, warnte Dataminr bereits seine Abonnenten. Diese Händler hatten einen Zeitvorsprung von fünf Minuten, ehe der S&P-Index um 20 Punkte absackte.

Die Algorithmen von Dataminr hatten Tweets von einer Handvoll Augenzeugen aufgespürt. Das System folgerte sofort aus dem Zeitpunkt und dem Standort der Augenzeugen, dass etwas Wichtiges passiert war. Andere Handelsalgorithmen nutzen "Gefühlsskalen", um die Stimmung für bestimmte Aktien zu messen. Dadurch treiben sie Kaufs- und Verkaufsentscheidungen an.

Die Analyse-Firmen sind Teil einer blühenden Datenbranche, die alle Informationen, die von Unternehmen angesammelt und Einzelpersonen online hinterlassen werden, sammelt, vertreibt und analysiert. Schätzungen zum Marktwert dieser Branche sind schwer zu erhalten. Doch die Marktforscher von IDC schätzen, dass der komplette "Datenmarkt" jüngst um das Siebenfache schneller gewachsen ist als die IT-Branche insgesamt. Sie dürfte in zwei Jahren einen Marktwert von annähernd 17 Milliarden Dollar erreichen.

Die Köpfe hinter Twitter

Associated Press

Die meisten dieser Firmen ziehen für ihre Analysen eine ganze Reihe von Quellen heran. Dazu gehören Tumblr von Yahoo, Instagram von Facebook und die Bewertungsseite Yelp. Aber Twitter ist die unangefochtene Nummer eins. Ihr Vorteil: Sie liefert einen öffentlichen Datenstrom in Echtzeit. Selbst die Bibliothek des US-Kongresses katalogisiert Tweets.

Twitters großer Rivale Facebook spielt dagegen im Datengeschäft noch keine wichtige Rolle. Zum Teil liegt es daran, dass die Facebook-Produkte nicht als öffentliche Gespräche gedacht sind, sondern als privater Austausch unter Freunden. Aber der Zuckerberg-Konzern horcht auf. Twitters Erfolge beim Verkauf von öffentlichen Gesprächen über aktuelle, wichtige Ereignisse geben Facebook zu denken. Deshalb schließt sich das soziale Netzwerk derzeit mit großen Medienunternehmen zusammen, um angesammelte Informationen seiner Nutzer über Verbraucherthemen an interessierte Firmen zu liefern.

Jede der Analyse-Firmen nennt selbstentwickelte Werkzeuge zur Datenauswertung ihr Eigen, die über die übliche Stichwortsuche hinausgehen. Einige Suchfunktionen können beispielsweise eine Untergruppe von Nutzern ins Visier nehmen - etwa Frauen mit einer bestimmten Postleitzahl. Außerdem lassen sich Phrasen und emotionale Ausdrücke aufspüren. Dadurch kann das Programm eine "Hitzekarte" erstellen oder eine Gefühlsskala, die misst, wie eine bestimmte Untergruppe über ein bestimmtes Thema denkt. Die Analysefirmen haben Algorithmen programmiert, die die gesprochene Sprache unter die Lupe nimmt - etwa Slang und Grammatikfehler. Tweets können eine besondere Bedeutung beigemessen werden, wenn Wörter wie "sensationell" auftauchen.

Auch das Twittern kennt gewisse Grenzen

"Wir zählen nicht nur das Volumen dieser Trends. Das wäre naiv", merkt Nova Spivak, CEO der Firma Bottlenose aus Los Angeles, an. Sein Unternehmen blicke vielmehr auf Tempo und Triebkraft eines Trends. "Unternehmen haben Jahre damit zugebracht, die Vergangenheit zu verstehen", meint Spivak. "Twitter dagegen hat einen Weg gefunden, mit dem sich die Gegenwart messen lässt."

Doch Twitter-Daten sind bei weitem keine perfekte Glaskugel. Die aktivsten US-Twitterer sind kein richtiger Querschnitt der Bevölkerung des Landes. Zwar tauschen drei Viertel der erwachsenen US-Bürger Informationen über soziale Netzwerke aus. Aber Twitter zum Beispiel spricht besonders junge Leute an. Rund 30 Prozent der Nutzer sind jünger als 30 Jahre. College-Absolventen und wohlhabendere US-Bürger twittern ebenfalls häufiger als der Rest. Doch die Lücke zum Durchschnittsamerikaner ist relativ klein und verringert sich gerade.

Twitters offizieller Börsenantrag

Lesen Sie die neuesten Finanzunterlagen zum Börsengang von Twitter im Original (auf Englisch). Wir haben die wichtigsten Stellen gelb markiert.

Twittern kennt aber auch gewisse Grenzen. "Rund 80 bis 90 Prozent aller Gespräche laufen immer noch außerhalb des Internets ab", meint Darrell Jursa von der PR-Firma Fleishman Hiller. Man müsse die Informationen aus sozialen Netzwerken in Zusammenhang mit allem anderen stellen.

Twitter tüftelt immer noch an Möglichkeiten, wie sich das meiste Geld mit dem Datengeschäft verdienen lässt. Diese Sparte legte vergangenes Jahr um rund die Hälfte zu, wie sich aus IPO-Unterlagen für die US-Börsenaufsicht SEC ergibt. Das Unternehmen ergreift auch Maßnahmen, damit Dritte nicht gratis an Informationen aus dem Twitter-System gelangen.

Twitter hat derweil vier Unternehmen als Wiederverkäufer von Daten zertifiziert. Diese Datenbroker sind Gnip, Data Sift, Topsy und die japanische Firma NTT Data . Ihre Zahlungen machen das Gros der Einnahmen von Twitter aus dem Datengeschäft aus. Vergangenes Jahr überwiesen sie Twitter monatlich rund 35,6 Millionen Dollar.

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