• The Wall Street Journal

Das vernetzte Auto: Milliardengeschäft für die Industrie

    Von NICO SCHMIDT

Ralf Lenninger und sein Team bei Continental haben alle Hände voll zu tun. Der Forschungschef der Innenausstattungssparte des Autozulieferers beschäftigt sich mit einem der Megatrends der Industrie: dem sogenannten vernetzten Auto. Das Ziel seiner Mannschaft ist nicht weniger, als das Auto zum Teil des Internets werden zu lassen. Ein extrem komplexes Thema, mit dem die Branche aber Milliarden umsetzen will.

Aktuell forschen die Conti-Entwickler beispielsweise am "elektronischen Horizont", der quasi Navigation und Motorsteuerung miteinander vernetzen soll. "Wenn das Auto wüsste, was auf der Strecke vor ihm los ist, könnte es sich besser darauf einstellen", erklärt Lenninger die Idee.

Das würde das Fahren nicht nur komfortabler und sicherer machen, sondern auch sparsamer. Denn wüsste ein Wagen dank Informationen von anderen Verkehrsteilnehmern beispielsweise, dass hinter einem Hügel der Verkehr stockt, könnte er reagieren. Ein vernetztes Auto würde dann schon frühzeitig einen Zylinder abschalten, der beim Stop-and-Go-Verkehr gar nicht benötigt wird und damit Spritverbrauch und Emissionen reduzieren.

AFP

Wie bringt man den Wagen dazu, Informationen zu liefern? Viele Firmen arbeiten derzeit am vernetzten Auto.

Für Lkw hat Conti bereits entsprechende Systeme in Serie, die allerdings auf festem Kartenmaterial und nicht auf Echtzeit-Informationen basieren. Wird die Vision vom nahezu vollständig vernetzen Auto einmal Realität, sollen in die Steuerung des Wagens brandaktuelle Daten - von der Verkehrslage bis zu den Witterungsbedingungen - einfließen. Das allerdings würde immense Datenströme verursachen, die heute kaum zu verarbeiten sind.

Wenn heute jedes Auto ständig Videos machen würde und diese zur Sichtung und Auswertung weitergäbe, könnte wegen der Überlastung der bestehenden Mobilfunknetze niemand mehr telefonieren, so Lenniger. Für ihn ist das nur ein Beispiel dafür, wie steinig der Weg zum "Connected Car" noch ist.

Hinter der Idee des vernetzten Autos steckt ein Paradigmenwandel. Bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts war der Wagen noch eine weitgehend Internet-freie Zone. In den vergangenen knapp zehn Jahren ging es dann vorrangig darum, das Internet ins Auto zu bringen. Jetzt kommt der Pkw langsam aber sicher immer stärker im World Wide Web an und wird nicht nur Abnehmer, sondern auch Lieferant von Informationen. "Das Auto entwickelt sich zum Rechenzentrum auf Rädern. Der mobile Internetzugang, stetige Kommunikationsmöglichkeiten, digitale Bedienungselemente und elektronische Assistenzsysteme unterschiedlichster Art werden schon bald nicht nur im Premiumsegment, sondern in allen Fahrzeugsegmenten selbstverständlich sein", sagt Felix Kuhnert, Autoexperte von Pricewaterhouse Coopers.

Das vernetzte Auto ist dementsprechend eine hochinteressante und lukrative Spielwiese für die Automobilindustrie. Laut Prognosen der Managementberatung Oliver Wyman werden im Jahr 2016 weltweit rund 50 Prozent aller verkauften Neuwagen „connected" sein. In entwickelten Märkten wie Japan, Nordamerika und Westeuropa wird das den Prognosen zufolge in den nächsten 15 bis 20 Jahren sogar auf fast jedes verkaufte Auto zutreffen.

Für die Unternehmensberatung Capgemini ist die Vernetzung deshalb schon bald kein Extra mehr, sondern eher ein Kaufkriterium und ein Differenzierungsmerkmal im zunehmend härter werdenden Wettbewerb um die Gunst des Kunden. Schon heute geht fast die Hälfte aller Autointeressenten laut einer Studie davon aus, dass ihr nächstes Auto entsprechende Technologien an Bord haben wird. Nicht umsonst sprach Opel-Chef Karl-Thomas Neumann vor einigen Wochen von einem dramatischen Wandel der Kundenanforderungen. "Während früher die Frage nach PS und Größe des Fahrzeuges im Vordergrund stand, fragen immer mehr junge Menschen heute zuerst nach der iPhone-Schnittstelle und der Siri-Sprachsteuerung im Automobil."

Vernetzung ist Voraussetzung für das automatisierte Fahren

Diese digitale Revolution rund ums Auto bietet der Industrie riesige Chancen: Die Strategieberatung Booz & Company rechnet beispielsweise damit, dass sich der weltweite Umsatz mit Connected-Car-Produkten bis 2020 mehr als verzehnfachen wird - auf dann rund 110 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das ist mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes, den er Autogigant Volkswagen mit seinen Dutzend Konzernmarken macht.

Die umfassende Vernetzung des Autos mit seiner Umwelt ist außerdem eine wichtige Voraussetzung für eines der Hype-Themen in der Automobilindustrie: das automatisierte Fahren. Waren es auf den vergangenen Automobilmessen meist E-Autos, die von der Industrie ins Rampenlicht gerückt wurden, stand auf der IAA in Frankfurt das "Auto-Auto" als zweiter Technologieschwerpunkt im Fokus. Einzelne Branchenexperten sprechen von einer Revolution, vergleichbar mit der Ablösung der Kutsche durch den Motorwagen.

Ob Daimler-Chef Dieter Zetsche, der im Fonds einer selbstfahrenden S-Klasse auf die Bühne in der Frankfurter Festhalle chauffiert wurde, oder Opel-Vorstandsvorsitzender Neumann, der seine Vorstellung von der Mobilität der Zukunft auf einem Zukunftsgipfel darlegte - jedes Automobilunternehmen nutzte die Plattform IAA, um die Werbetrommel für das Thema zu rühren.

Bevor Neumann im Squaire, dem futuristischen Bürogebäude am Frankfurter Flughafen die Bühne betrat, schilderte eine Stimme aus dem Off, wie der Unternehmenslenker wohl im Jahr 2022 den Weg zu dieser Veranstaltung gefunden hätte. Per iPhone habe er sich ein Elektroauto vor seine Haustür in Königsstein bestellt, das kurze Zeit später vollautomatisch und vollgeladen vorgefahren sei. Die persönlichen Innenraum- und Komforteinstellungen des Hausherren seien aktiv geworden, sobald Neumann Platz genommen und sich der Bordcomputer mit dem Smartphone synchronisiert hat. Der Semi-Autopilot habe die ersten Meter bis zum nächsten Kreisel übernommen, während die neueste Blitzer-App aus dem opeleigenen App-Store blitzschnell aktuelle Verkehrsmeldungen aller lokalen Sender verglich.

Die Car-to-X-Technologie, die die Kommunikation zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmer, aber auch von Autos und Verkehrsinfrastruktur ermöglicht, erkennt dabei eine kurzfristig eingerichtete Baustelle in einem Kilometer Entfernung und ein sich von rechts näherndes Rettungsfahrzeug. Die Infotainment-Einheit des Wagens verarbeitet diese Informationen sofort und leitet den Wagen automatisch auf eine sichere Ausweichstrecke. Entspannt und rechtzeitig sei Neumann am Zielort angekommen – während er zur Konferenz ging, übernahm der Autopilot das Parken.

Bei der Vernetzung geht es nicht nur um Komfort

Viele der Einzelschritte der Vision 2022 sind heute schon Realität oder könnten es zumindest bald werden. Conti beispielsweise steckt laut Lenninger viel Zeit in die Weiterentwicklung der sogenannten Near Field Communication, mit deren Hilfe der Fahrer das Auto irgendwann per Handy aufschließen und auf seine Bedürfnisse personalisieren kann. Er wird dann beispielsweise in einem Mietwagen nicht nur die bevorzugte Sitz- und Lenkradposition vorfinden, sondern auch seine individuelle Wohlfühltemperatur und die gewünschte Musik.

Bei der Vernetzung geht es bei Weitem nicht nur um Komfort. Dank der Unterstützung durch das mobile Internet soll der Autofahrer künftig schneller, sicherer und kostengünstiger ans Ziel kommen. Das kann sich rentieren: Die Automobillobby VDA hat ausgerechnet, dass sich die volkswirtschaftlichen Kosten beispielsweise durch Unfälle bei einer vollständigen Durchdringung mit Car-to-X-Funktionen in Deutschland um jährlich mehr als 11 Milliarden Euro reduzieren ließen.

Damit das vernetzte, irgendwann sogar selbstfahrende Auto auch tatsächlich funktionieren kann, braucht es aber mehr als ausfallsichere Steuerungssysteme und die entsprechende Hard- und Software. Entscheidend sind auch superschnelle und leistungsfähige Mobilfunktechnologien. Damit sich ein Auto autonom bewegen könne, brauche es eine Vielzahl an Informationen, sagt Autoexperte Peter Fuß von der Unternehmensberatung Ernst & Young. Der Wagen müsse beispielsweise wissen, wo ein Hindernis im Weg sei, wo der nächste Stau lauere und wo Glatteis drohe.

"Über das Internet werden Informationen zwischen den Autos übermittelt und Daten von Wetterstationen, Staumeldern oder Sensoren an Leitplanken und Verkehrsschildern integriert. Auf diese Weise stimmen sich die Autos untereinander ab und bilden zuletzt einen komplett vernetzten Verkehr", sagt Fuß.

Die großen Vorteile und Potenziale des vernetzten Fahrens lassen sich aber keinesfalls zum Nulltarif realisieren. Fuß nennt die notwendigen Investitionen in die Daten-Infrastruktur eine „Mammut-Aufgabe" und fordert eine branchenübergreifende Zusammenarbeit: "Das ist ein finanzieller Kraftakt, den weder die Auto- noch die IT- beziehungsweise Telekommunikationsbranche alleine stemmen kann". Schließlich bedeute das vernetzte, selbstfahrende Auto vor allem eines: Big Data. Erfolg könne man an dieser Stelle deshalb nur gemeinsam haben, sagt Fuß. „Der eine braucht das Know-how des anderen - auf die jahrzehntelange Entwicklungsarbeit im jeweils anderen Bereich kann verzichtet werden."

Eine Erfordernis, die auch Continental erkannt hat. Letztlich habe man sich der Frage stellen müssen, ob man Zeit und Geld investieren will, um Dinge zu lernen, die andere schon besser könnten, so Entwickler Lenninger. „Deshalb kooperieren die Hannoveraner beispielsweise in den Bereichen Sicherheit und Datenverarbeitung mit Cisco und IBM und halten auch künftig die Augen nach weiteren Partnern offen.

„Eine Rezeptur in der digitalen Welt ist Offenheit", sagt Lenninger mit Blick auf die Kooperationsbereitschaft von Conti. Das gelte nicht zuletzt, da die Entwicklung in diesem Bereich extrem dynamisch und ein Ende der Möglichkeiten nicht absehbar sei. „The sky is the limit."

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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