• The Wall Street Journal

Europas Banken wird das EZB-Geld knapp

    Von JÖRG E. JÄGER und MICHAEL FUCHS
[geldbeutel] Shutterstock

FRANKFURT-Die Anleihemärkte Spaniens und Italiens senden Warnsignale. Nach einer merklichen Erholung in den ersten Wochen des Jahres sind die Renditen der zehnjährigen Referenzanleihen beider Länder auf neue Jahreshochs gestiegen. Marktteilnehmer sorgen sich, dass die Wirkung der üppigen Mittel, die den Banken von der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Verfügung gestellt worden sind, nachlassen könnte.

Auf Probleme deuten die jüngsten Auktionen von Staatsanleihen hin. Hatte Spanien schon in der Vorwoche Schwierigkeiten, seine Papiere zu platzieren, so hat es nun Italien getroffen. Das Land hat am Vormittag bei einer Auktion von Anleihen mit Laufzeiten von drei und zwölf Monaten zwar die angestrebten 11 Milliarden Euro unter die Anleger gebracht. Allerdings wurde der Erfolg teuer erkauft: Bei den zwölfmonatigen Papieren stiegen die Zinsen auf 2,840 von 1,405 Prozent bei der vorangegangenen Versteigerung vergleichbarer Titel. Bei den dreimonatigen Papieren legte die durchschnittliche Rendite auf 1,249 von 0,492 Prozent zu.

Die Zweifel, dass die Mittel aus den Dreijahrestendern der EZB die Refinanzierung der Peripheriestaaten des Gemeinsamen Währungsgebiets im laufenden Jahr sicherstellen, sind damit gewachsen. "Die Wirkung der Maßnahmen der EZB beginnt nachzulassen. Mit ihren Dreijahrestendern hat die Notenbank die Geschäftsbanken in Spanien und Italien in die Lage versetzt, massiv Schuldtitel des eigenen Finanzministers zu kaufen. Nun, nachdem das Geld langsam ausgegeben ist, beginnen die Renditen wieder zu steigen", sagt Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz.

Bei Bonitäts-Zweifeln hat Liquidität kurze Halbwertzeit

Es habe den Anschein, dass vor allem den spanischen Kreditinstituten das Geld aus den langfristigen Refinanzierungsgeschäften der EZB ausgehe und damit der Schwung beim Kauf heimischer Staatsanleihen verloren sei, warnt auch Kapitalmarktstratege Jim Reid von der Deutschen Bank. Das Beispiel Griechenlands habe gezeigt, dass Liquiditätshilfen nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit hätten, wenn die Bonität eines Landes angezweifelt werde. "Die Käufe, die die Langfristtender ermöglicht haben, liegen hinter uns und stützen die Märkte der Peripherie nicht mehr. Damit weiten sich die Spreads wieder aus", geben die Experten der Societe Generale zu bedenken, nachdem sich der Renditeabstand zwischen Italien und Spanien einerseits und den als sicher geltenden deutschen Anleihen wieder merklich ausgeweitet hat.

Damit rücken die wirtschaftliche Verfassung der einzelnen Länder wieder stärker in den Blick der Märkte."Es ist schwer zu sagen, ob es sich jetzt schon um Beginn einer Neuauflage der Staatsschuldenkrise handelt, allerdings ist klar, dass die Dreijahrestender zwar mächtige Instrumente, aber nicht der Heilige Gral sind", so Reid. Ob Spanien nun das nächste systemische Risiko für den Euroraum darstelle, werde sich also an den Wachstumsperspektiven und der Glaubwürdigkeit der Reformanstrengungen entscheiden.

Für bedenklich hält Karpowitz auch die anhaltende Kapitalflucht. Die Zahlungsbilanzen deuteten auf extremen Kapitalabzug aus den Ländern hin. Das größere Vertrauen, das der Markt zwischenzeitlich in Italien und Spanien gefasst haben soll, hält Karpowitz für eine Illusion. "Viele große Investoren investieren dort nach wie vor nicht", so der Analyst. Somit sei die angespannte Lage beider Ländern durch die Liquditätsspritzen der EZB ledglich kaschiert worden. "Es wird langsam klar, dass die EZB zwar gnadenlos die Symptome der Krise bekämpft hat, keinesfalls aber deren Ursache", kritisiert Karpowitz.

Großanleger werden kaum einspringen

Luca Jellinek von der französischen Credit Agricole stellt sich die Frage, wer für die Banken einspringen könnte. Aus Kundengesprächen habe er zwar den Eindruck gewonnen, dass vor allem in Italien etwas Geld von Institutionellen Investoren habe mobilisiert werden können. Diese Großanleger seien aber unter dem Strich "notorische Trendfolger", so dass es als Überraschung gewertet werden müsse, wenn aus diesen Reihen substanzielle Nachfrage kommen würde, bevor sich der Markt stabilisiert habe oder in einen bullisheren Modus gewechselt sei. Für solch einen Stimmungsumschwung könnten freilich nur überraschend gute Defizitzahlen oder zumindest weitere Ausgabenkürzungen sorgen.

Der große Vorteil Italiens gegenüber Spanien sei, dass die heimischen Banken in Auktionen auch weiter die Stellung hielten, ergänzt Nicholas Spiro von Spiro Sovereign Strategy. Dies habe die Versteigerung zur Wochenmitte abermals gezeigt. Allerdings sei der Renditeanstieg alarmierend und womöglich ein Vorgeschmack auf kommende Dinge. Es habe den Anschein, als erhebe die Ansteckungsgefahr wieder ihr hässliches Haupt. "Die Unterschiede zwischen Spanien und Italien sind zwar beachtlich, derzeit stehen aber die Gemeinsamkeiten im Fokus."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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