• The Wall Street Journal

Nordkorea scheitert mit Raketenstart

    Von EVAN RAMSTAD

SEOUL – Der umstrittene Start einer nordkoreanischen Rakete am Freitagmorgen war ein Schlag ins Wasser – im wahrsten Sinne des Wortes. Weniger als zwei Minuten nach der Zündung war die Langstreckenrakete explodiert und in Einzelteilen vor Südkorea ins Gelbe Meer gestürzt.

Nordkoreas geplatzter Raketentraum

Toshifumi Kitamura/Agence France-Presse/Getty Images

Trotz des offensichtlichen Fehlstarts verurteilten die USA und ihre Verbündeten das Manöver scharf und kündigten an, geplante Lebensmittelhilfen nicht bereitzustellen. Für Nordkorea ist der gescheiterte Übungsflug ein Propaganda-Desaster. Und Beobachter haben nun wachsende Zweifel an der Schlagkraft der nordkoreanischen Langstrecken-Technologie.

Die Rakete war um kurz nach halb acht Uhr morgens Ortszeit auf einer neuen Startrampe im Nordwesten des Landes abgehoben und war zunächst nach Süden in Richtung Australien geflogen. Aber anstatt in die zweite Zündstufe zu schalten, sei das Geschoss nach nur 80 Sekunden grell aufgeflackert und explodiert, teilten die Verteidigungsbehörden in den USA und Südkorea mit.

"Es steht Null zu Drei"

Nach Angaben der Luftfahrtbehörde North American Aerospace Command, die den Flug überwacht hatte, waren Wrackteile rund 100 Meilen westlich von Seoul ins Gelbe Meer gestürzt. Südkoreas Militär berichtet, es habe Raketenteile sogar noch weiter südlich aufgelesen.

„Für Nordkorea steht es jetzt Null zu Drei", sagte ein US-Beamter in Bezug auf drei frühere Raketenstarts, die ebenfalls fehlschlugen oder zumindest Zweifel hegten, ob sie ihr Ziel erreichten.

Ungeachtet des Fehlschlags sagte der Pressesprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, Nordkoreas „provozierende Aktion" bedrohe die Sicherheit in der Region, verstoße gegen internationales Recht und widerspreche der Selbstverpflichtung des Landes.

Ein hochrangiges Regierungsmitglied merkte an, dass ein im Februar beschlossenes Abkommen, Lebensmittel nach Nordkorea zu schicken, nun vom Tisch sei.

Die USA hatte eigens Beobachter auf See stationiert, die von ihren Schiffen aus auch die Teile der geborstenen Rakete einsammeln könnten.

Erheblicher Rückschlag

Nach den ursprünglichen Plänen der nordkoreanischen Regierung hätte der Flug etwa zehn Minuten dauern sollen, wobei sich die dritte Zündstufe irgendwo zwischen den Philippinen und Indonesien eingeschaltet hätte.

Nordkorea hat den misslungenen Raketenstart bisher nicht offiziell bestätigt, der den militärischen Ambitionen des Landes einen erheblichen Rückschlag erteilen dürfte. Nach außen hat Nordkorea das umstrittene Manöver heruntergespielt und gesagt, es sei ein Test, um Satelliten ins All zu schicken.

Die USA und andere Staaten aber vermuten hinter dem Test militärische Ziele und glauben, dass Nordkorea heimlich seine Langstrecken-Technologie ausprobieren wollte.

Nach dem verpatzten Start aber macht sich in den USA verhohlener Jubel breit. Nordkorea komme mit der Entwicklung von Langstreckenwaffen nicht voran, sagte das namentlich nicht genannte, hochrangige Mitglied der US-Regierung. „Wenn überhaupt, treten sie auf der Stelle oder machen sogar Rückschritte."

Seiner Ansicht nach könnte dies an Sanktionen liegen, die darauf abzielen, Nordkoreas Atomprogramm zu blockieren.

Im Eifer nicht bremsen lassen

Das Ausland hatte seit Wochen Druck auf Nordkorea ausgeübt, den geplanten Testflug ausfallen zu lassen.

Video auf WSJ.com

North Korea's multistage rocket launch failed, and parts crashed into the Yellow Sea off South Korea, drawing international ire at Pyongyang's defiance. The WSJ's Deborah Kan speaks to South Korea reporter Evan Ramstad.

Nordkorea rührte gleichzeitig die Propagandatrommel, um ausländische Beobachter von der Harmlosigkeit des Unterfangens zu überzeugen. Erst vor kurzem hatte die Regierung, die der Presse gegenüber normalerweise recht zugeknöpft ist, rund 50 Auslandskorrepondenten eingeladen, um sich die Rakete und den Satelliten anzusehen. Beim eigentlichen Start durften die Journalisten aber nicht dabei sein.

Nordkorea, nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt, hat sich in seinem militärischen Eifer bisher nicht bremsen lassen. Die Regierung treibt die Entwicklung von Atomwaffen und Raketentechnologie voran und will damit sein Ansehen im eigenen Volk zu festigen.

Bewusst hatte es die Raketenübung in die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des nordkoreanischen Gründungsvaters Kim Il-sung gelegt, bei dem sich das Land als „starke und blühende Nation" darstellen wollte. Die Vorbereitungen wurden jedoch überschattet vom plötzlichen Tod seines Sohnes und bisherigen Machthabers Kim Jong-il, an dessen Stelle nun Enkel Kim Jong-un tritt.

Dubiose Aktion

„Das Ganze war ein hochriskantes Spiel für das Land", sagt Bruce Klingner, Korea-Experte bei der Heritage Foundation. Dem eigenen Volk werde Nordkoreas Regierung wohl erzählen, der Test sei erfolgreich verlaufen, vermutet Klingner.

Erst Anfang der Woche hatte US-Außenministerin Hillary Clinton gewarnt, dass der Raketenstart gegen Abkommen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen verstoße und die gesamte Region gefährde.

Der UN-Sicherheitsrat hat für Freitag eine Brennpunkt-Sitzung einberaumt.

Insbesondere Japan und die Philippinen hatten Nordkorea zuvor deutlich für seine dubiose Aktion kritisiert. Die Rakete hätte ihre Staatsgebiete direkt überflogen und die Länder fürchteten, von herabfallenden Teilen getroffen zu werden.

Für Japan stellen Nordkoreas militärische Ambitionen eine besonders große Bedrohung dar. Das Regime hat schon mehrmals Fluggeschosse über japanischem Gebiet abgefeuert, und Japan hat deshalb ein Raketenabwehrsystem an Land und auf See installiert mit dem klaren Auftrag, jegliche Rakete und jegliches Raketenteil abzuschießen, sollten sie Japan gefährden.

Von Satelliten keine Spur

In diesem Fall hätte die Rakete einige kleinere japanische Inseln überflogen. Nach Angaben des japanischen Verteidigungsministers Naoki Tanaka habe der misslungene Raketenstart aber keine Auswirkungen auf Japan gehabt.

Der Test sei eine „erhebliche Provokation für Japan", sagte der Chefsprecher der japanischen Regierung, Osamu Fujimura am Morgen und ergänzte, sein Land werde nun auf diplomatischem Weg gegen Pjöngjangs Vorgehen protestieren.

Immer wieder hat Pjöngjang seine Raketenübungen nach außen zu verharmlosen gesucht. Zwei der drei jüngst gestarteten Raketen – im August 1998 und im April 2009 – hätten Satelliten ins All transportiert. Aber die Weltraumbehörden im Ausland fanden später weder eine Spur noch ein Funksignal der angeblichen Satelliten im Orbit.

Im Juli 2006 habe man ein Langstreckengeschoss getestet, sagte die Regierung.

China fürchtet Instabilität

Nordkoreas Raketentests sind Teil eines umfangreichen und in den 70er-Jahren begonnenen Programms zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Bislang kam das arme und politisch isolierte Land aber nur zögerlich damit voran.

Dennoch gelang es dem Ausland bisher nicht, Nordkorea zur Aufgabe seiner offenbar militärisch motivierten Tests zu bewegen. Das kommunistische Regime stützt sich auf seine militärische Stärke und nicht auf wirtschaftliche Erfolge, weshalb internationale Sanktionen gegen Nordkoreas Wirtschaft so gut wie nichts bewirken.

Militärisch lässt sich das Land andererseits auch nur begrenzt in Schach halten wegen seiner direkten Nähe zum wohlhabenden Südkorea. Zudem hat China, das wohl den größten Einfluss auf den kommunistischen Norden Koreas ausüben könnte, Angst davor, zuviel Druck auszuüben. China fürchtet, dass politische Instabilität neue Probleme in seinen angrenzenden Provinzen schafft.

Zwei Mal hat Peking in den vergangenen Wochen versucht, Nordkoreas Regierung vom Raketenstart abzubringen.

Neue Sanktionspläne

„Sie können nicht viel tun, es gibt nur die Wahl zwischen schlecht und schlechter", analysiert Andrei Lankov die Lage, ein Nordkorea-Experte an der Kookmin University in Seoul.

Auf seinem Südkorea-Besuch vor zwei Wochen sagte US-Präsident Barack Obama, Nordkorea müsse sich auf noch härtere Wirtschaftssanktionen gefasst machen, wenn es den Rakenstart wie geplant durchziehe.

In der Vergangenheit hätte sich das Land „jedes Mal weiter isoliert und stärkere Sanktionen in Kauf nehmen" müssen, wenn es gegen Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates verstoßen habe, sagte Obama und ergänzte: „Ich fürchte, das wird auch dieses Mal wieder passieren."

Im März hatten die USA angekündigt, im Falle eines Raketenstartes einen neuen Plan zur Versorgung der nordkoreanischen Bevölkerung mit Lebensmitteln stoppen zu müssen. Dieser war an die Bedingung geknüpft, dass Nordkorea seine Waffenübungen und Militärforschung auf Eis legt.

Pjöngjang hatte dem ursprünglich zugestimmt mit der Ausnahme, dass es Tests mit Weltraumträgerraketen nicht einschränken werde.

—Mitarbeit: Kyong-ae Choi in Seoul und Julian Barnes in Washington.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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