• The Wall Street Journal

Gas läuft Kohle in USA den Rang ab

    Von RUSSELL GOLD, REBECCA SMITH und DANIEL GILBERT
[GASGLUT] Associated Press

Durch die fallenden Preise verdrängt Erdgas gerade billige Kohle von ihrer einst unantastbaren Position als liebste Energiequelle der USA. Die Umwälzungen auf dem Brennstoffmarkt motivieren das Land, bei der Energieproduktion Neuland zu begehen.

Am Dienstag pendelten sich die Erdgas-Futures bei 2,03 Dollar je einer Million British Thermal Units (eine Million BTU entsprechen rund 26,4 Kubikmetern) ein – nur knapp über zwei Dollar, dem niedrigsten Stand seit Januar 2002.

Diesen Sommer dürfte die Industrie noch stärker aufgerüttelt werden, da den USA langsam der Speicherplatz für Erdgas ausgeht. Das könnte die Preise auf ein anhaltend niedriges Niveau bringen, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr da war.

Die Situation ist „ohne Frage noch nie dagewesen", sagt Fred Metzger, Vizepräsident des Gasspeicherbereichs bei Kinder Morgan, einem Pipeline-Giganten aus Houston, Texas.

"Noch nie dagewesen"

Das Überangebot an Erdgas wirkt sich auf eine Reihe von Branchen aus. Den Gasproduzenten bricht der Umsatz weg, weshalb sie sich zum lukrativeren Öl hinwenden. Außerdem bringt das billige Gas die Kohle um ihren Anteil an Strommarkt. Das trifft besonders die Bergbauindustrie, da ihr wichtigster Kunde sie gerade verschmäht.

Bahnunternehmen, deren größte Einkommensquelle in den USA meistens der Transport von Kohle ist, leiden ebenfalls. Der ökonomische Nutzen eines Kernkraftwerks, Wind- oder Solarparks wird zudem immer fragwürdiger.

Die größten Gewinner dieser Entwicklung sind die Stromverbraucher. Im Februar teilte die Bostoner Energiefirma NSTAR ihren Geschäftskunden mit, dass sie die Abnahmepreise für Strom dieses Frühjahr um 34 Prozent reduzieren werde, von 8,5 Cent auf 5,5 Cent pro Kilowattstunde. Ab Mai sollen auch den Privatkunden günstigere Preise angeboten werden.

In vielen Teilen der USA hat das billige Erdgas die Großhandelspreise für Strom schon auf zwei bis vier Cent pro Kilowattstunde gedrückt. An der Ostküste zum Beispiel lagen die Preise im Februar oft zwischen drei und vier Cent, verglichen mit durchschnittlichen Preisen von sechs bis acht Cent in den Jahren 2006 bis 2011, so die amerikanische Energieinformationsbehörde.

Oklahoma Gas & Electric, ein Zweig der OGE Energy Corp., hat traditionell einen Großteils des eigenen Stroms in zwei Kohlekraftwerken hergestellt. Doch das hat sich in letzter Zeit gewandelt, sagt John Wendling, Leiter der Erzeugungsplanung.

Die beiden effizientesten Gaskraftwerke des Unternehmens „verdrängen Kohle und lassen den Kunden profitieren", sagt Wendling. Diesen Sommer will das Unternehmen die Strompreise für seine Kunden in Arkansas und Oklahoma senken, fügt er hinzu.

Strompreise sinken

Energieanalysten bei Sanford C. Bernstein schätzen, dass Energieunternehmen ihre Stromproduktion aus Gaskraftwerken dieses Jahr um 450 Millionen Megawattstunden erhöhen könnten. Der Erdgasverbrauch würde dadurch um 93 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen. Das entspricht 13,5 Prozent des gesamten US-Erdgasverbrauchs des vergangenen Jahres.

Die Kohle wird dadurch sicher nicht komplett verdrängt. Einige Kohlekraftwerke stehen an wichtigen Knotenpunkten, ohne die das Stromnetz nicht stabil wäre. Einige Energieunternehmen sind außerdem vertraglich gebunden, Kohlelieferungen anzunehmen oder saftige Strafen zu zahlen.

Ein weiterer Faktor ist das Wetter, da es am stärksten beeinflusst, wie viel Kohle und Erdgas die Firmen verbrauchen. Bei hohen Temperaturen und laufenden Klimaanlagen würden mehr Kraftwerke in Gang gesetzt und dadurch mehr Rohstoffe verbraucht. Dadurch könnten die Gasspeicherkapazitäten im Spätsommer doch nicht komplett beansprucht werden, sagen einige Experten.

[GASGLUT] Associated Press

Das neue Gaskraftwerk von Pacific Gas & Electrics in der Nähe von Maxwell im Bundesstaat Kalifornien. Offizielle Inbetriebnahme war im November. Kein Einzelfall.

Angesichts der Gasschwemme würde es ökonomisch Sinn machen, die Produktion zurückzufahren – doch das ist bisher noch nicht passiert. Das meiste neue Erdgas kommt aus Schiefervorkommen, wo Firmen neue Techniken anwenden, um an große Mengen Gas und Öl zu gelangen.

Im vergangenen Jahr haben viele Unternehmen ihre Suche nach Erdgas zurückgefahren, fördern aber immer noch große Mengen als Nebenprodukt der Erdölproduktion. Tatsächlich haben die USA 2012 bisher mehr Gas gefördert als während des gleichen Zeitraums im Vorjahr, so die Branchenberatung Bentek Energy.

Neue Gaskraftwerke

Einige Experten glauben, dass die Nachfrage der Stromproduzenten nach billigem Erdgas verhindern wird, dass die Gasspeicher ihre Kapazitätsgrenze erreichen. „Der Strommarkt wird alles richten", sagt Rusty Braziel vorher, ein Energieberater bei RBN Energy. Mitte der 90er-Jahre hat er als Marketingleiter bei Texaco gearbeitet, als die Gaspreise zuletzt unter 1,50 Dollar je eine Million BTU fielen.

Der Energiekonzern Southern, der lange Zeit der größte Kohleverbraucher der USA war, hat ebenfalls angebissen. „Wir stellen uns grundlegend um" von Kohle auf Erdgas, sagt Tom Fanning, Geschäftsführer des Unternehmens aus Atlanta.

Southern baut derzeit drei Gaskraftwerke in Georgia, um Kohlekraftwerke zu ersetzen – und das soll noch nicht alles sein. Diesen Sommer will das Unternehmen mehr Gas verbrauchen als je zuvor, um von den niedrigen Preisen zu profitieren.

Als die Gaspreise 2008 noch hoch waren, gewann Southern etwa 70 Prozent seiner Energie aus Kohle. Heute erzeugt es weniger als halb so viel Strom mit seinen Kohlekraftwerken. Dafür stellt Southern etwa 46 Prozent der Energie mit Gaskraftwerken her – vor vier Jahren waren es noch 16 Prozent.

Die Umstellung auf andere Energiequellen lässt vor allem die Kohleindustrie zittern, da die Stromproduzenten über 90 Prozent der inländischen Kohle aufkaufen. Im Osten des Landes wurden die Auswirkungen der niedrigen Gaspreise zuerst deutlich, da die Stromfirmen dort vor allem Kohle aus den Appalachen verbrennen. Diese ist in der Förderung teurer als Kohle aus Wyoming und dem Powder River Basin, wo etwa die Hälfte der amerikanischen Kohle herkommt.

Doch jetzt „wird die unersetzliche Kohle ersetzt", sagt Anthony Yuen, Energieanalyst bei Citigroup Global Markets. Er glaubt, dass sich dieser Trend noch verstärkt, wenn die Preise weiter fallen.

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