• The Wall Street Journal

Europas Aktienmärkte haben noch Luft nach oben

    Von RICHARD BARLEY

Das dritte Quartal war ein gutes für Europas Aktienmärkte. Der breit gefasste Stoxx Europe 600 gewann 8,9 Prozent und damit fast doppelt so viel wie der amerikanische S&P 500, der nur 4,7 Prozent zulegte. Unter den 20 Märkten mit der besten Kursentwicklung von Juli bis September finden sich gleich neun westeuropäische, zeigen Daten von Bank of America Merrill Lynch.

Nicht, dass es nicht noch genügend Anleger gäbe, die Europa skeptisch sehen. Genau das aber könnte der Treiber für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung werden, wenn sich die aktuellen Risiken in den USA erst einmal zerstreut haben.

Seit Jahresbeginn ist der Stoxx Europe 600 um 11 Prozent gestiegen, während das Plus beim S&P 500 rund 18,5 Prozent betrug. Seit Juli hat sich die Lücke zwischen den beiden Indizes zwar geschlossen, mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 auf Basis der in den kommenden 12 Monaten erwarteten Gewinne sind europäische Aktien aber immer noch günstiger als amerikanische, deren KGV laut Factset 14,2 beträgt.

[image] AFP

Einige Analysten meinen, diese Bewertungslücke sollte auch Bestand haben. Seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts waren europäische Börsen, gemessen am MSCI EMU Index, konstant niedriger bewertet als die amerikanischen, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank.

Nun ist die Bewertung zweifelsohne ein wichtiger Faktor, aber längst nicht der einzige, auf den Anleger achten müssen. Sie müssen auch mit dem Verhalten anderer Investoren fertig werden. Und so angebracht Zweifel an den Aussichten für Europa auch sein mögen – die Kapitalflüsse haben sich eindeutig zugunsten europäischer Aktien verschoben. Im dritten Quartal ist laut Daten des Fonds-Dienstleisters EPFR Global so viel Geld in europäische Aktienfonds geflossen wie nie zuvor seit entsprechende Daten erhoben werden.

Netto haben europäische Aktienfonds zwischen Juli und September 22,7 Milliarden Dollar Zufluss verzeichnet. Seit Jahresbeginn sind es jedoch nur 19,9 Milliarden Dollar, während amerikanische Fonds laut EPFR netto 122 Milliarden Dollar anzogen.

Das zeigt, dass US-Anleger, die seit Ende 2008 kontinuierlich europäische Aktien verkauft haben, erst jüngst wieder auf den Markt zurückgekommen sind. Noch ist der Anteil von Aktien in europäischen Fonds mit 28 Prozent aber relativ niedrig, hat Goldman Sachs errechnet. Insofern dürfte es noch einiges Nachholpotenzial geben.

Obwohl einige Zeichen für ein Wiederaufflammen der europäischen Krise noch in diesem Jahr sprachen, überwiegt am Markt doch die Ruhe. In der vergangenen Woche ergab sich in Italien eine relativ glückliche Lösung für die Affäre Berlusconi, eine echte Regierungskrise konnte vermieden werden. In Portugal sieht es derzeit gut aus, was die Überwindung der Krise betrifft. Europa scheint doch nicht das systemische Risiko zu sein, als das es lange wahrgenommen worden ist.

Konjunkturell hat sich das Bild unterdessen aufgehellt. Es ist durchaus möglich, dass Verbesserungen beim weltweiten Wachstum europäischen Aktien hilft, weil sie Wachstum operativ besser verarbeiten können. Nach Schätzungen der Deutschen Bank liegt das Verhältnis europäischer Unternehmensergebnisse beim 1,7-Fachen dessen, was für US-Unternehmen gilt.

Kurzfristig ergibt sich allerdings für europäische Aktien ein Risiko. Das resultiert aus der politischen Pattsituation in Bezug auf den amerikanischen Haushalt und die Schuldenobergrenze. Es könnte Europas Aktienkurse insofern stärker treffen, als in den USA das Schlimmste mit den anhaltenden Spekulationen über den geldpolitischen Kurs der Fed schon eingepreist sein dürfte.

Sollte es wegen der US-Risiken zu einem Verkauf europäischer Aktien kommen, so würden sie dadurch am Ende nur noch attraktiver werden und am Ende mehr Käufer anlocken.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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