• The Wall Street Journal

Was die Bankenaufsicht bremst

    Von SIMON NIXON

Er gilt als der Schlussstrich unter der Eurokrise, als wichtigster Integrationsschritt seit der Einführung der Gemeinschaftswährung und als letzte Chance für die angeschlagenen Banken Europas, das Vertrauen der Märkte wiederzugewinnen – der Tag, an dem die Europäische Zentralbank die Kontrolle aller Banken in der Eurozone übernimmt.

Die Erwartungen könnten kaum höher sein. Doch zuerst müssen 130 betroffene Banken, die zusammen etwa 85 Prozent von Europas Bankbilanzen ausmachen, ihre Bilanzen neu bewerten und einen Stresstest durchlaufen.

Agence France-Presse/Getty Images

Die EZB will eine gemeinsame Definition für faule Papiere durchsetzen.

Eine Wiederholung der Fehler, die bei den Stresstests 2011 und 2012 gemacht wurden, wäre verheerend für die Glaubwürdigkeit der EZB. Damals wurde großen Banken ein gutes Zeugnis ausgestellt, obwohl sie kurz darauf in große Schwierigkeiten gerieten. Der Erfolg hängt davon ab, ob die EZB sich gegen mächtige politische Interessen durchsetzen kann

Die Länder im Kern der Eurozone verdächtigen die der Peripherie, das Ausmaß ihrer faulen Papiere zu verschleiern. Die Peripherie verdächtigt den Kern, und jeder verdächtigt die Italiener – selbst die Italiener verdächtigen sich selbst, wenn man nach den jüngsten Äußerungen der italienischen Bank Intesa Sanpaolo geht.

EZB kämpf für allgemein gültige Definitionen

Selbst das Minimum an Sorgfalt bei der Bilanzprüfung, das nach Meinung aller nötig ist, um eine gemeinsame Bankenaufsicht glaubwürdig zu machen, ist schwer durchzusetzen. Dazu ist es nötig, eine gemeinsame Definition für faule Papiere zu finden, nach der die Bilanzen ausgewertet werden können, um versteckte Verluste zu finden.

Derzeit muss ein Kredit in den meisten Ländern als notleidend gemeldet werden, wenn er seit 90 Tagen nicht mehr bedient wurde. Doch darüber hinaus unterscheiden sich die Länderregelungen deutlich. Banken haben so einige Möglichkeiten, ihre Probleme zu verstecken. Nach der konservativsten Definition würde der Anteil der problematischen Papiere bei spanischen Banken um 4,3 Prozentpunkte auf 30,2 Prozent steigen. Das Verhältnis von Kreditausfallvorsorge zu notleidenden Krediten würde von 49 auf 38 Prozent fallen, zeigen Schätzungen von J.P. Morgan .

Der Anteil problematischer Kredite bei italienischen Banken würde um 2,3 Prozentpunkte auf 17,7 Prozent steigen, die Kreditausfallvorsorge würde von 42 auf 32 Prozent fallen.

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) will noch in diesem Monat eine neue vereinheitlichte Definition vorstellen. Doch die neuen Regeln müssen von der Europäischen Kommission abgesegnet werden und dürften erst Ende 2014 verpflichtend werden. Die Frage ist also, ob die Länder der EZB eine Bilanzprüfung auf Basis von Regeln erlauben werden, die noch nicht rechtlich bindend sind, die heimischen Banken einen Nachteil einräumen und die Verfehlungen der Regierungen offenlegen könnte. Trotz Kritik hofft die EZB, diesen Kampf gewinnen zu können.

Idealerweise würden der Bilanzauswertung und dem Stresstest eine vereinheitlichte Definition von Kapital und eine gemeinsamen Berechnungsmethode für risikogewichtete Aktiva zugrunde liegen. Viele Investoren fürchten, dass Banken und Aufseher Schlupflöcher in den Regeln genutzt haben, um ihre Kapitalanforderungen zu minimieren.

Doch die EZB hat weder die Zeit noch die Macht, um diese Regeln zu vereinheitlichen, bevor sie Ende 2014 ihre Aufsichtsrolle übernimmt, berichten mit dem Prozess vertraute Personen. Bevor die Risikomodelle vereinheitlicht bewertet werden können, mit denen Banken ihre Kapitalanforderungen berechnen, muss die EBA noch mehr Vorarbeit leisten.

Als zweitbeste Lösung zieht die EBA in Betracht, die minimale Verlustquote aus dem Stresstest anzuwenden, um die schwersten Fälle von versteckten Risikopapieren anzugehen, sagen mit dem Prozess vertraute Personen.

Banken hängen weiter am EZB-Tropf

Der offensichtlichsten Schwäche im europäischen Bankensystem scheint die EZB jedoch aus dem Weg zu gehen: Weiterhin verlassen sich viele Banken auf billigen Kredit von der Zentralbank. Diese Finanzierung stand den Banken zur Verfügung, um ihnen Zeit zu geben, ihr Geschäftsmodell anzupassen, Kapital zu beschaffen und faule Papiere zu entsorgen. Doch die Angst ist, dass manche Banken von diesen Geldern abhängig geworden sind, die praktisch einer Subvention entsprechen und ihnen erlauben, faule Papiere in der Bilanz zu behalten. Dadurch saugen sie Kapital auf, mit dem die Kreditvergabe nicht gestärkt werden kann.

Europäische Banken schulden der EZB über dieses Refinanzierungsprogramm noch 695 Milliarden Euro, von anfangs 1,1 Billionen Euro. Die spanische Abhängigkeit von der EZB ist gefallen, jedoch stellt die Zentralbank immer noch 7,5 Prozent der Systemfinanzierung bereit, berichtet die Citigroup . In Italien und Portugal ist dieser Anteil kaum gefallen und liegt bei 5,6 beziehungsweise zehn Prozent. In Griechenland finanziert die EZB immer noch 18 Prozent des Bankensystems.

Die EZB sagt, dass die Auswertung der Bilanzen auch eine Prüfung der Finanzierung beinhalten wird. Doch es wird keine radikale Restrukturierung geben, die sicherstellt, dass Banken sich am freien Markt finanzieren können. Währenddessen hat EZB-Präsident Mario Draghi angekündigt, dass die Zentralbank womöglich ein weiteres langfristiges Refinanzierungsprogramm anbieten wird.

Macht es denn überhaupt einen Unterschied, ob die Überprüfung der Banken weit genug geht? Kurzfristig wohl nicht. Denn immerhin versuchen einige Landesbehörden, darunter die von Spanien und Italien, die EZB zu überholen, indem sie von ihren Banken eine bessere Krisenvorsorge verlangen. Investmentbanker beteuern, dass der Markt durchaus bereit sei, den europäischen Banken Kapital bereitzustellen. Das hat auch die spanische Bankco Sabadell gezeigt, als sie vergangenen Monat 1,6 Milliarden Euro am Markt eingesammelt hat.

Gleichzeitig gibt es Anzeichen dafür, dass spanische Banken ihre faulen Papiere soweit abgeschrieben haben, dass der Markt wieder im Gleichgewicht ist. Ausländische Investoren stürzen sich auf spanische Bankenpapiere, meist nahe am Buchwert, berichtet die Citi.

In der Peripherie glauben Politiker fest daran, dass es wieder mehr grenzüberschreitende Übernahmen geben wird, wenn die EZB als gemeinsame Aufsichtsbehörde auftritt. Dadurch könnten Banken mit überschüssigem Kapital die Institute aufkaufen, denen Kapital fehlt, wodurch der Kreditmarkt gestärkt würde.

Trotz allem hat es auch seine Risiken, die Bankenunion voranzutreiben, während einige Institute noch so schwach sind. Wenn Banken nicht in der Lage sind, Kredite zu vergeben, werden es Volkswirtschaften schwer haben, zu wachsen. Das würde die Schuldenproblematik verschärfen. Das System bliebe anfällig für Krisen. Und mit neuen grenzübergreifenden Instituten entstehen auch neue politische und institutionelle Probleme für den Fall, dass eine solche Bank in Not gerät.

Die Eurozone wird darauf setzen, dass diese Probleme erst in der nächsten Krise zum Tragen kommen. Erst dann wird sich zeigen, was die gegenwärtigen Anstrengungen taugen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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