• The Wall Street Journal

Die Wall Street kann von Goldman Sachs lernen

    Von FRANCESCO GUERRERA

Greg Smith ist eine Berühmtheit im Internet. Und bislang wohl der lauteste Ex-Topmanager von Goldman Sachs. Wenn aber seine Schimpftiraden über die Bank mehr sind als nur ein Knüller im Web, dann könnte sich das Geschäftsgebaren der Investmentbank künftig ändern. Und damit auch ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Kurzfristig haben die jüngst in der „New York Times" veröffentlichten Attacken von Smith gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor allem zur Folge, dass der CEO Lloyd Blankfein doch länger im Amt bleiben könnte als viele Beobachter erwarten. Um Blankfein kursierten immer wieder Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt. Aber kein Firmenlenker tritt in einer öffentlichen Kontroverse ab, wie sie Greg Smith nun losgetreten hat.

Was ist wirklich dran am Vorwurf von Smith, dass bei Goldman Sachs mittlerweile der Gewinn an erster Stelle steht, zur Not auch zu Lasten des Kunden? Meine Gespräche mit Leuten an der Wall Street und in Washington lassen vermuten, dass sie eher das Niveau der Klavier spielenden Katze auf Youtube haben als einen aufklärerischen Inhalt.

Die Aussagen von Smith richten sich an drei Empfänger: an die Kunden von Goldman Sachs, an die Rivalen von Goldman Sachs und an die Öffentlichkeit. Die Kunden der Bank dürften die Vorwürfen unbeeindruckt lassen. Kein Hedgefonds-Manager oder Unternehmenskapitän dürfte ernsthaft damit rechnen, dass sich eine Bank bei der Beratung von Kunden und beim Verkauf von Produkten nicht in erster Linie vom Eigeninteresse leiten lässt.

"Geschäfte mit Goldman nutzen - Ende!"

An der Wall Street ist Goldman Sachs dafür berühmt, Informationen von und über Kunden in die eigenen Handelsstrategien umzusetzen. Beides ist legal, jedenfalls solange auf die Informationen nicht gehandelt wird, bevor der Kunde dies tut oder davon Kenntnis hat. Die Kunden setzen nach wie vor auf die Ideen von Goldman Sachs, auf ihre finanzielle Feuerkraft und auf den Markennamen.

Oder wie es ein Hedgefonds-Manager auf den Punkt bringt: „Der Nutzen aus einem Deal mit Goldman Sachs überwiegt die Kosten. Ende der Geschichte."

Zugegeben, es gibt Konflikte, und Goldman Sachs hat sicher Anteil daran. Banken sollten bestraft werden, wenn sie in die Irre gehen. Aber diejenigen, die sich an der Wall Street herumtreiben, sollten als Gegenpart bei Marktgeschäften gelten und eben nicht als Kunden im klassischen Sinne.

Die Konnkurrenten von Goldman Sachs sollten sich daher auch hüten, aus der gegenwärtigen Nachrichtenlage Kapital schlagen zu wollen. Einige Banker haben mir in der Tat erzählt, sie würden die Vorwürfe von Greg Smith an potenzielle Kunden weiterleiten mit der Frage: „Warum sollten Sie diese Kerle anheuern?" Das ist eine schlechte Idee. Denn die Geschäftspraktiken von Banken sind immer vom Ziel der Gewinnmaximierung geleitet. Und faule Äpfel gibt es überall. Die Moral bleibt in der Finanzwelt eben manchmal auf der Strecke.

James Dimon, CEO von J.P. Morgan Chase hat das jüngst in einer Botschaft an seine Unteroffiziere klar gestellt: „Ich möchte nicht, dass hier irgendjemand aus Vorwürfen gegen einen Wettbewerber oder aus bloßem Hörensagen einen Vorteil herausschlägt. Niemals."

Greg Smith könnte Nachahmer finden

Schadenfreude ist ungebührlich, und das nicht nur aus altruistischen Erwägungen. „In jeder Firma kann es einhundert Greg Smith geben", bringt es der Chef einer Firma an der Wall Street auf den Punkt.

In der Tat könnte Greg Smith Nachahmer finden. Das würde die Feindseligkeit gegenüber der Finanzbranche wohl noch vertiefen. Diese hat in der Finanzmarktkrise – mit Recht – einen Großteil der Schuldvorwürfe auf sich nehmen müssen. Der Rückschlag seitens der Politik ist indes verhalten ausgefallen. Der Grund hierfür dürfte sein, dass es den Beschuldigungen von Greg Smith an konkreten Beispielen mangelt.

Angesichts des Mangels an Beweisen klingt auch die Zusicherung von Goldman Sachs lächerlich, man wolle die Vorwürfe „prüfen". Statt unbewiesenen Anschuldigungen nachzugehen, sollten sich Goldman Sachs und die anderen Banken lieber vom Mantra „Der Kunde ist König" verabschieden und klar sagen, was sie wirklich tun.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Peking Auto Show 2014

  • Exklusiv für Abonennten Preview lesen

    [image]

    Die Auto-Neuheiten aus China

    Der chinesische Automarkt gilt als schwierig. Im Jahr des Pferdes versuchen die Autobauer aber mit besonderen und limitierten Editionen, sowie mit neuen Modellen den Markt weiter zu erobern. Wir zeigen Ihnen die Neuheiten der Automesse in Peking.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.