• The Wall Street Journal

Türkei nimmt Gold-Reserven ins Visier

    Von YELIZ CANDEMIR und JOE PARKINSON

Die türkische Regierung sieht sich vor einem so hohen Haushaltsdefizit, dass selbst das große Wachstum des Landes in Gefahr zu sein scheint. Als Antwort darauf versucht die Türkei, ihre Bürger davon zu überzeugen, private Goldvorräte ins Banksystem einzubringen.

Die Haushaltslücke beträgt derzeit zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Durch einen Zugriff auf private Goldvorkommen – die typische Sparform in der Türkei – will der Staat diese Finanzlücke schließen.

dapd

Am Bosporus setzt man auf Gold statt aufs Sparbuch.

Vertreter der Regierung kündigten bereits Anreize an, damit Privatanleger ihre Goldvorkommen künftig im Finanzsystem parken. Vertreter türkischer Banken kündigten bereits verzinste Goldkonten an. Mittels besonderer Bankautomaten soll es gar möglich werden, Goldbarren abzuheben.

Krisen machten Ersparnisse immer wieder zunichte

Der Schritt folgt der Ankündigung der türkischen Zentralbank im November, wonach Banken künftig bis zu zehn Prozent ihrer Währungsreserven in Form von Gold halten können. Das soll auch ein Anreiz an die Kunden sein, ihre Goldvorkommen künftig bei Banken zu lagern.

Ökonomen glauben, dass die Regeländerung dazu geeignet ist, die Türken von ihren Vorlieben, Ersparnisse in Gold zu Hause aufzubewahren, abzubringen. Bislang legen die Türken einen großen Anteil ihres Vermögens außerhalb des Banksystems in Juwelen, Münzen oder Barren an. Zu oft hatten ökonomische Verwerfungen die Türkei während der vergangenen Jahrzehnte getroffen und private Geldanlagen zunichte gemacht.

Die jetzigen Maßnahmen sind ein kleiner Schritt, die Sparguthaben der Türken langfristig anzuheben, um dem Haushaltsdefizit entgegenzuwirken. Das türkische Haushaltsloch ist infolge hoher Öl- und Gaspreise sogar noch schneller gewachsen.

Türkische Lira mit Rekord-Abwertung

„Die Türkei wurde in der Vergangenheit immer wieder von Krisen oder Inflation getroffen, weswegen die Angewohnheit, Gold außerhalb des Systems aufzubewahren, den Türken nur schwer abzugewöhnen sein dürfte, sagt Murat Ucer, Ökonom bei Global Source Partners aus Istanbul.

Die Größe des Goldberges außerhalb des Finanzsystems ist schwer zu bemessen – es gibt schlichtweg keine Daten über die Schattenökonomie. Die Goldprägestätte Istanbul Gold Refinery schätzt, dass in der Türkei ungefähr 5.000 Tonnen Gold im Wert von 270 Milliarden Dollar bei Privatleuten gelagert sind. Jüngste Zahlen sprechen dafür, dass Türken solche Schatteninvestments zuletzt sogar noch ausgebaut haben – und das obwohl das türkische Bankwesen gut durch die Krise gekommen ist.

Im vergangenen Jahr stürzte die türkische Lira 20 Prozent im Vergleich zum Dollar ab. Das ist der heftigste Kurseinbruch einer Währung im vergangenen Jahr. Gleichzeitig stieg die Gold-Nachfrage in der Türkei um 99 Prozent.

Diese Zahlen sprechen dafür, dass die Türken trotz steigender Einkommen und sinkenden Arbeitslosenzahlen im vergangenen Jahrzehnt ihre Angst vor Verlusten nicht abgelegt haben.

Türken setzen weiter auf Gold

Die Daten zeigen auch, dass Sparanlagen bei Banken selbst während der ökonomisch stabilen Phase seit 2001 gesunken sind. Wie der Internationale Währungsfonds berichtet, sank die türkische Sparrate auf das niedrigste Niveau aller Ökonomien mit einem Bruttoinlandsprodukt über 100 Milliarden Dollar – ausgenommen Griechenland, Portugal und Irland. Gleichzeitig schraubten die Türken den Konsum nach oben und nahmen auch wieder mehr Kredite auf.

Manch ein Ökonom hält die jüngste Initiative der türkischen Regierung für einen Nebenkriegsschauplatz und spricht sich stattdessen dafür aus, dass die Türkei ihr teils obskures Steuersystem reformiert.

„Die Regierung sollte sich um das Steuersystem kümmern. Das würde aber bedeuten, dass man Menschen auf die Füße tritt", sagt Mert Yildiz, ein Ökonom einer auf Schwellenländer fokussierten Investmentbank aus Moskau.

Für die meisten Türken muss die Regierung wohl mit deutlich mehr Anreizen locken, bevor sie sich von ihren privaten Goldbeständen trennen. „Ich spare eifrig, es ist leicht für mich, Gold zuhause aufzubewahren. Das Ganze ist nicht aufwendig, sagt die 70-jährige Hausfrau Ayten Altin aus Istanbul. „In einer Notlage kann ich kann ich das Gold in Bargeld umtauschen und muss nicht auf die Bank warten, die mir sagt, meine Anlagen seien inzwischen wertlos."

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