• The Wall Street Journal

Deutschland zieht den Karren nicht aus dem Dreck

    Von BRIAN BLACKSTONE

Es gibt Probleme, die kann man nicht einmal mit einer Billion Euro lösen. Als die Europäische Zentralbank dem Bankwesen auf dem Kontinent für die Dauer von drei Jahren Milliardenkredite zu günstigen Konditionen gegeben hat, gab es Lob. Der Schritt würde einen Großteil der Probleme innerhalb der Eurozone lösen oder zumindest aufschieben, hieß es. Trotz alledem gibt es ein dringendes Problem, das dadurch nicht gelöst wird: Der ökonomische Graben zwischen Deutschland und dem Rest der Eurozone im Süden wird immer tiefer.

Die Unterschiede werden erneut deutlich werden, wenn die Umfragen unter den Einkaufsmanagern für beide Regionen veröffentlicht werden. Ökonomen erwarten, dass die März-Zahlen für die gesamte Eurozone ein Schrumpfen der Wirtschaft anzeigen, während Deutschland – zwar langsam, aber immerhin – wächst.

Volkswirte rechnen damit, dass die Wirtschaft innerhalb der Eurozone in diesem Jahr schwächeln wird. Und zwar selbst dann, wenn Deutschland die Rezession gerade noch einmal abwenden kann. Ein anderes Zeichen der Sorge: Die Industrieaufträge innerhalb der Eurozone, di e ebenfalls morgen veröffentlicht werden, dürften im Januar um zwei Prozent gefallen sein. Ein guter Start ins neue Jahr sieht anders aus.

Exemplarisch für die Probleme innerhalb der Eurozone stehen Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Währungsraums, und Spanien, der viertgrößte Wirtschaftsraum. An beiden Ländern zeigt sich, in welchem Dilemma die Europäische Zentralbank steckt, die für sämtliche Mitglieder der Eurozone Geldpolitik machen muss: In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote bei 5,8 Prozent – in Spanien über 23 Prozent. Die Immobilienpreise sind im vergangenen Jahr in Deutschland um 5 Prozent gestiegen – in Spanien stürzten sie im selben Zeitraum um elf Prozent ab.

Für Krisenländer besteht die Hoffnung, dass die Sparmaßnahmen der Regierungen und die Neuausrichtung der Wirtschaft Länder wie Portugal oder Spanien wieder wettbewerbsfähig machen. Man könnte auch sagen, man wollte diesen Ländern eine kleine Dosis Deutschland einimpfen. Stattdessen schwächeln inzwischen selbst vermeintlich gesunde Länder aus dem Norden: Die Wirtschaft der Niederlande zeigt Bremsspuren und auch Frankreich befindet sich auf der Schwelle zum Abschwung.

„Deutschland scheint immer mehr isoliert zu sein", sagt Jennifer McKeown, Volkswirtin bei Capital Economics. Obwohl Deutschlands Produktion groß ist und inzwischen 30 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der gesamten Eurozone beiträgt, gelingt es Deutschland nicht, die Schwächen im Süden des Wirtschaftsraums zu kompensieren. „Deutschland kann die Eurozone nicht aus der Rezession raushalten", sagt McKeown und erwartet für das Gesamtjahr eine um ein Prozent schwächere Wirtschaftsleistung innerhalb der Eurozone.

Deutschlands Exporteure sollten von einer stärkeren Erholung der US-Wirtschaft profitieren. Die niedrigen Arbeitslosenzahlen dürften darüber hinaus noch zu einem wachsenden Konsum führen. Trotzdem: Es sieht nicht danach aus, als führe das Europa der zwei Geschwindigkeiten am Ende wirklich zum Ziel.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Hinweis der Redaktion:
Eine frühere Version dieses Artikels wurde mit einem Bild illustriert, auf dem ein Verkehrsunfall zu sehen ist. Bei diesem Unfall kam ein Mensch ums Leben. Diese Tatsache haben wir erst im Nachhinein festgestellt. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.

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