• The Wall Street Journal

Der beste US-Präsident für Anleger ist ...

    Von JASON ZWEIG

Wird es Barack Obama? Oder Mitt Romney? In den nächsten Wochen werden die Anleger mit Kommentaren eingedeckt werden, wie der Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen die Finanzmärkte beeinflussen wird. Aber bevor Sie auch nur darüber nachdenken, wie sie Ihr Portfolio an das erwartete – oder tatsächliche – Ergebnis anpassen, ist es wichtig, zunächst die gängigen Meinungen zu hinterfragen.

Ist politischer Stillstand, in den USA ‚gridlock' genannt, gut – das heißt, sollten Anleger darauf hoffen, dass nicht die gleiche Partei das Weiße Haus und die Mehrheit im Kongress gewinnt? Wer ist besser für Aktien und Anleihen: Republikaner oder Demokraten?

Die meisten Antworten, die Sie darauf wohl hören werden, sind Propaganda oder Wunschdenken; viele sind auch einfach nur falsch. Was wirklich zählt, sind Veränderungen bei den Zinsen, und nicht, welche Partei ins Weiße Haus einzieht.

dapd

Präsident Barack Obama oder sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney - wer ist besser für das eigene Portfolio?

Seit 1926, als erstmals verlässliche Marktdaten erfasst wurden, gab es in den USA 15 Präsidenten und bei neun Wahlen wechselte die Parteifarbe im Weißen Haus. Das ist eine Versuchsanordnung mit sehr wenigen Fällen. Deshalb sollte jegliche statistische Schlussfolgerung über den Zusammenhang zwischen Präsidentschaftswahlen und Entwicklungen am Finanzmarkt mit größter Skepsis aufgenommen werden.

Aber auch solche Einsichten werden einige Experten nicht von Spekulationen abhalten. Eine der vorherrschendsten Meinungen ist: Unterschiedliche Sieger im Weißen Haus und im Kongress sind gut für den Aktienmarkt. Genau das erwarten derzeit die meisten Wahlforscher: dass Präsident Obama wiedergewählt wird, die Demokraten ihre Mehrheit im Senat behalten und die Republikaner die ihre im Repräsentantenhaus.

[image] Christophe Vorlet

Schaut man sich jedoch die die Datenlage genau an, zeigt sich, dass „unterschiedliche Mehrheiten keineswegs gut für Aktien sind", sagt Robert Johnson, Finanzprofessor an der Creighton University in Omaha. In einem Arbeitspapier, dass die Jahre zwischen 1965 und 2008 betrachtet, haben er und seine Kollegen herausgefunden, dass unterschiedliche Mehrheiten im Kongress keinen Einfluss auf die Aktienkurse der größten US-Unternehmen im S&P 500 hatten. Die Aktienrenditen kleinerer Unternehmen (untersucht am Small-Caps-Portfolio von Dimensional Fund Advisors) lagen in Jahren ohne eindeutige Mehrheiten in Washington im Schnitt 21 Prozentpunkte unter der in Jahren, in denen nur eine Partei sowohl den Kongress als auch das Weiße Haus kontrollierte.

Unternehmensanleihen profitieren von 'gridlock'

Einige Anlagen profitieren aber durchaus von politischem Stillstand: Unternehmensanleihen warfen in den Jahren mit unterschiedlichen Mehrheiten fast neun Prozentpunkte mehr Rendite ab als in Jahren politischer Harmonie. „Gridlock mindert die Chancen für große Regierungsprogramme , die sich inflationär auswirken können" und daher die Anleihekurse belasten, sagt Gerald Jensen, Mitverfasser der Studie und Finanzprofessor an der Northern Illinois University.

Welche Partei das Weiße Haus gewinnt, scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen. Seit 1926 hat der S&P 500 unter einem demokratischen Präsidenten mit jährlich 15,4 Prozent fast doppelt so stark zugelegt wie unter einem republikanischen mit 7,8 Prozent, haben die Aktienanalysten Pankaj Patel und Joseph Handelman von der Credit Suisse herausgefunden.

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Das bedeutet aber nicht, dass die Aktienkurse zulegen werden, wenn Präsident Obama wiedergewählt wird. Laut Adam Parker, Chef-US-Aktienanalyst bei Morgan Stanley, hat es in den vergangenen 112 Jahren keine Konstellation gegeben, in der ein Demokrat im Weißen Haus sitzt und der Kongress derart geteilt ist. Der historische Rückblick spielt also möglicherweise gar keine Rolle.

Zudem könnte das deutlich bessere Abschneiden der Aktienmärkte unter einem demokratischen Präsidenten auch eine statistische Illusion sein. Die Untersuchung von Johnson und seinen Kollegen legt nahe, dass die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve weitaus wichtiger ist.

Fed-Politik ist für Aktienmärkte wichtiger

Seit 1965, dem Beginn der modernen Fed-Politik, haben die Aktien großer Unternehmen jährlich im Schnitt um zwölf Prozentpunkte mehr zugelegt, wenn die Fed ihre Leitzinsen gesenkt hat, als wenn sie diese erhöht hat, so die Studie. Im gleichen Zeitraum belief sich der Unterschied zwischen der Entwicklung unter einem demokratischen und einem republikanischen Präsidenten auf weniger als sieben Prozentpunkte. Eine statistische Analyse zeigt, dass der Einfluss der Fed-Politik deutlich größer ist als die Parteifarbe des Präsidenten.

Zusammengefasst heißt das: Fed-Politik ist wichtiger als Parteipolitik. Demokratische Präsidenten profitierten überdurchschnittlich von Zeiten, in denen die Fed die Leitzinsen senkte – was der tatsächliche Kurstreiber ist. Das gilt vor allem für Nebenwerte, die in Zeiten sinkender Zinsen um 26 Prozentpunkte besser abschnitten als bei steigenden Zinsen. „Es gibt keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Parteizugehörigkeit des Präsidenten und den Aktienrenditen", sagt Johnson.

Was bedeutet das alles für Anleger? Sie sollten diejenigen wählen, die Ihrer Meinung nach am besten für das Land sind, und nicht am besten für ihr Portfolio. Lassen Sie sich von Niemandem einreden, ihr Portfolio umzubauen, weil eine bestimmte Partei das Weiße Haus erobert. Egal wer gewinnt, die Entwicklung der Leitzinsen entscheidet darüber, in welche Richtung die Finanzmärkte laufen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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