• The Wall Street Journal

Eine goldene Lösung für Europas Schuldenkrise?

    Von STEPHEN FIDLER
Michael Gottschalk/dapd

Sollen Europas Krisenländer ihre Gold-Reserven nutzen, um die eigenen Finanzierungskosten zu senken? Auf dem Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs in der vergangenen Woche wurde das mit ziemlicher Sicherheit nicht diskutiert. Aber ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Zentralbanken der 17 Euroländer sitzen zusammen auf mehr als 10.000 Tonnen Gold.

In Anbetracht der europäischen Schuldenkrise liegt dieses Gold zu großen Teilen jedoch am falschen Platz. Fast ein Drittel der Reserven gehören Deutschland und etwa ein weiteres Viertel Frankreich – beides Länder, die nicht mit hohen Zinskosten zu kämpfen haben. Einige der Staaten mit drückender Schuldenlast haben dagegen Goldbestände, die zu klein sind, um ihnen Erleichterung bringen zu können: Spanien etwa besitzt nur 282 Tonnen, Griechenland 112 Tonnen und Irland gar nur sechs Tonnen des Edelmetalls.

Zwei Länder gibt es allerdings, die über so viel Gold verfügen, dass es ihnen bei der Refinanzierung durchaus dienlich sein könnte. Italien, das in diesem Jahr zeitweise Zinsen zahlen musste, die langfristig nicht tragbar wären, sitzt auf den zweitgrößten Goldreserven in Europa: 2.450 Tonnen. Und das deutlich kleinere Portugal, das sich unter den europäischen Rettungsschirm flüchten musste, weil es den Zugang zur Finanzierung über den Markt verloren hatte, besitzt immerhin 382 Tonnen Gold.

Nun kann es nicht die Idee sein, dieses Gold zu verkaufen. Die Länder könnten aber ihr Gold nutzen, um im Fall eines Staatsbankrotts die – zumindest partielle – Rückzahlung der Anleihen an ihre Gläubiger zu garantieren. Italiens Goldreserven würden ausreichen, um 24 Prozent des geschätzten Finanzbedarfs der nächsten zwei Jahre zu decken, bei Portugal wären es 30 Prozent. Könnten die beiden Länder gleichzeitig ein gewisses Volumen an ungedeckten Anleihen platzieren, könnten sie mit dem Gold sogar einen noch längeren Zeitraum überbrücken.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Ehe man diesen Vorschlag diskutiert, der Italien davor bewahren könnte, die Nachbarn um Hilfe anzupumpen und Portugal den Weg zurück an den Kapitalmarkt ebnen könnte, muss man ein paar Dinge wissen.

Gold als Sicherheit gab es bereits in den 70er-Jahren

Erstens: Die Idee kommt von einer Partei mit Eigeninteresse. Das World Gold Council ist die Interessenvertretung der weltweiten Goldminen-Konzerne und soll für die Verwendung des Goldes werben.

Zweitens: Der Vorschlag wurde in Brüssel zwar bereits präsentiert, beispielsweise den Abgeordneten des Europaparlaments. Und auch Italiens früherer Ministerpräsident Romano Prodi hat die Idee vorgetragen. Zum bunten Strauß an Möglichkeiten, die von den politischen Führern der Eurozone derzeit diskutiert werden, gehört der Einsatz von Goldreserven aber nicht.

Hinzu kommt, dass eine Fortsetzung der aktuellen Atempause am Anleihemarkt – als Folge des Versprechens der Europäischen Zentralbank, Anleihen von Staaten zu kaufen, die offiziell um Hilfe ersuchen und sich dafür bestimmten Bedingungen unterwerfen – das Thema wohl zu einem zusammenschrumpfen lassen würde, das lediglich von akademischem Interesse wäre.

Gleichwohl gibt es Vorbilder dafür, wie man Gold als Sicherheit einsetzen kann. Ansgar Belke, Volkswirt an der Universität Duisburg-Essen, verweist darauf, dass sowohl Italien und Portugal in den 1970er-Jahren ihre Goldreserven bereits einmal als Sicherheitsleistung für Kredite von den Zentralbank und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) eingesetzt haben. In einer Studie im Auftrag des World Gold Council rechnet Belke vor, dass mit Gold gedeckte Anleihen Portugals Refinanzierungskosten für fünfjährige Staatsanleihen von 10 auf 6 Prozent drücken könnten, wenn ein Drittel ihres Nennwerts mit Gold garantiert würde. Würde die Hälfte garantiert, könnten die Zinsen sogar auf 5 Prozent sinken.

Belke geht davon aus, dass derartige Anleihen „mit Sicherheit Anleger wie Regierungen aus Schwellenländern und Staatsfonds anziehen" würden.

Sind Gold-Transfers eine indirekte Staatsfinanzierung?

Nun ist es nicht so, dass sich die Goldreserven von heute auf morgen mobilisieren ließen, um Staatsanleihen abzusichern. Zum einen liegen die Barren und Münzen nicht in den Tresoren der Regierungen, sondern in denen der Zentralbanken. Obwohl die Reserven, um die es hier geht, andere sind, als die, die sie bei der EZB hinterlegt haben, muss der EZB-Rat jede Übertragung von Gold auf die Regierungen genehmigen.

Zweitens sollen die Zentralbanken in der Eurozone qua EU-Vertrag unabhängig sein. Ein Transfer von Gold an die Regierungen würde die Frage aufwerfen, ob dadurch das Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch die Notenbanken gebrochen würde, sagt Belke.

Schließlich haben sich die Zentralbanken der Eurozone mit anderen globalen Notenbanken darauf verständigt, ihre jährlichen Goldverkäufe auf 400 Tonnen zu beschränken. Und dieses Abkommen gilt noch bis 2014. Es ist unklar, ob die Verwendung von Gold als Sicherheit für Anleihen als Verkauf im Sinne des Abkommens zu werten wäre.

Mit Blick auf die Bedenken, Goldtransfers seien eine indirekte Form der Staatsfinanzierung, erinnert Belke daran, dass die aktuellen Maßnahmen der EZB – die Kapitalisierung von Banken, die mit dem Geld Staatsanleihen kaufen, sowie das Kaufprogramm für Staatsanleihen – von einigen Experten ebenfalls als Bruch des Verbots der monetären Unterstützung von Staaten angesehen würden. Die EZB habe das aber nicht daran gehindert, ihre Programme voranzutreiben.

Und Andrew Lilico von Europe Economics, einer Londoner Wirtschaftsberatung, kommt in einer anderen Studie zu dem Schluss, dass Gold-gedeckte Anleihen nicht als Fall zu werten seien, in dem die Notenbank ihre Druckerpressen anschmeißen, um klammen Regierungen beizuspringen. Lilico sagt: „Gold ist ein realer Wert. Es als Sicherheit einzusetzen, wirkt genau so wenig inflationär wie eine Hinterlegung von Anleihen mit historischen Gebäuden, militärischem Gerät, Inseln oder irgendwelcher anderer Sicherheitsleistungen, die für Not leidende Staatsanleihegläubiger bereits vorgeschlagen wurden."

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