• The Wall Street Journal

Die verlorene Wette des Jon S. Corzine

Jon Corzine wollte die Maklerfirma MF Global in eine Finanzmacht verwandeln. Dazu spielte der Wall-Street-Star mit hohem Einsatz - und verlor. Jetzt sucht der Insolvenzverwalter die verschollenen Gelder der Kunden.

    Von AARON LUCCHETTI und MIKE SPECTOR

Im September 2011 erhielten die 2.800 Angestellten von MF Global eine ungewöhnliche Email. Inhalt: Alle Mitarbeiter sollen Druckpapier ab sofort beidseitig verwenden. Ein klares Zeichen, dass es schlecht um den von Wall-Street-Legende Jon S. Corzine angeführten Finanzkonzern stand.

dapd

Offenbarungseid: Jon Corzine musste im Dezember dem Untersuchungsausschuss in Washington Rede und Antwort stehen.

Weniger als zwei Monate später war MF Global bankrott. Corzine hatte mit einer Wette auf europäische Staatsanleihen hoch gepokert. Damit wollte er die verschlafene Maklerfirma in eine Finanzmacht nach dem Vorbild seines ehemaligen Arbeitgebers Goldman Sachs verwandeln. Die Wette ging verloren.

Am 31. Oktober beantragte MF Global Gläubigerschutz. Rund 1,2 Milliarden Dollar (etwa 930 Millionen Euro) an Kundengeldern sind seitdem verschollen, so der Insolvenzverwalter. Von dem Geld gibt es kaum Spuren. Tausende Kunden von MF Global fürchten um ihre Einlagen.

Eine fatale Mischung

Der 65-jährige Corzine hat vor einem Untersuchungsausschuss des Kongresses bestritten, den Missbrauch von Kundengeldern angeordnet zu haben. Er und andere Manager des Unternehmens stehen jedoch im Mittelpunkt der Ermittlungen von Regulierungsbehörden und Strafverfolgern.

Die Mitarbeiter von MF Global, deren Chef Corzine seit März 2010 war, sind immer noch erstaunt und wütend darüber, wie schnell einen vielversprechende Wall-Street-Firma in den Abgrund gleiten konnte. Sie sehen die Schuld bei Corzine, der die Firma durch immer höhere Risiken profitabel machen wollte. Dieser Artikel basiert auf Interviews mit Händlern, Managern und anderen Angestellten, die nicht namentlich genannt werden wollen. Sie fürchten, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu gefährden und wollen nicht in die laufenden Ermittlungen einbezogen werden wollen. Jon Corzine wollte zu diesem Artikel keine Stellung nehmen.

Je mehr Details über den Fall von MF Global bekannt wird, desto klarer werden, warum Corzine die 6,3 Milliarden Dollar schwere Wette auf europäische Staatsanleihen einging. Es war kein simples Zocken eines skrupellosen Händlers. Das Geschäft kam aus einer fatalen Mischung aus Verzweiflung und Selbstsicherheit zustande.

Der erste Grund für die Wette war, dass sie die Umsätze der Firma unmittelbar steigen ließ. Und das zu einer Zeit, wo MF Global von Ratingagenturen und Aktionären stand, so zwei Manager, die mit Corzine zusammenarbeiteten. Schon als er die Firma 2010 übernahm, bekam er von Moody's, Standard & Poor's und Fitch klare Signale, dass er schnell die Gewinne steigen lassen müsse. Ansonsten drohe dem Unternehmen eine Abstufung. Für Corzine war die Europa-Wette „ein Mittel, die Forderungen zu erfüllen, und Zeit zu gewinnen, um die Firma umzubauen", so ein Manager. Am Ende fehlte ihm die Zeit.

Dabei wollte Corzine eigentlich gar nicht zurück an die Wall Street. Doch der demokratische Gouverneur von New Jersey verlor bei der Wahl von 2009 seinen Posten an den Republikaner Chris Christie. Der Finanzinvestor J. Christopher Flowers, ein enger Freund von Corzine und Anteilseigner von MF Global, überredete ihn, das Unternehmen zu leiten. Corzine reizte die Herausforderung, eine angeschlagene Firma zu retten, und lehnte dafür auch ein lukratives Jobangebot eines Hedgefonds ab.

Wetten ohne Angst vor Verlusten

Mit der Risikobereitschaft, die ihn in den 1980er und 1990er Jahren bei Goldman Sachs zu einem Börsen-Star gemacht hatte, wollte Corzine auch MF Global neu beleben. Er entließ sofort hunderte Angestellte und stellte 1.100 neue Händler und andere Mitarbeiter neu ein. Unter seiner Führung verließen 1.400 Mitarbeiter, 40 Prozent der gesamten Belegschaft, das Unternehmen.

Der Systemwechsel zum Investmentbanking war für MF Global ein Kulturschock. Die Firma hat ihre Wurzeln im Londoner Zuckerhandel des 18. Jahrhunderts. Die längste Zeit seiner 225-jährigen Geschichte agierte MF Global als Zwischenhändler für Bauern, Händler und Firmen, die auf Rohstoffpreise wetten wollten.

Doch Corzine räumte auf: Er ermutigte die Händler, größere Wetten einzugehen, ohne Verluste zu fürchten. Er führte neue, riskantere Geschäftsarten ein und legte den Schwerpunkt des Handels auf Finanzprodukte wie Hypothekenpapiere und Derivate auf Aktienindizes.

Auch die Gehaltsstruktur krempelte Corzine um. Die festen Gehälter, die auf Provision basierten, wurden durch hohe Boni ergänzt, die Risikobereitschaft belohnten. Seine Leidenschaft für den Handel und seine lockere und umgängliche Art machten ihn bei den Händlern beliebt, Oft kam er schon um 3 Uhr morgens in das Büro in Manhattan, um die europäischen Märkte zu verfolgen. Doch nach Aussagen von Mitarbeitern verbrachte er weniger Zeit in der Buchhaltung der Firma.

Schnelle Lösung mit Wirkung

Als Corzine bei MF Global startete, wurde er wie ein Rockstar empfangen. Bei der ersten Betriebsversammlung gab er Autogramme. Er sagte seinen Mitarbeitern, dass sein Rettungsplan Jahre in Anspruch nehmen könnte. Um den Druck kurzfristig von der Firma zu nehmen, hatte er jedoch eine rasche Lösung parat: Ein Investment in Anleihen europäischer Krisenstaaten mit hohen Risikoaufschlägen, strukturiert als „Rückkauf bei Fälligkeit". Dadurch konnte MF Global den Gewinn sofort verbuchen, und die Risiken wurden nicht in die Bilanz aufgenommen.

Eines dieser Risiken war es, dass Italien, Spanien oder Portugal 2012, wenn die Papiere fällig geworden wären, das Geld nicht zurückzahlen könnten. Corzine glaubte aber, dass die europäischen Politiker das verhindern würden.

Die schnelle Lösung zeigte Wirkung. In der zweiten Jahreshälfte 2010 machte MF Global 39 Millionen Dollar Umsatz mit der Wette, so eine Unternehmenspräsentation. Dadurch sank der Verlust des Gesamtunternehmens.

Im September 2010 fragte die Genehmigungsbehörde Finra, ein Selbstkontrollgremium der Finanzindustrie, an, ob MF Global durch europäische Staatspapiere belastet sei. MF Global verneinte, obwohl Corzine den Handel wenige Tage zuvor eingeleitet hatte, so Finra-Chef Richard Ketchum vor dem Untersuchungsausschuss.

Von Händlern zur Rede gestellt

Je mehr Papiere Corzine kaufte, desto größer wurde die Unruhe bei MF Global. Munir Javeri, ein von Corzine als Handelschef eingestellter ehemaliger Soros-Manager, machte sich Sorgen, dass die Europa-Wette zu groß für das Unternehmen wurde. Doch Javeri hatte keinen Einfluss auf die Geschäfte von Corzine. Ein Händler, der eigentlich ihm unterstellt war, führte die Deals im Auftrag Corzines durch. Kurz darauf verließ Javeri die Firma und heuerte bei einem Hedgefonds an.

Im Mai 2011 verkündete MF Global den höchsten Umsatz unter Corzines Leitung. Dieser sprach von einem „Willen zur Umgestaltung". Offiziell berichtete MF Global, dass die Umsatzsteigerung auch dem „Handel auf europäischen Rentenmärkten" geschuldet sei.

Im Juni deutete Corzine gegenüber Investoren an, dass er die ehemals wichtigste Sparte, die Termingeschäfte, verkaufen wolle. Er sei besorgt, dass die Aufsichtsbehörde für Warentermingeschäfte die Vorschriften verschärfen könnte, und dass MF Global dann weniger frei mit den Kundengeldern spekulieren könne.

Bei seiner Rückkehr ins Büro stellten ihn seine Händler zur Rede, so ein Mitarbeiter. Corzine erklärte daraufhin, seine Bemerkungen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, und sicherte den Händlern zu, MF Global würde den Geschäftsbereich nicht aufgeben.

Zu dieser Zeit wurden die Aufsichtsbehörden unruhig. Der Selbstkontrolle Finra waren die Geschäfte mit Staatsanleihen nicht bekannt, bis sie im Mai 2011 auf den Seiten 77 und 78 des Geschäftsberichts aufgeführt wurden. Da war die Wette schon auf 6 Milliarden Dollar angewachsen. Die Finra wies MF Global daraufhin an, mehr Eigenkapital aufzubauen, um sich abzusichern.

MF Global sträubte sich. Mehr als ein Dutzend Verhandlungen wurden geführt. Auch Corzine persönlich schaltete sich ein. Doch er verlor. Auch seine Beziehungen nach Washington, wo er von 2001 bis 2006 als Senator tätig war, halfen ihm nicht. Er musste 150 Millionen Dollar auftreiben, um die Finra zu besänftigen.

Panische Rettungsaktionen

Im August und September fielen die Aktien von MF Global um mehr als 40 Prozent. Die europäische Staatsschuldenkrise traf die Finanzindustrie mit voller Wucht. Den Händlern im Unternehmen fiel auf, dass sich Corzine seltener unter den Händlern blicken ließ. Die Bitte, das Druckerpapier beidseitig zu benutzen, war nur einer von vielen Sparvorschlägen, die das Management im September verbreiten ließ.

Mitte Oktober berichtete das Wall Street Journal über die Probleme von MF Global, die Bedingungen der Regulierungsbehörden zu erfüllen. Dann kamen ein schwacher Quartalsbericht und eine Welle von Abstufungen. Corzine stand an dem Punkt, an dem er nie sein wollte.

Am 25. Oktober verteidigte er noch die ungeliebten Staatspapiere – und fing trotzdem an, sie zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Kunden sprangen ab, Gläubiger verlangten mehr Sicherheiten, und die Kassen waren leer. Panische Rettungsaktionen wie ein Anruf Corzines bei Goldman-Präsident Gary D. Cohn verpufften wirkungslos.

Kurz nach der Insolvenz amm 31. Oktober wurden die meisten Angestellten entlassen. Nur noch etwa 500 verbleiben in der Firma. Sie helfen bei der Abwicklung von MF Global und suchen nach den verschwundenen Kundengeldern.

„Ich dachte, mit Corzine hätte die Firma eine gute Perspektive. Doch er ist zu weit gegangen", sagt Mike Fitzpatrick, ehemals Rohölhändler bei MF Global. Der 59-Jährige verließ die Firma kurz nach Corzines Amtsantritt wegen dessen riskanter Methoden: „Mann verwettet seine Ranch nicht mit einem einzigen Würfelwurf".

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