• The Wall Street Journal

Ein Auto für die Westentasche

    Von STEPHAN DÖRNER
Flinc

Wo willst du hin? Per Flinc finden Smartphone-Nutzer eine flexible Mitfahrgelegenheit.

Wenn Parkplätze fehlen, wird ein Auto in der Großstadt schnell zur Last. Da es für viele junge Erwachsene auch kein Statussymbol mehr darstellt, fällt der Verzicht nicht schwer. Was fehlt ist dann allerdings eine gewisse Flexibilität auf der Kurzstrecke. Car-Sharing ist eine Antwort darauf. Doch das Smartphone hält eine andere bereit: Die App Flinc soll ein Auto für die Westentasche sein, ein soziales Netzwerk, das Fahrten spontan in einer Community vermittelt.

Jeder Flinc-Nutzer gibt an, wohin er fahren möchte – und ob er selbst fährt und Mitfahrer mitnehmen kann oder mitgenommen werden will. Die Software bringt so Fahrer und Mitfahrer auf Wunsch auch in Echtzeit zusammen: Wer ist in der Nähe? Für wen lohnt sich ein Umweg? Was würde das kosten?

Mitfahrgelegenheit als Taxi-Alternative

„Die meisten Fahrten, die wir vermitteln, sind Arbeitswege – wobei auch die spontan vermittelt werden können", erklärt Benjamin Kirschner. Er hat das Unternehmen 2011 zusammen mit seinem Freund Michael Hübl und dem Geschäftsführer Klaus Dibbern gegründet. „Ich sitze morgens am Frühstückstisch und suche einen Fahrer aus. Andere wollen da langfristiger planen. Die suchen sich den Fahrer am Abend vorher aus oder sprechen ab, dass er sie die ganze Woche mitnimmt." Wichtig ist dabei das Vertrauen innerhalb der Community. Wer ein Profilbild hochlädt und etwas über sich schreibt, hat daher bessere Chancen, mitgenommen zu werden.

Damit ist Flinc ein weiteres Beispiel dafür, wie das mobile Internet völlig neue Formen der Kooperation ermöglicht – weil Angebot und Nachfrage jederzeit in Echtzeit zwischen allen Mobilfunknutzern koordiniert werden können.

Flinc

Flinc-App im Einsatz. Die App ist auch in die Navigationssoftware von Navigon und Bosch integriert.

Das Konzept scheint aufzugehen: Flinc hat nach Unternehmensangaben derzeit mehr als 100.000 Nutzer. Insgesamt wurden bereits mehr als 230 Millionen Kilometer mit dem Service zurückgelegt. Dabei hat Flinc außer in Suchmaschinen-Werbung kein Geld in Marketing investiert. Der Service verbreitet sich laut Kirschner von selbst, durch Mundpropaganda und Medienberichte.

„Mobilität wird immer vernetzter"

Außerdem arbeitet der Service mit dem von BMW und dem Autovermieter Sixt betriebenen Car-Sharing-Dienst Drivenow zusammen: Als Alternative zur Mitfahrgelegenheit werden dem Nutzer die Standorte von Drivenow-Fahrzeugen in der Nähe angezeigt. Im Gegenzug wirbt Drivenow für die Mitfahrer-App.

„Man muss das im gesamten Mobilitätskontext sehen. Mobilität wird immer vernetzter. Das ist einfach nötig, damit sie besser funktioniert", sagt Kirschner. Auch mit dem Navigations-Anbieter Navigon arbeitet Flinc zusammen. Der Flinc-Service ist in die iPhone-Apps der Navigationslösungen von Navigon und Bosch integriert, sodass die Software den Fahrer immer gleich zum nächsten Mitfahrer lotsen kann. "Die Idee, Fahrer und Mitfahrer zu verbinden, sehen wir als sinnvolle Ergänzung zu unserer Navigationslösung", sagte eine Sprecherin auf Anfrage. "Diese Funktion spricht insbesondere eine jüngere Zielgruppe an, die gerade erst beginnt, sich mit dem Thema Navigation zu beschäftigen."

Flinc

Flinc-Gründer Benjamin Kirschner entscheidet am Frühstückstisch, mit wem er zur Arbeit fährt.

Die Nutzer sind dem Gründer zufolge recht gleichmäßig über Deutschland verteilt und nutzen die App vornehmlich in den „Speckgürteln" der Städte, um in die Innenstadt zu kommen. Bei jeder Fahrt schlägt Flinc einen Preis vor – die meisten Fahrer halten sich daran, abweichende Preise schreiben sie ins Profil. „Wir haben auf kurzen Strecken ungefähr den Preis des öffentlichen Nahverkehrs und auf Langstrecken vergleichbare Preise wie jede andere Mitfahrzentrale", erklärt Kirschner das Preiskonzept.

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Die Idee zu Flinc ist während des Studiums an der Universität Darmstadt entstanden, berichtet er. Es handelte sich um eine Projektgruppe zum Problem der Mobilität. Während des Projekts sei den Studenten aufgefallen, dass 80 Prozent aller mit dem Auto zurückgelegten Strecken Kurzstrecken sind – die klassischen Mitfahrzentralen aber nur Langstrecken abdecken.

Unternehmenskunden sollen Geld bringen

Für normale Nutzer ist die App kostenlos – Flinc verdient an ihnen kein Geld. „Wir planen die Einführung einer freiwilligen mobilen Bezahlmöglichkeit", sagt Kirschner. Doch das lohnende Geschäft sieht das Start-up an anderer Stelle: Die ersten Unternehmen organisieren die Anfahrten ihrer Mitarbeiter über Flinc – darunter der deutsche Zulieferer Bosch und der ebenfalls deutsche Bergausrüstungshersteller Vaude.

Die Unternehmen gründen dann eine geschlossene Gruppe auf der Plattform, und jeder Mitarbeiter kann sich entscheiden, ob er nur mit Kollegen oder auch mit anderen Nutzern zur Arbeit fährt. Bosch setzt das System bereits mehrere Monate ein. „Angemeldet sind bisher rund 850 Bosch-Mitarbeiter, zunächst vor allem am Pilotstandort Hildesheim", sagt Unternehmenssprecher Joachim Siedler. Es habe sehr schnell großes Interesse und zahlreiche Anmeldungen gegeben. „Bei anteilig erstatteten Fahrtkosten kann der Fahrer Geld sparen, zudem kommt das gemeinsame Fahren der Umwelt zugute" erklärt der Sprecher die Motivation von Bosch, Flinc zu nutzen.

Fahrgemeinschaft als Kaffeküche 2.0

Insbesondere mit dem Argument des Umweltschutzes will Flinc auch andere Unternehmen davon überzeugen, die Smartphone-App zu nutzen. Unterstützt vom Wirtschaftsministerium des Landes Rheinland-Pfalz hat Flinc eine Studie zur Mobilität in Auftrag gegeben. Demnach könnten die 20 Millionen Kfz-Berufspendler mit der Nutzung von Fahrgemeinschaften 711 Millionen Euro und 1,1 Millionen Tonnen Co2-Emissionen einsparen.

Auch ansonsten gibt es laut Kirschner gute Argumente für Fahrgemeinschaften: „Ein großes Thema ist die Kaffeküche 2.0 – also Mitarbeiterkommunikation. Morgens zur Arbeit, abends zurück – und das abteilungsübergreifend. Da sprechen die Mitarbeiter auch über die Arbeit, über Probleme und Ideen – das ist ein enormer Wert für das Unternehmen, den man so nicht beziffern kann". Was sich dagegen sehr gut beziffern ließe, sind Einsparungen bei den Parkplätzen. „Parkplatzsuche ist außerdem absolut nervig, der Mitarbeiter kommt gestresst ins Büro."

Laut der Studie sind schon in 57 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland Versuche gescheitert, Fahrgemeinschaften für die Mitarbeiter zu organisieren. Grund sei, dass die Projekte zu wenig flexibel für die Arbeitszeiten waren. „Das ist der Unterschied zwischen einem schwarzen Brett und einem modernen System wie Flinc", sagt Kirschner.

Stephan Dörner auf Twitter

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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