• The Wall Street Journal

Zwischen Tablet- und PC-Welt

    Von WALTER S. MOSSBERG
[image] Microsoft

Das Surface-Tablet von Microsoft kommt in schicken leuchtenden Farben und mit optionalen Tastaturen in den Handel.

Ich schreibe diesen Absatz auf einem Tablet in einem Coffee Shop. Das ist nichts Besonderes. Wenn ich mich umsehe, sehe ich einige Leute, die mit ihrem iPad arbeiten. Doch das Tablet, das ich benutze, ist ganz anders – geradezu historisch. Es ist der erste Personal Computer, der von Microsoft gebaut wurde. Das Unternehmen hatte sich über Jahrzehnte nur darauf konzentriert, die Software herzustellen, die PCs antreibt.

Mit diesem Gerät namens Surface adaptiert Microsoft das Modell seines langjährigen Rivalen Apple, der schon immer daran geglaubt hat, dass es besser ist, Produkte aus einer Hand zu bauen – also Hardware, Betriebssystem, wichtige Anwendungen und ein Ökosystem, das Apps und Inhalte zum Download anbietet. Genau das tut nun Microsoft mit dem Surface-Tablet - zweieinhalb Jahre nach der Präsentation des iPads.

Ich habe das Surface nun fast täglich über einen Zeitraum von drei Wochen genutzt, und ich mag es. Es ist schön und solide gebaut, und es ist die reinrassigste Umsetzung der Touchscreen-Oberfläche von Windows 8, das wie das Surface am Freitag auf den Markt kommt. Das neue Betriebssystem läuft auch auf Laptops und Desktop-PCs. Es kann mit Maus und Touchpad bedient werden – aber seine komplett andere touchoptimierte Oberfläche schreit danach, auf einem Tablet mit Touch-Steuerung genutzt zu werden.

Walt Mossberg reviews Microsoft's Surface tablet, the first personal computer the company has produced. Despite a few downsides, he says Surface is a "beautiful, well-done tablet" and "changes the dynamics of the tablet market." (Photo: Microsoft)

Das Surface ist keine billige iPad-Kopie. Es ist ein einzigartiges Tablet, das mit einer speziellen Magnesium-Legierung hergestellt wird, die sich nach Qualität und sorgsamer Verarbeitung anfühlt. Das Surface gibt es ebenso wie das große iPad ab 500 Dollar in der Basis-Ausstattung – allerdings mit 32 Gigabyte Speicher und damit doppelt so viel wie bei Apple. Die anderen Versionen kosten 600 und 700 Dollar. Anders als das iPad gibt es das Surface nicht mit Mobilfunk-Chip – es kann nur per Wifi mit dem Internet verbunden werden.

Office und Tastatur

So gut das Surface die Touch-Bediendung und die auf Tablets optimierten Apps von Windows 8 umgesetzt hat – Microsoft hat dem Tablet auch die Fähigkeiten verliehen, sich wie ein vertrauter Windows-PC zu verhalten, zumindest in einigen Fällen. Das Surface wird mit einer Vollversion von Microsoft Word, Excel und Powerpoint ausgeliefert. Mit allen drei Programmen ließen sich Dokumente sowohl gut erstellen als auch Dokumente aus älteren Versionen bearbeiten.

Microsoft hat zwei clevere, sehr dünne optionale Tastaturen konzipiert, die auf magische Weise an das Tablet anrasten und zusätzlich als Hülle dienen. Sie sind besser als irgendeine andere Zusatztastatur, die ich bislang für das iPad gesehen habe. Microsoft hat eine Standard-USB-Schnittstelle und einen stabilen Ständer für das Schreiben auf einem Tisch eingebaut. Die eine Tastatur, TouchCover, nutzt nicht ausgestanzte Tasten und kommt in vielen farbenfrohen Versionen. Sie kostet 120 Dollar und ist bei den teureren Surface-Modellen enthalten. Die andere Tastatur, eine schwarze, nicht biegsame Version mit echten Tasten heißt Type Cover und kostet 130 Dollar. Das Tippgefühl gleicht bei ihr eher einer Standard-Tastatur vom Notebook.

Mangel an Apps

Dennoch hat das Surface Schwachstellen. Die größte ist der Mangel an Apps, die auf die neue Touch-Oberfläche angepasst sind. Microsoft schätzt, dass zum Start des Geräts nur etwa 10.000 Apps von Drittherstellern weltweit verfügbar sein werden, davon etwa die Hälfte in den USA. Im Vergleich zu den 700.000 für das iPad optimierten Apps ist das eine winzige Zahl. Wichtiger noch ist, dass viele populäre Dienste wie Facebook fehlen.

Und es gibt noch mehr schlechte Nachrichten zu den Apps. Die erste Version des Surface nutzt eine Variante von Windows 8, die RT genannt wird. Sie kann das riesige Angebot klassischer Windows-Programme, auf die viele Nutzer angewiesen sind, nicht ausführen. Dazu gehören zum Beispiel Googles Browser Chrome, Adobe Photoshop, Apple iTunes und sogar Microsofts eigenes Outlook. Eine zweite Version des Tablets wird mit Windows 8 laufen, mit dem diese Windows-Standard-Programme funktionieren. Allerdings sind die klassischen Windows-Programme nicht auf die Touch-Steuerung angepasst und das Surface-Tablet mit Windows 8 wird schwerer sein.

Mittelmäßige Akkulaufzeit

Das Surface, das in etwa so dünn ist wie ein großes iPad aber gleichzeitig schwerer, zeigte eine deutlich schwächere Akkulaufzeit in meinem Test. Es hielt nur etwa sieben Stunden durch, beim iPad waren es zehn. Der Wert ist allerdings immer noch besser als bei den meisten Android-Tablets.

Ich habe die Akkulaufzeit mit derselben Methode getestet, die ich bei allen Tablets verwende. Ich habe Videos abgespielt, während der Bildschirm auf 75 Prozent Helligkeit eingestellt war. Die WLAN-Funktion war aktiviert, um im Hintergrund E-Mails abzurufen.

Bildschirm und Kamera

Der Bildschirm des Surface misst in der Diagonale 10,6 Zoll, er ist größer und dünner als beim iPad. Er präsentierte sich scharf und lebhaft, war dem Retina-Display des aktuellen iPads, der eine deutlich höhere Auflösung besitzt, aber unterlegen. Die Kameras enttäuschten, die Fotos waren bestenfalls okay. Die Kamera auf der Rückseite besitzt lediglich eine Auflösung von einem Megapixel. Laut Microsoft ist die Kamera eher für Videos geeignet. Aber auch meine Testvideos konnten nicht restlos überzeugen.

Bildschirm-Tastatur

Die virtuelle Tastatur auf dem Bildschirm lässt sich schnell und einfach nutzen. Sie kann in verschiedenen Varianten eingesetzt werden – eine Standard-Konfiguration, einer engeren mit einer zusätzlichen Reihe von Nummern-Tasten und einer Split-Version, wie es sie auch beim iPad gibt, bei der die Tastatur in zwei Hälften aufgeteilt wird, um sie mit den beiden Daumen zu bedienen. Zudem kann eine Fläche zur Aufzeichnung von per Handschrift eingegebenem Text aufgerufen werden. Einen Stift liefert Microsoft aber nicht mit.

Vorinstellierte Apps

Das Surface verfügt über dieselben vorinstallierten und neudesignten Apps und den App Store wie jeder andere Windows-8-PC. Wie auch andere Geräte mit dem neuen Betriebssystem besitzt das Surface einen neuen und radikal anderen Startbildschirm mit Kacheln.

Zu den eingebauten Apps gehören eine touchfreundliche Version des Internet Explorers, ein E-Mail-Programm und Apps für soziale Netzwerke, Instant Messaging, Fotos, Karten, Videos, Musik und vieles mehr. Und auch wenn auf dem Surface die meisten alten Windows-Programme nicht laufen, so wurden doch einige Standardprogramme wie der Taschenrechner, das Notepad und der Explorer übernommen.

Alle installierten Apps haben bei mir gut funktioniert. Mit einer Ausnahme: Bei Mail fehlt zum Beispiel ein einheitlicher Posteingang. Auch einen Ungelesen-Ordner gibt es nicht. Von den populären E-Mail-Standards wird POP nicht unterstützt. Microsoft hat bereits zugegeben, dass das Programm noch überarbeitet werden muss.

Vielversprechend sieht andererseits die Musik-App aus. Xbox Music hilft den Anwendern dabei, Musik wie bei iTunes herunterzuladen und in „Stationen" zu ordnen. Der Musikdienst Pandora verfährt ähnlich. Anschließend können die Lieder wie bei Spotify kostenlos gestreamt werden.

Mit Programmen von Drittanbietern hatte ich hin und wieder Probleme. Evernote brauchte zum Beispiel sehr lange, um meine Daten zu synchronisieren. Und die Kindle-App musste alle paar Seiten neue Inhalte nachladen. Selbst bei Büchern, die ich komplett heruntergeladen hatte. Manche Seiten waren auch komplett im Eimer.

Fehler

Bei meinem Test bin ich über einige Fehler gestolpert. Ein paar davon waren ziemlich gravierend. Mit Ausnahme von einer Sache waren jedoch alle Fehler behoben, als ich mit dem Schreiben dieses Testberichtes anfing. So kann sich das Surface bei einigen Modems und Routern nicht bei bestimmten Microsoft-Diensten wie dem App-Store authentifizieren. Microsoft arbeitet noch an einer Lösung des Problems. Zwar bin ich nur in einer Testumgebung davon betroffen gewesen. Doch das ist schon zu viel.

Fazit

Das Surface-Tablet von Microsoft bringt einige Vorteile mit sich: Die großen Office-Apps und das optionale Keyboard sind nur ein paar davon. Wem eine kleine Auswahl an Programmen von Drittanbietern reicht, und wen eine eigentlich enttäuschende Akkulaufzeit nicht abschreckt, der kann im Surface Produktivitätsmöglichkeiten finden, die er bei anderen Tablets vielleicht vermisst hat.

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