• The Wall Street Journal

Fifa wittert das große Fußball-Geschäft in der Halle

    Von FREDERIC SPOHR

BANGKOK -- Wenn Vic Hermans über Futsal spricht, kommt er schnell ins Schwärmen: Der Nationaltrainer der thailändischen Auswahl redet von der Schönheit des Spiels, der Begeisterung in manchen Ländern für den Sport. Von klein auf sollten die Spieler an das Spiel auf kleinem Feld gewöhnt werden, fordert er – und zwar auf der ganzen Welt.

Bei der Fifa rennt Hermans offene Türen ein. Auch der Weltverband hat viel vor mit der offiziellen Hallenvariante des Fußballs. Sie soll dem Sport mehr Aufmerksamkeit bringen und ihm neue Märkte erschließen. Vor allem in Asien, wo der herkömmliche Fußball längst nicht so populär ist wie in Europa oder Südamerika, wittert die Fifa einen riesigen Markt.

ap/dapd

Keine Bande, kleiner Ball, hohe Geschwindigkeit: Die Fifa sieht Futsal als ideale Chance, ihr Angebot zu diversifizieren - und neue Märkte zu erschließen.

Die Idee hat durchaus Charme. Für die Fifa ist die schnelle Sportart eine ideale Möglichkeit, um ihr Angebot zu diversifizieren. Futsal ist mehr als Fußball in der Halle. Im Gegensatz zu anderen Indoor-Soccer-Arten hat das Spielfeld keine Bande, der Ball ist außerdem kleiner. Das enge Spielfeld erfordert perfekte Ballkontrolle sowie kognitive Fähigkeiten. Es ist eine eigene Disziplin, mit spezieller Taktik und speziellen Sportgeräten.

Und mit eigenem Vermarktungspotenzial.

Futsal kann den Ballsport in Regionen bringen, in denen es oft zu kalt oder zu heiß für klassischen Fußball ist. Die kleinen Spielfelder, auf denen sich die Fünfer-Mannschaften gegenübertreten, sind außerdem ideal für den Ballsport in dicht bebauten Städten. In Japan gibt es Futsal-Felder auf Hochhäusern. In Thailand spielt die nationale Liga teilweise in Einkaufszentren.

Der Sportartikel-Hersteller Nike schätzt die Anzahl der Kleinfeld-Kicker weltweit auf rund 60 Millionen. Doch geht es nach der Fifa, sollen es bald viel mehr sein. Deshalb geht der Weltfußballverband bei der Futsal-Weltmeisterschaft, die Anfang November in Thailand beginnt, in die Vollen: Mit 24 Mannschaften ist es die größte WM, die jemals stattgefunden hat.

Ein Zuschussgeschäft für die Fifa

Zu der einen Million Euro, die von der Fifa jährlich in den Sport fließen, kommt nochmal ein Batzen dazu: Zwischen 20 und 25 Millionen Euro haben die Veranstalter in das Turnier investiert. Zusätzlich muss auch der thailändische Staat tief in die Tasche greifen. Die Fifa hat die Regierung dazu gedrängt, für das Turnier eine neue Sporthalle mit 12.000 Plätzen zu bauen – zusätzlich zu den drei bereits bestehenden Spielorten, die der Fifa zu dürftig erschienen. Kosten: über 30 Millionen Euro.

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"Wir sehen das Turnier als Investition in die Zukunft", sagt ein Sprecher der Fifa. Möglichst bald soll Futsal – so die Kalkulation des Verbandes – eine Sportart sein, die sich nicht nur selbst trägt, sondern der Fifa Gewinne einbringt.

Daraus, dass Futsal davon noch weit entfernt ist, macht man bei der Fifa kein Geheimnis. Bis jetzt sei der Sport noch ein reines Verlustgeschäft, heißt es aus dem Verband. Einer der Gründe: Die Unterstützung der nationalen Verbände ist oft nur mäßig. „Die nationalen Verbände analysieren noch, welche Rolle der Sport für die Entwicklung des Fußballs einnehmen kann", sagt ein Sprecher des Weltverbandes. Futsal-Trainer Hermans formuliert es drastischer: „Wenn Du zum Deutschen Fußball Bund gehst und eine Million Euro für Futsal möchtest, dann erklären sie Dich für verrückt." Der DFB und viele andere nationalen Verbände hätten Angst, dass Futsal den Fußball kannibalisiere.

Solche Vorbehalte hat man in der Wirtschaft nicht. Längst werfen Sportartikel-Hersteller eigene spezielle Produkte auf den Markt. "Wir schätzen, dass 85 Prozent aller Fußballspieler manchmal auf kleinen Feldern spielen", sagt ein Nike-Sprecher.

Auch das Kreditkartenunternehmen Visa ist beim Futsal dabei. Als Fifa-Sponsor versucht das Unternehmen mit Rabattaktionen den schleppenden Ticket-Verkauf anzukurbeln. Bis jetzt ist jedoch erst die Hälfte der Tickets vergeben.

Probleme beim Arena-Bau

Überhaupt könnte das große Futsal-Projekt zur Blamage zu werden. Das Ausrichterland Thailand hinkt seinen Planungen weit hinterher: Die Hauptarena wird, wenn überhaupt, nicht rechtzeitig fertig. Wegen Einfuhrproblemen konnte der Hallenboden nicht rechtzeitig aus China geliefert werden. Täglich schuften noch 2500 Arbeiter auf der Baustelle. Um die Moral des Bautrupps zu stärken, hat der Gouverneur von Bangkok, Sukhumbhand Paribatra, symbolisch auf der Baustelle übernachtet. Geholfen hat es nicht. Die Fifa hat entschieden, dass erst zur K.o.-Runde in der neuen Arena angepfiffen werden kann.

Der Hallenbau ist nicht das einzige Problem der WM: Der nationale Verband wirbt kaum für das Event – noch nicht einmal eine englischsprachige Website des Ausrichters existiert.

Auch der Alltag von Nationaltrainer Vic Hermans sieht anders aus, als er es sich wünschen würde. Die Trainingszeit schrumpft, weil die Mannschaft einem toten Thai-König gedenken soll. Er hat zu wenige Vorbereitungsspiele und die auch noch auf einem zu kleinen Feld. Das Hotel ist auch nicht das beste am Platz.

Fußball-Zwerge wittern Chance auf Titel

Trotzdem sagt er: „Hier in Thailand wird mehr für den Futsal getan, als in vielen Ländern in Europa. Hier kann ich etwas aufbauen." Der Mann muss es wissen: Hermans betreute sowohl in Asien als auch Europa mehrere Futsal-Mannschaften und ist als Futsal-Instructor für die Fifa weltweit unterwegs.

Der thailändische Fußballverband stelle ihm ausreichend Personal zur Verfügung, sagt Hermanns. „Der Verband sieht: Im Fußball hätte Thailand nie die Chancen auf einen Titel, deswegen konzentriert man sich auf Futsal." Auch in anderen Ländern, in denen er trainiert hat, erlebte er Futsal-Euphorie, beispielsweise im Iran: „Wir hatten tolle Trainingsbedingungen, da war alles da", sagt er. Die Entwicklungsarbeit von Hermans und des Verbandes trug Früchte: Der Iran ist einer der Titelfavoriten für die kommende WM.

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Das Beispiel Iran zeigt, dass sich Erfolg auf dem kleinen Feld auch wirtschaftlich lohnen kann: Die Beliebtheit ihrer Futsal-Mannschaft lockte für den gesamten iranischen Fußballverband einen Sponsoren. So ist der kleine schwäbische Sportartikelausrüster Uhlsport diesen Sommer als Ausrüster eingestiegen. Bei der Entscheidungen spielte auch die wachsende Beliebtheit des Futsals und die Popularität der Nationalmannschaft eine Rolle, sagt Martin Esslinger, Exportleiter für den Bereich Mittlerer und Naher Osten. "Wir und unser Vertriebspartner vor Ort erwarten, dass der Futsalbereich im Iran überproportional im Vergleich zu normalen Fußballartikeln steigen wird." Auch in anderen Märkten sehe man Chancen für Futsal – beispielsweise in Panama und in Chile.

In Deutschland dagegen dümpelt Futsal weiter vor sich hin. Es existiert weder eine Profiliga noch eine offizielle Nationalmannschaft. An der Basis herrscht Frust: „Ich höre vom DFB seit Jahren die selben Entschuldigungen und Ausreden", sagt Marc Reichert, der Co-Trainer bei der hessischen Futsal-Auswahl ist. „Der DFB sollte Strukturen schaffen und die Gründung eines bundesweiten Spielbetriebes unterstützen."

DFB will keine "künstlichen Strukturen von oben"

Forderungen, die beim DFB auf wenig Verständnis stoßen. „Wir wollen keine künstlichen Strukturen von oben schaffen, die Entwicklung muss von unten kommen", sagt Willi Hink, DFB-Direktor für den Breitensport. Derzeit gebe man beim DFB einen „mittleren sechsstelligen Betrag" zur Futsalförderung aus. Die Tendenz sei relativ konstant. Solange die Klubs nicht in der Lage wären, die für die Teilnahme an einem ganzjährigen bundesweiten Spielbetrieb notwendige Basisstruktur im Verein sicherzustellen, werde man keine derartige Liga einführen und subventionieren.

Dabei könnte eine bundesweite Liga helfen, den Sport voranzubringen. Das zeigt das Beispiel Spanien. Dort hat man vor man vor etwa 20 Jahren eine Liga gegründet. Damals lag das Budget der Klubs durchschnittlich bei gerade einmal 300.000 Euro. Mittlerweile ist der Sport auf einem hochprofessionellen Niveau: Manche Klubs haben laut der Liga ein Budget von über fünf Millionen Euro, Top-Spieler kassieren rund 300.000 Euro Gehalt. In 14 Ländern werden die Spiele übertragen, zu den Partien erscheinen durchschnittlich 8000 Zuschauer.

Futsal-Legende Vic Hermans ermutigen solche Beispiele – und er sieht auch im restlichen Europa großes Potenzial. Sollte er bei dieser WM scheitern und der thailändische Fußballverband ihn entlassen, hat er schon neue Pläne: „Ich könnte mir vorstellen, in Holland eine eigene Futsal-Liga gründen", sagt er. Er hat sich schon drei große Hallen ausgeguckt, in denen die Spiele stattfinden können. „Das mache ich dann einfach ohne irgendeinen Verband."

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