• The Wall Street Journal

Obama gegen Romney - Eine Wahl auf Messers Schneide

    Von LAURA MECKLER und SARA MURRAY
Carolyn Kaster/AP/dapd

Prominente Unterstützung für Barack Obama: Rapper Jay-Z (links) und Rockstar Bruce Springsteen (rechts) traten am Montag gemeinsam mit dem Präsidenten in Columbus, Ohio auf.

Nach mehr als einer Million TV-Spots, zahlreichen Auftritten und drei hitzigen Fernsehdebatten steht die amerikanische Präsidentschaftswahl am Tag der Entscheidung immer noch auf Messers Schneide. Einige Wähler gehen schon zur Urne, und immer noch versuchen Barack Obama und Mitt Romney, die letzten Unentschlossen für sich zu begeistern.

Am Montag heizte Obama seine Unterstützer in den wahlentscheidenden „Swing States" Wisconsin, Ohio und Iowa an. Die Strategie seines Teams ist, den Mittleren Westen gegen Romney abzusichern. Den Tag der Abstimmung verbringt er in seiner Wahlkampfzentrale in Chicago.

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Romney trat am Montag in vier umkämpften Staaten auf. Ohne die Stimmen aus Virginia, Florida, Ohio und New Hampshire hat er wenig Chancen auf den Einzug ins Weiße Haus. Auch am Dienstag selbst tritt er in Cleveland und in Pittsburgh noch einmal ans Rednerpult. Offenbar spekuliert er auf einen Überraschungssieg im eigentlich schon für die Demokraten entschiedenen Pennsylvania. Den Wahlabend verbringt er in Boston.

In den landesweiten Umfragen liegen beide Kandidaten gleichauf, in einigen der zentralen Wahlkampfstaaten hat nach letztem Stand aber Obama die Nase vorn. Trotzdem sahen sich beide Lager von den Umfragen beflügelt und erklärten, dass jeweils ihr Favorit die Wahl gewinnen würde.

Am Dienstag entscheiden letztlich die Wähler, ob die 6 Milliarden US-Dollar, die für den Wahlkampf ausgegeben wurden, einen neuen Präsidenten bringen oder die Amtszeit Obamas verlängern werden. Das Ergebnis wird einige Fragen beantworten, die seit 2008 im Raum stehen. Eine breite Koalition verschiedener Wählerschichten – Afroamerikaner, hispanische Amerikaner, Jungwähler und Frauen – katapultierte Obama damals ins Amt. In den vergangenen vier Jahren haben die Berater des Präsidenten hart daran gearbeitet, diese Gruppen auf seiner Seite zu halten. Gelingt dies, könnte das die Machtbasis der Demokraten langfristig zementieren.

Agence France-Presse/Getty Images

Mitt Romney begrüßte am Montag seine Anhänger in Lynchburg, Virginia.

Doch bei dem erwartet knappen Ausgang des Rennens dürften das Land und das politische Washington weiter gespalten bleiben. Egal wer gewinnt, auch der neue Präsident wird keine freie Bahn haben, um die drängendsten Probleme der Nation anzugehen, darunter die drohenden Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, die als „Fiscal Cliff" bekannt sind. Beobachter spekulieren bereits über ungewöhnliche Szenarien wie ein Patt in der Versammlung der Wahlmänner oder einen Präsidenten, der - wie George W. Bush im Jahr 2000 - nicht die Mehrheit der Wähler hinter sich hat. Käme es wirklich zu dem höchst unwahrscheinlichen Fall, dass sowohl Obama als auch Romney auf je 269 Wahlmänner kämen, müsste übrigens das Repräsentantenhaus entscheiden. Und dort haben die Republikaner derzeit das Sagen.

Der Politikwissenschaftler und Autor Ruy Teixeira, der die Demokraten unterstützt, sagt, ein Sieg Obamas wäre ein klares Zeichen für eine „Rückkehr der Obama-Koalition, wenn auch auf etwas geringerem Niveau". Sollte sich jedoch Romney durchsetzen, hätten die Republikaner das Land für sich zurückerobert. „Die Lektion aus dieser Wahl ist, dass die Leute wollen, dass die Dinge angepackt werden. Sie wollen keine Blockaden, denn Blockaden haben der Wirtschaft geschadet", sagt der republikanische Stratege John Feehery. Ein Präsident Romney könne etwa für eine Steuerreform sorgen.

Der Bauch wählt mit - Was Obama und Romney essen (müssen)

Im schlimmsten Fall müsste der Wahlausgang erneut vor Gericht geklärt werden. Bereit am Sonntag reichten die Demokraten Klage gegen drei Bezirke in Florida ein, welche die frühe Stimmabgabe nur bis Samstag zugelassen hatten. Am Montag lenkten sie ein und erlaubten Frühwählern, noch persönlich vorzeitig eine Stimme abzugeben.

Änderungen im Ablauf der Wahl gibt es auch in den von Supersturm Sandy getroffenen Gebieten. In New Jersey können zwangsevakuierte Wähler ihre Stimme per E-Mail oder Fax abgeben. Nach Angaben des Gouverneurs von New York, Andrew Cuomo, dürfen Bürger auch in jenen Wahllokalen ihre Stimme abgeben, die außerhalb ihres eigentlichen Wahlbezirks liegen.

Mitt Romney ist der Kandidat, der sich im Laufe des schier endlosen Wahlkampfes am meisten gewandelt hat. Er bedient mit seinen Aussagen kaum noch die republikanische Stammwählerschaft. Während das Wort „konservativ" noch im Frühjahr überall auf seinen Wahlkampfbussen klebte, kommt es in seinen aktuellen Reden gar nicht mehr vor. Stattdessen hat sich Romney den parteipolitischen Stillstand in Washington vorgeknöpft: „Ich werde keine Zeit darauf verschwenden, mich über meinen Vorgänger zu beklagen", sagte Romney am Montag in Florida. „Wenn ich gewählt bin, werde ich mit Republikanern und Demokraten im Kongress zusammenarbeiten."

Während Obama 2008 mit Schlagworten wie „Hoffnung" oder „Wandel" siegte, konzentriert sich Romney eher auf praktische Dinge. Seine Anhänger sagen, er würde gewählt, weil er als Geschäftsmann Erfahrung habe und weil sich die Menschen Sorgen über die Staatsverschuldung machten.

Über das Charisma des Amtsinhabers verfügt Romney aber immer noch nicht. Die Krawatte bleibt fest verknotet, Einblicke in seine Gefühlswelt lässt er kaum zu. Trotzdem hat sich sein Stil verändert. Am Wochenende traf er auf einem Flughafen in Iowa knapp 70 Anhänger, die noch einmal einen Blick auf ihn werfen wollten. Der alte Romney hätte ihnen nur zugewinkt, bevor er ins Flugzeug stieg. Diesmal begrüßte er jeden Fan persönlich mit Handschlag.

Obama hat sich dagegen in den 18 Monaten des Wahlkampfs wenig verändert. Er setzt auf harte Worte für seinen Gegner und eine Politik für die Mittelschicht. Er folgte am Montag zwar Romney nicht nach Pennsylvania, schickte aber seinen Fürsprecher, Ex-Präsident Bill Clinton.

Interaktiv: Die Kandidaten im Vergleich

Seine Amtsführung verteidigt Obama energisch. „Heute hat unsere Wirtschaft fast fünfeinhalb Millionen neue Jobs geschaffen. Die amerikanische Autoindustrie ist mit Macht zurück. Die Häuserpreise steigen wieder", sagte er am Montag in Ohio. „Al-Qaida steht vor der Niederlage. Osama bin Laden ist tot."

Obamas letzter Auftritt fand symbolträchtig in Iowa statt, wo traditionell der lange US-Wahlkampf beginnt. Über Videoleinwände flimmerte ein Rückblick: Obama, wie er schon 2008 in Iowa auf der Bühne stand. Über Lautsprecher ertönte auch die Hymne von damals, Stevie Wonders „Signed, Sealed, Delivered, I'm Yours".

Seine Ziele sind jedoch bescheidener als damals. Jetzt geht es um die Senkung von Studiengebühren und nicht um den Klimawandel. „Die Energie ist diesmal anders", sagt die 32-jährige Masharika Pratt, die am Sonntag zu einer Obama-Rede kam. „Vor vier Jahren gab es mehr Hoffnung."

Video auf WSJ.com

As Election 2012 draws near, never have so many millions of dollars been spent to move so few votes. So what factors determine who wins in such a race? Jerry Seib joins the News Hub to discuss. Photo: AP.

Das Interesse an der Wahl ist groß, das belegen die langen Schlangen vor den Frühwahllokalen. In Ohio warteten manche geduldig 90 Minuten, um ihre Stimme vorzeitig abzugeben. 50 Prozent mehr Wähler als noch vor vier Jahren machen diesmal von der Möglichkeit der Frühwahl Gebrauch, melden Behörden. Zu den Tausenden, die anstanden, gehörte auch die 23-jährige Kellnerin Robyn Daughtry, die für Obama stimmen will: „Obama steht für Frauenrechte. Wenn ich nicht für ihn stimme, stimme ich gegen mich selbst."

Der 51-jährige Chirurg Andrei Manilchuk, der 1996 aus Russland einwanderte, hat 2008 noch für Obama gestimmt, weil er seine Idee des Wandels mochte. Diesmal geht seine Stimme an Romney. „Obama hat mich enttäuscht. Die Leute müssen für sich selbst Verantwortung übernehmen. Ich mag diese Idee, Reichtum umzuverteilen, nicht."

—Mitarbeit: Carol E. Lee, Neil King Jr und Douglas Belkin

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