• The Wall Street Journal

Türkei auf dem Weg zum Musterschüler

    Von ANDREW PEAPLE
Reuters

Boomregion Bosporus: Der Türkei wurde von der Ratingagentur Fitch Investmentstatus bescheinigt.

Der Monat November hat der Türkei eine verfrühte Bescherung gebracht: Die Ratingagentur Fitch hat am Montag die Staatsanleihen des Landes zum ersten Mal in die Investmentklasse aufgenommen. Das löste einen Renditerutsch bei den zweijährigen Papieren um 0,25 Prozentpunkte aus, die Börse in Istanbul gewann 1,8 Prozent. Die Euphorie könnte jedoch nur von kurzer Dauer sein – denn die Anleger sind den Ratingagenturen schon längst voraus. Sie haben mehr Vertrauen in die Türkei als in viele andere europäische Länder.

Der Schritt von Fitch wird von guten Haushaltsdaten gestützt. Bis Ende des Jahres soll die Staatsverschuldung gemessen an der Wirtschaftleistung auf 37 Prozent fallen, schätzt die Agentur. In der Eurozone lag der Schnitt im vergangenen Jahr bei 87 Prozent. Die durchschnittliche Laufzeit der Staatsanleihen hat sich seit 2009 um ein Jahr auf 4,5 Jahre verlängert. Seit der Abwertung der Landeswährung Lira um 40 Prozent im Jahr 2001 ist die Wirtschaft vergleichsweise stabil, auch wenn sie 2009 um 4,8 Prozent schrumpfte. Die Hochstufung durch Fitch könnte weitere positive Effekte nach sich ziehen. Schon jetzt kosten Kreditausfallversicherungen für fünfjährige Anleihen der Türkei am Markt weitaus weniger als für Italien und Spanien.

Trotzdem bleiben Risiken, darunter die galoppierende Inflation von 7,8 Prozent. Das Handelsbilanzdefizit bleibt hoch, auch wenn es von 10 Prozent der Wirtschaftsleistung 2010 in diesem Jahr auf 7,3 Prozent sinken soll. Die Banken sind wegen der niedrigen Sparquote auf externe Finanzierung angewiesen. In den vergangenen drei Jahren haben sich die externen Schulden der Institute nach Zahlen von Capital Economics auf etwa 55 Milliarden Euro verdoppelt. Eine plötzliche Kapitalflucht, etwa bei einer Eskalation der Eurokrise, könnte bei den türkischen Banken für Geldknappheit sorgen und so das Wachstum schwer beschädigen.

Aber trotz der Lehman-Krise und des Schuldenabbaus der großen internationalen Banken ist weiter Kapital in die Türkei geflossen. Die Finanzindustrie erscheint gesund, die Kapitalausstattung liegt bei 16,3 Prozent. Mit vernünftigen Wachstumsaussichten und einer niedrigen Staatsverschuldung ist das Land eindeutig attraktiv, besonders während die Industrieländer mit niedrigem Wachstum und niedrigen Zinsen kämpfen. Es ist also gut möglich, dass sich die Türkei in der Investmentklasse vom Wackelkandidaten zum Musterschüler vorarbeitet.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 28. Juli

    Sicherheitskontrollen und Süßigkeiten zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Ein Boxschlag, der Gesichstzüge entgleisen lässt. Eine Feuersbrunst, die eine ganze Stadt bedroht. Dieses und mehr zeigen unsere Bilder des Tages.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städte die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.