• The Wall Street Journal

Formel 1 geht in gefährliche Kurve

    Von DAVID CRAWFORD in Berlin und LAURA STEEVENS in Frankfurt
Reuters

Mercedes-Fahrer Nico Rosberg verlässt in Abu Dhabi die Boxengasse. Die Formel 1 könnte erheblich unter Druck kommen, wenn Rennsport-Veteran Bernie Ecclestone sich vor einem deutschen Gericht wegen Schmiergeldzahlungen strafrechtlich verantworten muss.

Die Formel 1, Europas teurer Rennzirkus, bekannt für schneidige Fahrer, Hightech-Autos und exotische Rennplätze, nähert sich einer gefährlichen Haarnadelkurve. In München werden die Staatsanwälte in den nächsten Wochen entscheiden, ob sie nach der Verurteilung eines deutschen Landesbankers wegen Bestechung auch den Chef der Formel-1-Verwertungsgesellschaft Bernie Ecclestone heran kriegen.

Er hat die 44 Millionen US-Dollar gezahlt, deretwegen Ex-Banker Gerhard Gribkowsky im Juni zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden ist. Käme es zu einer Anklage, müsste sich der 82-Jährige wahrscheinlich aus dem aktiven Geschäft zurückziehen, das er über Jahrzehnte als Eigner, Manager und öffentliche Person dominiert hat wie kein zweiter.

Über Ecclestone hängt ein Damoklesschwert

Seit Monaten hängt die Frage, ob sich Ecclestone vor einem deutschen Gericht verantworten muss, über dem Rennsport. Sollten die Staatsanwälte Anklage erheben, könnte es nicht nur Ecclestone selbst treffen, sondern auch die guten Beziehungen, die der Rennzirkus zu großen Sponsoren, Teams und Fans hat.

Associated Press

Rennveteran Bernie Ecclestone ist Geschäftsführer und Anteilseigner der ertragreichen Vermarktungsfirma Formula One. Der 82-Jährige bestreitet jegliche Vorwürfe gegen seine Person und sieht sich als Erpressungsopfer.

dapd

Der ehemalige BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky (Mitte) wurde im Juni wegen Bestechung, Untreue und Steuerhinterziehung zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er belastete in seinem Strafverfahren Ecclestone massiv.

dapd

Dürfte kaum amüsiert sein, wenn Bernie Ecclestone (rechts) sich vor einem deutschen Gericht verantworten müsste: Daimler-Chef Dieter Zetsche. Sein Mercedes-Team ist Vertragspartner der Formula One Group, die von Ecclestone geführt wird.

Ecclestone selbst hat in der vergangenen Woche noch einmal betont, er nehme die Anschuldigungen "sehr ernst", sei aber "absolut" unschuldig. Er hat zwar eingeräumt, vor etlichen Jahren die Summe gezahlt zu haben, allerdings sei dies nur geschehen, weil er erpresst worden sei. Gerhard Gribkowsky, der frühere Manager der BayernLB hat in seinem Strafprozess vor dem Landgericht München etwas anderes gesagt: Er sei bestochen worden.

Nach seiner Darstellung hat Gribkowsky das Geld von Ecclestone dafür bekommen, dass er dafür sorgt, dass die BayernLB ihren Anteil an der Formula One Holding an den von Ecclestone gewünschten Käufer abgibt. Gribkowsky ist bereits zu einer achteinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt worden – wegen Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung. Sein Anwalt wollte sich zu einer möglichen Anklage gegen Ecclestone nicht äußern.

Die Formel 1, bei der Spitzenrennwagen mit Geschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometern durch die Straßen von Monaco und auf anderen Rennstrecken weltweit rasen, ist nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa entstanden. Für Rennsport-Enthusiasten ist sie die Königsdisziplin, sowohl fahrerisch als auch ingenieurtechnisch.

In jedem Fall gehört die Formel 1 zu den lukrativsten Sportarten. Weltweit hat sie nach Angaben des Veranstalters und Vermarkters eine Fangemeinde von 500 Millionen Menschen, die die Rennen überwiegend an den Fernsehschirmen verfolgen. Die Formula One Holding ist das kommerzielle Herzstück des Sports. Über Tochterfirmen vermarktet sie die Fernsehrechte, veranstaltet die Rennen und handelt die Verträge mit Austragungsorten und Rennställen aus.

Die Formel 1 ist extrem profitabel

1,5 Milliarden Dollar setzte sie im vergangenen Jahr um, wie dem jährlichen Branchenbericht Formula Money zu entnehmen ist. Unter dem Strich blieben rund 500 Millionen Dollar Gewinn. Es gibt nur wenige Eigentümer der Holding. Einer davon ist Ecclestone und seine Familie.

Die Ermittlungen der Münchener Staatsanwaltschaft kommen für den 82-Jährigen und die Firma zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Eigentlich plante Formula One in diesem Jahr einen 2,5 Milliarden Dollar schweren Börsengang in Singapur. Doch der wurde auf Eis gelegt, auch wegen der drohenden Anklage gegen Ecclestone, wie Personen sagen, die mit den Planungen zum Börsengang vertraut sind.

Formula One verhandelt derzeit auch die Verträge mit den Rennteams neu. BMW, Ford, Toyota und Honda haben sich in den vergangenen Jahren wegen der immensen Kosten aus dem Renngeschäft zurückgezogen, und es steht zu fürchten, dass weitere großen Namen folgen.

Autohersteller und andere Sponsoren in der Formel 1 erwarten von ihren Partnern die strikte Einhaltung von Gesetzen. Keinesfalls wollen sie für ihren hohen Einsatz mit Korruption in Verbindung gebracht werden. Käme es zu einer Anklage gegen Ecclestone, hinge ein Schatten über dem Rennveranstalter und den Geschäftsabläufen, vermuten sportliche Insider.

Daimler als Sponsor des Mercedes-Benz-Teams zum Beispiel hat in den letzten Jahren seine Bemühungen gegen Korruption und andere Verstöße gegen Ethikrichtlinien verstärkt, sowohl innerhalb des Konzerns wie im Zusammenhang mit Partnern. 2010 schloss das Unternehmen mit US-Behörden einen Vergleich in einer Bestechungsaffäre, die allerdings nicht mit der Formel 1 zu tun hatte.

Daimler könnte Rückzug von Ecclestone fordern

Auf die Frage von Reportern, ob Daimler bei einem Strafverfahren gegen Ecclestone sein Engagement in der Rennserie überdenken würde, sagte Vorstandschef Dieter Zetsche im Sommer, sein Unternehmen verlange, dass auch die Partner die für Daimler geltenden Konzernrichtlinien einhalten. Sollte das nicht der Fall sein, müsste Daimler „die dann erforderlichen Schritte einleiten". Das gelte selbstverständlich auch für die Formel 1. Eine Daimler-Sprecherin erklärte jetzt, der Konzern erwarte im Fall Ecclestone Klarstellung und Bewertung durch die ermittelnden Behörden.

Ein Sprecher von Ferrari wollte sich zu dem konkreten Fall nicht äußern, betonte allerdings, das Rennteam habe keinen Vertrag direkt mit Ecclestone. Dessen Anwälte haben in den vergangen Wochen versucht, die Staatsanwaltschaft von einer direkten Anklage abzubringen. Der Rennzar selbst erklärte, er habe den Strafverfolgern angeboten, seinen Fall im persönlichen Gespräch zu erläutern.

Im Strafprozess gegen Gribkowsky haben die Staatsanwälte allerdings erklärt, sie glaubten, dass Ecclestone den Banker bestochen habe. Ecclestones Vermögen wurde im März vom Magazin Forbes auf 2,8 Milliarden Dollar geschätzt. Er hält an der Formula One einen Minderheitsanteil. Über ein Netz persönlicher Verbindungen und Allianzen kontrolliert er den Rennsport allerdings weitgehend.

Der Sohn eines Fischers aus England fuhr in den 1950er Jahren selbst Autorennen, ein Crash beendete jedoch seine Karriere vorzeitig. Später leitete Ecclestone einen eigenen Rennstall und war Manager für einige der erfolgreichsten Fahrer. Die finanziellen Möglichkeiten aus Sponsorverträgen und Fernsehrechten im Autorennsport erkannte er frühzeitig. Ab den 1970er Jahren machte er aus der Formel 1 eine wirtschaftlich erfolgreiche Sportveranstaltung, später wurde er deren Chef.

Seine Verbindung zu dem BayernLB-Banker Gribkowsky geht auf das Jahr 2002 zurück. Seinerzeit musste der Filmogul Leo Kirch, der 75 Prozent an Formula One besaß, Insolvenz anmelden. Die Anteile landeten bei verschiedenen Banken, aus Sicht von Ecclestone ein echtes Ärgernis.

Wie Gribkowsky gekauft wurde

Eine der Banken war die BayernLB. Zuständig für den fast 50-prozentigen Anteil an dem Autorennveranstalter war Gerhard Gribkowsky. Es dauerte nicht lange, bis er mit Ecclestone über die Führung von Formula One aneinander geriet, sagen Personen, die mit der damaligen Situation vertraut sind. Die beiden hätten sich schlicht misstraut.

Gribkowsky saß im Verwaltungsrat von Formula One. Er stand unter öffentlichem Druck, möglichst bald aus einer Beteiligung auszusteigen, die der BayernLB zugefallen war, aber so gar nicht zu ihrem Geschäftsmodell passen wollte. Doch Gribkowsky gefiel sich in der Rolle, den Rennsport zu unterstützen, sagen die Informanten.

Die Banken trafen sich unterdessen mit Ecclestone vor Gericht. Sie verlangten mehr Macht bei Formula One und bekamen sie von den Richtern zugesprochen. „Sitzungen des Verwaltungsrates glitten 2004 und 2005 nicht selten in lautstarke Auseinandersetzungen ab, bei denen sich die Teilnehmer mehr angifteten und anschrien als Entscheidungen zu treffen", erinnert sich einer der Informanten.

Ende 2005 stellte ein Londoner Geschäftsmann Ecclestone Donald Mackenzie vor, einem Partner bei der Beteiligungsgesellschaft CVC Capital Partners. Im Laufe des Mittagessens machte der Rennveteran seinem Ärger über die aktuelle Machtverteilung Luft, beschrieb die Situation als ein „Irrenhaus", wie eine Person sagte, die mit dem Fall vertraut ist.

Mackenzie sagte im Laufe des Mittagessens, er würde die Anteile der Banken gerne kaufen. Ecclestone zögerte zunächst, wurde aber überzeugt, als eine andere CVC-Gesellschaft dieses Vorgehen ebenfalls empfahl und ihm die Möglichkeit eingeräumt wurde, auch in dieser Konstellation Vorstandschef von Formula One zu bleiben.

CVC und Mackenzie dementierten, Kenntnis von jedweder Bestechung noch anderen illegalen Aktivitäten gehabt zu haben. Beide sind bislang auch nicht mit dem Vorwurf von Fehlverhalten in dem Skandal konfrontiert worden.

Hat Ecclestone sich das Schmiergeld zurückgeholt?

Die Münchener Staatsanwälte haben in dem Verfahren gegen Gribkowsky bereits erklärt, dass Ecclestone an den BayernLB-Manager herangetreten sei und ihm 50 Millionen Dollar Schmiergeld dafür geboten habe, wenn er dafür sorge, dass die BayernLB schnell an CVC Partners verkaufe. Am Ende zahlte Ecclestone 44 Millionen Dollar.

Ecclestone stellte seine Rolle vor Gericht anders dar. Gribkowsky habe ihm damit gedroht, ihn bei britischen Behörden mit der Falschbehauptung anzuschwärzen, er hinterziehe Steuern. Punkte in der Anklage gegen Gribkowsky deuten ebenfalls in diese Richtung. So soll der Bankmanager versucht haben, Ecclestone zu erpressen. Dem Rennveteran wird nicht vorgeworfen, Steuern hinterzogen zu haben.

In einem erst kürzlich veröffentlichten Telefoninterview wiederholte Ecclestone, dass Gribkowskys Vorwürfe falsch seien, ohne jedoch näher auf die Vorwürfe einzugehen.

Im Verlauf der Verhandlungen gelang es Ecclestone mit der BayernLB eine Vereinbarung auszuhandeln, wonach er für Beratungstätigkeiten bei dem Verkauf an CVC 40 Millionen Dollar von der Landesbank erhalten sollte. Dieser Vertrag wurde von Gribkowsky eingefädelt. Nun untersuchen die Strafverfolger, ob diese Zahlung am Ende dazu diente, Ecclestone für die Zahlung des Schmiergeldes an Gribkowsky freizuhalten.

Ecclestone äußerte vor Gericht, es sei bei der Zahlung darum gegangen, ihn für seine Hilfe beim Verkauf des Formula-One-Anteils an CVC zu entschädigen. Er habe sich diese Gebühr verdient.

Die BayernLB hat ihre Beteiligung am internationalen Rennsport im Jahr 2006 für 839 Millionen Dollar verkauft. Nach Angaben, die die Landesbank erst kürzlich machte, hätte der Verkaufspreis eigentlich höher ausfallen müssen. Gribkowsky habe jedoch wegen des Schmiergeldes von Ecclestone weniger akzeptiert.

Die Landesbank aus München hat Eccelstone schriftlich mit Schadensersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe konfrontiert. Der Brite hat abgelehnt und die Forderungen als unbegründet bezeichnet.

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