• The Wall Street Journal

Der Dollar ist der König - aber wie lange noch?

    Von FRANCESCO GUERRERA

Man nehme eine stotternde Erholung der US-Wirtschaft. Dazu eine der knappsten Präsidentschaftswahlen der Geschichte. Und oben drauf eine Naturkatastrophe, die den jämmerlichen Stand der Infrastruktur in einigen der reichsten Landesteilen offenbart.

Die Frage liegt auf der Hand: Wohin treiben die USA? Zurück zum einstigen Glanz in Wirtschaft und Politik, wie es Barack Obama und Mitt Romney versprechen? Oder in Richtung eines langsamen aber unaufhaltsamen Abstiegs, wie dies einige Wirtschaftsdaten oder die Folgen des Supersturms Sandy nahelegen?

dapd

Ein Element der amerikanischen Stärke: der Dollar.

Wer an das Comeback der USA glaubt, denkt gewöhnlich an immaterielle Werte wie den unternehmerischen Geist und die innovative Kraft des Landes - dazu ein paar harte Fakten wie den jüngsten Erdgasboom, der billige Energie zuhauf verspricht.

Dabei wird ein Element der amerikanischen Stärke oft übersehen. Es ist grün, es ist knackig und findet sich gewöhnlich in Ihrer Brieftasche: der allmächtige Dollar.

Der Status des Greenback als internationale Reservewährung seit dem Zweiten Weltkrieg war ein Pfeiler der amerikanischen Weltmacht. Und solange Zentralbanken Dollar horten - zur Zeit mehr als 60 Prozent der Fremdwährungsreserven - und solange sich der Welthandel auf den Dollar stützt, dürfte es Europa, China und anderen schwerfallen, die USA vom Sockel als Wirtschaftsmacht Nummer eins zu stoßen.

Die Rolle des Dollar als sicherer Hafen hat noch an Bedeutung gewonnen in einer Zeit, in der Amerika von mauem Wachstum, fiskalischer Tatenlosigkeit und einer Ratingabstufung heimgesucht wird. Tatsächlich ist der Greenback gegenüber einem Korb von sieben wichtigen Währungen um 8 Prozent gestiegen, seitdem Standard & Poor's vor 15 Monaten den USA das AAA-Rating entzogen hat.

Dagegen sind die Reservewährungen ziemlich anfällig. Ihre Kraft kann schwinden, sobald die Investoren das Vertrauen in das jeweilige Land verlieren. Über Jahrhunderte hat dies zuvor mächtige Währungen unterminiert, etwa den römischen Denar, den holländischen Gulden oder das britische Pfund.

Die Kraft des Dollar könnte schwinden

Der Dollar könnte der nächste sein, warnen einige Experten. Sie verweisen auf die lockere Geldpolitik der US-Notenbank im Gefolge der Finanzkrise sowie das Haushaltsproblem, das sich auf dem Schreibtisch des nächsten Präsidenten auftürmt. Beides zusammen könnte das Vertrauen der Investoren in den Dollar unterspülen.

"Der Dollar wurde traditionell als die bessere Währung gesehen, weil wir bei geldpolitischer Disziplin und bei Haushalts-Disziplin Spitze waren", sagt William Silber, Finanzprofessor an der New Yorker Universität. Da beides nun bedroht sei, so die Vermutung, könnte die Vorherrschaft des Dollar ein Ende finden.

Silber hat das Buch "The Triumph of Persistence" geschrieben, eine exzellente Biografie von Paul Volcker. Er wünscht sich einen Ansatz in der Tradition Volckerscher Vorstellungen. Seiner Meinung nach sollte die Zentralbank ihren antiinflationären Anspruch aufpolieren, indem sie klar sagt, dass - bei sich bessernder Konjunktur - die Zinsen rascher als erwartet steigen könnten.

Im Gegenzug würde eine solche aggressivere Ansage die Politik zu gemeinsamen Anstrengungen beim Haushalt animieren.

Anhänger dieser Theorie können auf ein historisches Beispiel verweisen: 1984. Damals begann die von Volcker geführte US-Notenbank mit Zinserhöhungen, obwohl die Arbeitslosenrate - wie heute - über 7,5 Prozent lag. (Ein wichtiger Unterschied: Damals wuchs die Wirtschaft schneller als heute.)

Volcker selbst ist da eher vorsichtig. Unlängst gefragt, ob die Lektionen der 1980er Jahre für heute passend seien, räumte er ein, es sei jetzt nicht die Zeit für Zinserhöhungen. Was allerdings den Dollar anlangt, zeigte er sich nicht so optimistisch. "Die traurige Wahrheit ist: Die Dollarstärke beruht zum Teil darauf, dass andere Währungen schlecht aussehen."

Das ist genau "das" Argument, warum man sich über ein Ende der Dollar-Vorherrschaft nicht zu sorgen braucht. Man muss sich nur umsehen: Der Euro ist in noch viel schlechterer Form, der chinesische Yuan wird nicht frei gehandelt und die Märkte für andere beliebte Währungen wie den Schweizer Franken und den Kanadischen Dollar sind einfach zu klein.

"Ich mache mir dann Sorgen über den Status des Dollar als Reservewährung, wenn wir anfangen mit dem Mars zu handeln", sagt Nathan Sheets, vormals Top-Repräsentant der Fed und heute Leiter des Bereichs Internationale Wirtschaft bei Citigroup . "Nur eine außerirdische Währung kann den Dollar anfechten."

Doch auf lange Sicht ist es keine Lösung, nur das beste Pferd im Stall zu sein, vor allem, wenn sich wirtschaftliche und politische Probleme auftürmen. John Connally, Finanzminister unter Richard Nixon, meinte einst gegenüber europäischen Ministern, der Dollar ist "unsere Währung, aber euer Problem". Heutige Politiker sollten besser die Meinung vertreten: unsere Währung, unser Problem.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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