• The Wall Street Journal

Fünf Dinge, auf die Sie in der Wahlnacht achten sollten

    Von GERALD SEIB
dapd

Wähler in Albany, US-Bundesstaat New York.

Der Präsidentschaftswahlkampf hat sich ziemlich genau so entwickelt, wie es die Cleveren in beiden Lagern von vorne herein erwartet haben: Es ist knapp und der Ausgang der Wahl wird eher davon bestimmt, wer seine Wähler am Wahltag mobilisiert als durch Wähler, die während des Wahlkampfs ihre Meinung geändert haben.

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Angesichts der klaren Lagerbildung auf beiden Seiten wurden noch nie so viele Milliarden Dollar ausgegeben, um so wenige Wähler überzeugen. Welche Faktoren werden also das Rennen entscheiden?

Hier sind die fünf Dinge, auf die Sie in der Wahlnacht achten sollten:

Wie hoch ist die Wahlbeteiligung?

Allgemein wird angenommen, dass sich eine höhere Wahlbeteiligung positiv für Präsident Barack Obama auswirkt. Fällt sie niedriger aus, ist das eine gute Nachricht für seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney.

Warum? Im gesamten Jahr hatten die Republikaner einen Vorteil, wenn es um den Enthusiasmus und die Intensität ihrer Anhänger ging. Der Enthusiasmus der Demokraten war dagegen niedriger als 2008, als Obama gewann.

Das bedeutet, dass Romney-Unterstützer – darunter Gruppen wie Evangelikale, die in einigen Gegenden ein wichtiger Faktor sind – eher geschlossen zur Wahl gehen. Fraglich ist, ob das die Unterstützer des Präsidenten auch tun werden, denn sie sind nicht mehr so begeistert wie 2008.

2008 wählten etwas mehr als 131 Millionen Amerikaner. Die Zahl wird dieses Jahr vermutlich einfach schon deshalb höher sein, weil die wahlberechtigte Bevölkerung gewachsen ist. Der Schlüssel ist daher die prozentuale Wahlbeteiligung.

Der Bauch wählt mit - Was Obama und Romney essen (müssen)

Bis Ende Oktober hatte Obama 632 Millionen Dollar eingesammelt, Romney kam auf 389 Millionen Dollar, wie Daten des Center for Responsive Politics zeigen. Zum Vergleich: 1996 traten Bill Clinton und Bob Dole noch mit Wahlkampfausgaben von jeweils etwa 35 Millionen Dollar gegeneinander an.

Vor vier Jahren lag sie bei 62,9 Prozent der Wahlberechtigten. Beobachten Sie, ob die Zahl der Wähler und ihr Anteil an den Wahlberechtigten steigt oder sinkt. Wenn er sinkt, ist das ein Zeichen dafür, dass Obama nicht so gut Wähler mobilisieren konnte wie es die Demokraten hofften.

Wie viele der Wähler sind Weiße?

Schauen Sie auf die Nachwahlbefragungen, um diese Zahl herauszufinden. In allen Umfragen vor der Wahl gewann Romney unter Weißen mit einem bequemen Vorsprung, während Obama unter der nichtweißen Bevölkerung mit großem Abstand vorne lag. Ein Schlüssel, um den Wahlausgang vorherzusagen, ist daher das Wissen darum, wie viel Prozent der Wählerschaft aus Weißen besteht.

Die besten Bilder des US-Wahlkampfs

Getty Images

Nachwahlbefragungen von 2008 ergaben, dass 74 Prozent der Wähler Weiße waren. Falls dieser Anteil beispielsweise auf 72 Prozent sinkt, ist es ziemlich klar, dass Obama gewinnen wird. Steigt er, beispielsweise auf 76 Prozent, bedeutet das, dass Romney vermutlich gewinnen wird. Bleibt der Anteil gleich, könnte es eine lange Nacht werden.

Zusatzfrage: Kann Obama 40 Prozent oder mehr der weißen Stimmen gewinnen? Wenn ihm das gelingt, wird er gut dastehen.

Was passiert in den Universitätsstädten?

Das Wahlverhalten der jungen Erwachsenen wird entweder Obamas Geheimwaffe oder seine Achillesferse. In Umfragen vor der Wahl fallen zwei Ergebnisse auf: Obama führt noch immer deutlich unter den 18- bis 29-Jährigen – aber das Interesse für die Wahl in dieser Bevölkerungsgruppe ist niedriger als vor vier Jahren.

Die Frage ist deshalb, ob sie an die Wahlurnen kommen, selbst wenn sie nicht so begeistert sind wie zuvor. Die republikanischen Wahlkämpfer glauben, dass es Obama keinesfalls gelingt, noch einmal eine ähnliche Mobilisierung unter Jungen zu erreichen, die derzeit unter den wirtschaftlichen Unsicherheiten leiden. Obama-Anhänger halten dem entgegen, dass Wahlumfragen regelmäßig den Einfluss junger Wähler unterschätzen.

Was passiert in Virginia?

Um die Wichtigkeit von Ohios 18 Wahlmännerstimmen herauszustellen, wurden tausende Tonnen von Tinte und tausende TV-Minuten verbraucht. Ohio ist in der Tat wichtig.

Weniger diskutiert wurde die Wichtigkeit Virginias. Um es einfach zu sagen: Romney wird zunächst die 13 Stimmen in Virginia holen müssen, damit die Stimmen aus Ohio überhaupt relevant werden. Nehmen wir mal an, dass Romney in North Carolina, Florida und Ohio ebenso gewinnt wie in den Swing States New Hampshire und Colorado. Ihm fehlten dann immer noch vier Wahlmännerstimmen bis zu den 270, die er benötigte, um ohne Virginia zu gewinnen.

In dieser Situation würde er in einigen Staaten gewinnen müssen, in denen er auf weniger Gegenliebe hoffen kann als in Virginia – beispielsweise Iowa, Wisconsin oder Pennsylvania, was wirklich unwahrscheinlich ist. Der Romney-Weg zum Sieg lautet daher in Wirklichkeit: Erst Virginia gewinnen, dann Ohio. Die Wahlkabinen in Virginia schließen um 19.00 Uhr Ortszeit - dann ist es bei uns in Deutschland 2.00 Uhr nachts. Der Wahlausgang dort ist also ein erster guter Indikator.

Was passiert in Schlüsselstaaten wie Ohio?

Um ein besseres Gefühl dafür zu erhalten, was in Ohio passiert, schauen Sie sich nicht nur das Gesamtwahlergebnis des Staates an. Schauen Sie auf einige Schlüsselwahlkreise.

Dante Chinni, Wahlkreisexperte beim Wall Street Journal, nennt drei. Einer ist Hamilton, der Wahlkreis von Cincinnati und ein Landkreis, den das WSJ über alle die Jahre genauestens beobachtet hat. Obama gewann ihn 2008. Er war der erste Demokrat seit 1964, dem das gelang. Er muss ihn diesmal nicht gewinnen, aber das Ergebnis sollte zumindest knapp ausfallen, damit er den gesamten Staat gewinnt.

Achten Sie außerdem auf Wood und Ottowa – zwei Wahlkreise zwischen den Städten Toledo und Cleveland, die seit 1992 immer mehrheitlich für den Sieger der jeweiligen Präsidentschaftswahl stimmten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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