• The Wall Street Journal

Ein redegewandter Visionär für Opel

    Von NICO SCHMIDT
dapd

Klare Zeichen: Karl-Thomas Neumann war bis vor Kurzem Chef der Volkswagen-Gruppe China. Jetzt soll er zu Opel wechseln und das Ruder für die GM-Tochter herumreißen.

Die Anzeichen verdichten sich: Karl-Thomas Neumann wird wohl eine der schwierigsten Aufgaben übernehmen, die die Autoindustrie derzeit zu bieten hat - die Führung von Opel. Experten sehen ihn als den Richtigen für den Job, das krisengebeutelte hessische GM-Tochter wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Heikle Situationen sei er gewohnt.

Neumann bringt Talente mit, die Opel in der derzeitigen Situation helfen könnten: Ingenieurskunst auf der einen Seite und die kommunikative Fähigkeit auf der anderen Seite, Menschen auch in schwierigen Zeiten mitzureißen. "Er ist aber ein herausragender Ingenieur mit Visionen. Und ein sehr guter Kommunikator", sagt Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Zwar habe sich Neumann bisher keinen Namen als Sanierer machen müssen, auch könne man annehmen, in Zeiten massiver Verluste brauche Opel andere Talente noch dringender. "Aber ich denke, auch Motivations- und Vermittlungstalente sind derzeit gefragt".

Lobende Worte von Analysten

Das sieht auch Analystenkollege Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse so: "Opel liegt derzeit am Boden. Was das Unternehmen braucht ist neues Selbstvertrauen, Mut und ein glaubwürdiges Bekenntnis zur Marke. All das kann Neumann vertreten". Er sei jung, bringe technologische und Produktkompetenz mit und habe einen sehr guten Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. "Neumann ist eine extrem gute Wahl für Opel – er wird gestalten, nicht abwickeln", glaubt Ellinghorst.

Die Einschätzungen zeigen: Der studierte Elektroingenieur Neumann ist ein anerkannter Branchenexperte. Eigentlich war ihm eine große Karriere bei Europas größtem Autobauer Volkswagen vorausgesagt worden. Schließlich galt er nach seiner Rückkehr von Conti nach Wolfsburg sogar als einer der Favoriten auf die Nachfolge von Konzernlenker Martin Winterkorn.

Doch dann wurde ihm im Sommer der Boden unter den Füßen weggezogen: Der 51-Jährige war bei VW seit Ende 2010 für die Landesgesellschaft in China verantwortlich – und damit eigentlich auf der Idealposition, um im Sommer das neu geschaffene Vorstandsressort für diese Region zu übernehmen.

Das bekam allerdings überraschend Jochem Heizmann, der bis dato ohne sichtbare Erfolge die VW-Nutzfahrzeugsparte weiterentwickeln sollte. Dabei hatte Neumann enormen Erfolg in China: Das Reich der Mitte wurde unter seiner Ägide Volkswagens wichtigster Absatzmarkt. Die Wolfsburger wuchsen in dem vergangenen Jahren stets deutlich stärker als der weltgrößte Automobilmarkt, alleine im bisherigen Jahresverlauf um knapp ein Fünftel. Mittlerweile geht mehr als jedes vierte weltweit verkaufte Auto aus dem Volkswagen-Konzern an einen Chinesen.

Bei Volkswagen im Sommer abserviert

Trotz des großen Erfolgs Neumanns musste er seine Position räumen. Bei VW hieß es, man suche nach neuen Aufgaben im Konzern für ihn. Über die Gründe für seinen Abschuss wurde offiziell nie etwas bekannt. In Medien war allerdings die Rede davon, dass er bei Winterkorn und Konzernpatriarch Ferdinand Piech in Ungnade gefallen war, weil er sich zu sehr auf die Selbstvermarktung konzentriert und Qualitätsprobleme zu verantworten hatte.

"Es war schon überraschend und ist bis heute nicht ganz nachvollziehbar, warum er geschasst wurde", sagt Analyst Pieper mit Blick auf die Ereignisse aus dem Sommer noch heute. Neumann selbst meldete sich nie in der Sache zu Wort, es war aber klar, dass er bei nächstmöglicher Gelegenheit wohl gehen würde.

Der Familienvater und passionierte Marathonläufer Neumann blickt auf eine steile Karriere zurück. Nach dem Studium der Elektrotechnik in Dortmund promovierte der gebürtige Niedersachse an der Uni Duisburg. Bereits mit Anfang 30 wurde er bei Motorola Leiter des weltweiten strategischen Marketings für den Automobilmarkt. Kurz vor der Jahrtausendwende kam der charismatische Manager zu Volkswagen und stieg schnell zum Leiter der Konzernforschung auf.

2004 wechselte er zum Zulieferer Continental, wo er die Milliardenübernahme der Automotive-Sparte von Siemens (VDO) wesentlich mit vorantrieb, durch die die Hannoveraner zum zweitgrößten deutschen Zulieferer aufstiegen. Im Herbst 2008 übernahm Neumann den Vorstandsvorsitz bei Conti - nur weniger Monate nach dem Einstieg Schaefflers und der offiziellen Abgabe des Übernahmeangebots.

Steile Karriere bei VW und Conti

Wegen Streitigkeiten mit dem Mehrheitseigner bekleidete er das Amt allerdings nur ein gutes Jahr und nahm dann im Unfrieden seinen Hut. Neumann hatte den Franken öffentlich vorgeworfen, sie lähmten Conti mit ihrer Hinhaltetaktik. Auch wenn er letztlich seinen Stuhl räumen musste, habe er sich damals in einer schwierigen Situation bei Conti gut behauptet, meint Analyst Pieper.

Wenige Monate später wechselte Neumann wieder zurück nach Wolfsburg, wo er bis heute auf dem Gehaltszettel steht. Würde er zu Opel wechseln, wäre er nicht der erste VW-Manager, den es nach Hessen zieht. Opel hat bereits die Volkswagen-Manager Michael Lohscheller und Alfred Rieck nach Rüsselsheim gelockt. Lohscheller verantwortete die US-Finanzen von VW, Rieck als Vizepräsident das Chinageschäft und baute dort die Marke Skoda auf.

Für Neumann könnte der Chefposten bei Opel die letzte Chance sein, im ganz großen Automobilgeschäft mitzumischen. Seine neue Aufgabe wäre alles andere als einfach. Das Europageschäft um Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall ist seit Jahren das Sorgenkind der US-Mutter General Motors. Allein seit der Jahrtausendwende fiel ein zweistelliger Milliardenverlust auf dem alten Kontinent an, in diesem Jahr könnten weitere 1,5 Milliarden US-Dollar dazukommen. Der für Opel einzig entscheidende europäische Automarkt schrumpft - und wird dies wohl auch weiter tun.

Opels Chefsessel glich in den vergangenen Jahren einem Schleudersitz: Seit dem gescheiterten Verkauf der Marke Ende 2009 hatte das Unternehmen drei Vorstandschefs - zunächst die glücklosen GM-Veteranen Nick Reilly und Karl-Friedrich Stracke und jetzt - übergangsweise - Strategiechef und Ex-Unternehmensberater Thomas Sedran. Fast 20 Chefs hat Opel seit Kriegsende verschlissen, alleine in diesem Jahr wurde nahezu die ganze Führungsriege ausgetauscht. Etwas Kontinuität täte sicher gut - Opel selbst, aber auch Karl-Thomas Neumann.

Write to Nico Schmidt at nico.schmidt@dowjones.com

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