• The Wall Street Journal

Virtuelle Umkleide für den Onlineshop

    Von STEPHAN DÖRNER

So manches Start-up tritt an, um eine Revolution auszulösen. Nur selten gelingt das – oft verläuft die angebliche Revolution im Sande. Upcload allerdings ist ein Start-up, dem nicht wenige tatsächlich eine Revolution zutrauen: Das Berliner Unternehmen erlaubt Kunden die Erfassung der eigenen Kleidergröße per Webcam, um online passende Kleidung zu finden.

Upcload

Upcload-Nutzerin vor der Webcam. Die CD dient als Referenzgröße.

Etwa 55 Milliarden Euro pro Jahr werden hierzulande laut Handelsverband Deutschland mit Bekleidung und Textilien umgesetzt – etwa 8 bis 10 Prozent davon online. Internet-Versandhändler wie Amazon, Zalando oder Otto.de sind gegenüber dem Einzelhandel im Vorteil, weil sie keine teuren Verkaufsflächen in den Innenstädten betreiben müssen. Andererseits kommen so auch Kunden auf dem Land in den Genuss eines bequemen Einkaufs von Kleidung.

Doch die fehlende Umkleide ist für Händler und Kunden ein Nachteil. Kleidung ist eben etwas anderes als ein Buch – sie kann passen oder auch nicht. Laut Stiftung Warentest werden fast 29 Prozent der online gekauften Kleidung zurückgeschickt.

Deutsche Rücksendequote besonders hoch

Laut dem Regelwerk des deutschen Fernabsatzgesetzes können Kunden ihre Kleidung wieder einschicken, der Händler trägt die Kosten dafür. Für den Kunden bedeutet es trotzdem Ärger und Zeitaufwand, der Händler ärgert sich über Kosten statt Gewinn. „In Deutschland ist die Rücksendequote im europäischen Vergleich am höchsten", sagt ein Sprecher des Online-Versandhändlers Zalando. „Der Deutsche ist eben eher Impulskäufer, während sich der Franzose oder Italiener erst einmal alles genau anschaut". Bei Zalando beschäftigt sich eine eigene Entwicklungsabteilung mit der Thematik, die Rücksendequote zu reduzieren. Konkrete Zahlen wollen weder Zalando noch Otto oder Amazon nennen.

Upcload könnte ihnen Erleichterung bringen. Maximal fünf Aufnahmen mit der Webcam sollen nach Angaben des Berliner Start-ups ausreichen, damit der Kunde komplett vermessen ist – vom Halsumfang bis zur Schuhgröße. Das Ganze dauert etwa zehn Minuten. Eine vom Kunden in die Kamera gehaltene CD dient als Referenzgröße für das System, um Körpermaße und Abstand zur Kamera korrekt einzuschätzen.

Upcload

Die beiden Upcload-Gründer Sebastian Schulze (links) und Asaf Moses.

Sind die Maße erfasst, werden diese im persönlichen Account des Nutzers gespeichert, der diese dann bei allen Onlineshops nutzen kann, die das Verfahren unterstützen – und so genau die Kleidergrößen aussuchen, die passen. „Die Kunden haben Ihre Körpermaße wie ein Rucksack immer mit dabei und erhalten für die Produkte, die unterstützt werden, die passende Größe angezeigt", erklärt Sebastian Schulze das Prinzip. Er hat das Unternehmen vor rund zweieinhalb Jahren zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Asaf Moses geründet. Die beiden hatten sich während ihres Studiums an der Humboldt-Universität in Berlin kennengelernt, im Februar 2012 ist Upcload in Deutschland an den Start gegangen.

Otto.de setzt auf Upcload

Weit über 10.000 Nutzer haben sich nach Angaben des Unternehmens bereits bei dem Service angemeldet, der mit verschiedenen Onlineshops zusammenarbeitet – darunter seit Anfang August dieses Jahres auch die Website des deutschen Traditions-Versandhauses Otto. „Upcload bietet einen besonders innovativen Lösungsansatz für die vermutlich größte Herausforderung, mit der Kunden beim Online-Modekauf konfrontiert sind: Es gibt keine Umkleidekabine", sagt Thomas Schnieders, Direktor für E-Commerce bei Otto. Zunächst wird Upcload bei mehreren hundert Artikeln der Eigenmarke Melrose und der Outdoor-Marke The North Face eingesetzt. „Wir möchten mit dem Testlauf frühzeitig herausfinden, wie das Beratungstool bei den Kunden ankommt und wo noch Verbesserungsbedarf besteht", sagt Schnieders. Mehrere tausend Shopper, die Upcload genutzt haben, hätten den Artikel schließlich auch bestellt.

Für die Fotos muss der Kunde am besten enge Kleidung tragen. Ein heller Raum und ein homogener Hintergrund sind optimal. „Die Messlatte legen wir absichtlich hoch, tatsächlich funktioniert es aber auch schon unter schlechteren Bedingungen", sagt Schulze. „Wir haben im Vorfeld sehr viel getestet und festgestellt, dass 98 Prozent der Nutzer die Voraussetzungen erfüllen.

Die technische Umsetzung war dabei laut dem Gründer alles andere als trivial. „Wir haben sehr lange an der Software entwickelt. Webcams machen Bilder, die wesentlich schlechter aufgelöst sind als die von Smartphones oder Digitalkameras und man hat mit einer Menge Kleinigkeiten Probleme, zum Beispiel, dass starke Schatten entstehen", erklärt der Gründer. Um die Lösung umzusetzen, holte sich das Start-up daher die Hilfe von Experten aus Israel, die schon viel Erfahrung mit Objekterkennungsverfahren gesammelt haben – beispielsweise im medizinischen Bereich.

Experten-Technik aus Israel

„Asaf kommt aus Israel und hat bis 2008 in der israelischen Botschaft in Berlin gearbeitet – dort war er auch mit wirtschaftlichen Partnerprogrammen betraut. Daher hatte er Zugriff auf eine Datenbank mit israelischen Unternehmen, die Expertise in dem Gebiet haben" erklärt Schulze. Heute arbeiten vier Techniker in Israel für Upcload, die sich um die Verbesserung des Messverfahrens kümmern.

Damit die Technik funktioniert, hat das Unternehmen unter anderem eine Studie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin durchführen lassen, bei dem das System gegen professionelle 3D-Körperscanner und Menschen antrat, die die Maße nahmen. Danach wurden die verschiedenen Messungen auf Abweichungen untersucht. Die besten Ergebnisse mit den geringsten Abweichungen erreichten die 3D-Körperscanner – doch Upcload war immer noch präziser als die von Menschen genommenen Maße. Auch unabhängige Tests von Medien wie „Spiegel Online" bestätigten die guten Resultate. „Upcload kann sogar dazu verwendet werden, Maßhemden und Maßanzüge anfertigen zu lassen", sagt Schulze.

Nicht alle Kunden wollen die Webcam nutzen

Nicht alle Kunden wollen sich auf diese Art vermessen lassen. Es gibt Menschen, die keine Webcam haben oder das Ganze mit dem iPad machen wollen und damit kein Flash-Plugin haben, das für Upcload notwendig ist. Upcload hat daher die bereits per Webcam erfassten Daten anonymisiert ausgewertet und dabei starke Korrelationen zwischen den Maßen einerseits und Gewicht sowie demografischen Daten wie Alter, Größe und Geschlecht andererseits festgestellt.

Die Nutzer haben damit die Möglichkeit, ihre Maße anhand dieser Daten schätzen zu lassen. In den kommenden Wochen sollen noch zwei weitere Optionen dazukommen: Dann soll es die Möglichkeit geben, Kleidungsstücke vergleichen zu lassen sowie eine verbesserte, außerdem soll eine persönlichere Version der gegenwärtigen Größentabellen kommen. Etwa die Hälfte der Upcload-Nutzer bevorzugt derzeit noch die Schätzmethode statt der genauen Vermessung per Webcam.

Ob die Kunden von der Webcam-Methode Gebrauch machen, hängt stark von dem Onlineshop und dessen Kunden ab, in dem Upcload genutzt wird. „Wir haben momentan natürlich noch viele Early Adopter, die technikaffin sind und das gerne machen", sagt Schulze. „Bei einigen Onlineshops ist die Webcam-Nutzung höher – bei Otto.de beispielsweise – wird eher die Schätz-Variante bevorzugt." Auch mit dieser Funktion sei die Zahl der Stornierungen deutlich geringer.

Kulturelle Unterschiede zwischen USA und Deutschland

In den USA experimentiert das Unternehmen ebenfalls mit Upcload. Dort sind Kunden offener für die Technik. „In den USA haben wir festgestellt, dass die Menschen noch mehr von neuen Dingen begeistert sind", sagt Schulze. Kommendes Jahr soll die Technologie dann offiziell „mit einigen Top-Shops" in den USA eingeführt werden, sagt Schulze. „Wir sind sehr gespannt, wie das dort angenommen wird."

Auch Datenschutzbedenken spielen in den USA – ganz im Gegensatz zu Deutschland – keine Rolle, sagt Schulze. Deutsche Nutzer beruhigt er damit, dass alle Daten verschlüsselt übertragen würden und die Bilder gelöscht werden. Nur die Körpermaße blieben in verschlüsselter Form gespeichert.

Geld verdient das Unternehmen durch Gebühren, die die Online-Händler zahlen. Sie zahlen nur, wenn die Kunden das System tatsächlich nutzen. Für Marketing gibt das Unternehmen kaum Geld aus. „Wir haben den Vorteil, dass wir auf den Seiten der Shops sind und daher die Besucher kommen", erklärt Schulze.

Upcload setzt sich damit von den typischen Start-ups der Berliner Szene ab. In der Hauptstadt sind bislang vor allem Webdienste aus dem Bereich der Kommunikation und Unterhaltung groß geworden. Zu den bekanntesten Berliner Start-ups gehören beispielsweise der Musikdienst Soundcloud und das soziale Bewertungsportal Amen. Viele Unternehmen sind auch Kopien von Geschäftsmodellen aus den USA wie beispielsweise der Online-Händler Zalando oder die beiden privaten Berliner Wohnungsvermittler 9Flats und Wimdu.

Upcload dagegen ist einzigartig – auch Branchenexperten kennen keine vergleichbare Lösung. In den USA gibt es Anbieter von 3D-Körperscannern, welche die Geräte direkt in den größten Einkaufszentren aufstellen. Ebenfalls in den USA ist außerdem das Start-up True Fit aktiv, das einen anderen Ansatz verfolgt: Das Unternehmen analysiert, welche Kleidung, die der Kunde bereits besitzt, besonders gut passt – und kann darauf basierend dann ähnliche Anziehsachen vorschlagen, die vermutlich ebenfalls gut passen werden.

„Wir haben noch keinen Cent für Büroräume bezahlt"

Derzeit 18 Mitarbeiter arbeiten für Upcload, die meisten davon in Berlin. 15 Investoren sind bereits an Bord. Neben den Umsätzen und dem Geld der Investoren finanzierte sich Upcload durch öffentliche Fördermittel und Start-up-Wettbewerbe. „Es gibt sehr viel öffentliche Unterstützung, gerade hier in Berlin", sagt Schulze. „Wir haben beispielsweise noch nie einen Cent für Büros bezahlt. Hier profitieren wir von der Humboldt-Universität, an der Asaf und ich studiert haben und einem Stipendium der Beuth Hochschule". Mehr als 60.000 Euro habe das Unternehmen außerdem bereits durch Gewinne bei Start-up-Wettbewerben eingenommen. „In einer sehr frühen Phase kann man sich durch Preisgelder sehr gut finanzieren, wenn man nur eine Idee hat."

Inzwischen ist Upcload darauf nicht mehr angewiesen. Wie Schulze berichtet, verhandelt das Unternehmend derzeit mit weiteren großen Shop-Betreibern – Ende des Jahres darf er mehr verraten. Upcload will sich nun vor allem darauf konzentrieren, das Produkt weiter zu verbessern. „Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, was wir haben", sagt der Gründer. „Wir wissen, dass Konkurrenten an ähnlicher Technik arbeiten – das ist ein großer Markt."

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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