• The Wall Street Journal

Die Commerzbank muss weiter überzeugen

    Von ALEXANDRA EDINGER

Die Commerzbank versinkt scheinbar weiter in der Bedeutungslosigkeit. Schneller als von Experten erwartet hat sich das Bankhaus aus der Gruppe der global systemrelevanten Finanzinstitute, im Jargon G-SIFI, herausgespart. Damit muss Bank-Chef Martin Blessing jetzt bankenrechtlich weniger Kapital vorhalten.

Doch im harten Wettbewerb der Banken messen die Märkte die Commerzbank weiterhin an den strengsten Eigenkapitalrichtlinien. Denn die Kunden suchen sich eine möglichst sichere Bank mit starkem Eigenkapital - die beste gewinnt. Und da bleibt das Rätselraten um die künftige Strategie von Deutschlands zweitgrößter Bank. Wenn die Bank nächste Woche ihre Strategie vorstellt, wird sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, wo denn vor allem im Privatkundengeschäft mehr Erträge herkommen sollen, um das Eigenkapital zu stärken.

Reuters

Die Commerzbank-Zentrale in Frankfurt. Wohin der Weg der zweitgrößten deutschen Bank führt, wird Commerzbank-Chef Martin Blessing in der nächsten Woche überzeugend darlegen müssen.

Dass die Bank so schnell an Bedeutung verliert, hat kaum jemand erwartet. „Dass die Commerzbank schon jetzt von der Liste der global systemrelevanten Banken fällt, ist etwas überraschend", sagt Ingo Frommen, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg.

Dabei ist die Entscheidung des in Basel ansässigen Finanzstabilitätsrats, die Commerzbank nicht mehr zu den wichtigsten Banken der Welt zu zählen, zunächst einmal positiv. Schließlich bedeutet sie, dass die Bank den zusätzlichen Kapitalpuffer von bis zu 3,5 Prozent nicht vorhalten muss, der unter der neuen Bankenregulierung vorgesehen ist. Hier hat die Deutsche Bank als eine der vier risikoreichsten Institute der Welt am Donnerstag einen zusätzlichen Puffer von 2,5 Prozent aufgebrummt bekommen.

Schutz des deutschen Staates ist der Commerzbank sicher

Zudem bleibt die Commerzbank in Deutschland wichtig. Die deutsche Bankenaufsicht Bafin zählt die Frankfurter weiterhin zu den „um die 15" Instituten, die dauerhaft für Deutschland systemrelevant sind. Obwohl die Commerzbank also international nicht mehr als „too-big-to-fail" angesehen wird, genießt sie weiterhin die schützende Hand von Vater Staat im Gewand des Bankenrettungsfonds Soffin – ein rascher Rückzug der Bundesregierung deutet sich nicht an. Das hat Vorteile: Die Refinanzierung am Markt ist deutlich günstiger, schließlich müssen Investoren sich nicht vor einer plötzlichen Insolvenz à la Lehman fürchten.

Und trotzdem kann die Bank vor der Problematik Eigenkapitalquote nicht ganz die Augen verschließen. Denn es sind die Investoren, die inzwischen kräftig Druck auf die Finanzbranche ausüben. Während sich die Regulierungsbehörden über Kernkapitalquoten und Risikopuffer Gedanken machen, die nach derzeitigen Planungen erst 2019 komplett eingeführt sein sollen, ist ihnen der Markt mal wieder einen Schritt voraus. „Investoren fordern jetzt schon 10 Prozent harte Kernkapitalquote nach Basel III fully loaded", erklärt Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck. „Da ist es dann egal, ob die Bank ein SIFI ist oder nicht", ergänzt Frommen.

Hier haben beide deutschen Vorzeigebanken noch Nachholbedarf: Die Commerzbank will zum 1. Januar 2013 bei voller Anwendung der Basel-III-Regeln 7,7 Prozent erreichen. Bei der Deutschen Bank sind es zum gleichen Stichtag 7,2 Prozent, erst Ende März 2015 will der deutsche Branchenprimus auf über 10 Prozent klettern. Beckers Urteil zu dieser Entwicklung: „Deutsche Banken gelten international generell als unterkapitalisiert."

Nötige Kapitalquote orientiert sich am Markt

Auf Grund dieser Zahlen sieht Frommen nicht, dass der Verweis in die zweite Bankenreihe Commerzbank-Chef Blessing mehr Spielraum bei seiner Strategieplanung lässt. „Bei der harten Kernkapitalquote wird sich die Commerzbank mit der Konkurrenz messen müssen." Um aber überhaupt weiter bei den großen Bankhäusern mitspielen zu dürfen, braucht das Frankfurter Bankhaus einen Plan.

„Die Bank muss die richtige Balance finden zwischen Abbau von Risiko, Eigenkapital und Erträgen", erläutert Frommen seine Erwartung an die neue Strategie der Commerzbank. Bei den Erträgen treibt insbesondere das Geschäft mit den Privatkunden Blessing die Sorgenfalten auf die Stirn. Hier war es im zweiten Quartal die Direktbanktochter comdirect, die der Commerzbank zu einem mageren operativen Gewinn von 14 Millionen Euro in dem Kernbanksegment verhalf. Dabei sollte insbesondere dieser Bereich von der Fusion mit der Dresdner Bank profitieren.

Seit deren Übernahme – also gut drei Jahre – bastelt die Commerzbank an diesem Segment herum. Ein Vorstoß zur Öffnung der Filialen auch am Samstag scheiterte am Wiederstand des Betriebsrats. Nun will Blessing aber offenbar das Thema noch mal aufgreifen. In den Medien wird diskutiert, dass ein Teil der neuen Strategie darin bestehen wird, dass die Bankfilialen flexiblere Öffnungszeiten bieten und eben auch samstags geöffnet sind.

Privatkundengeschäft muss effizienter werden

Zudem soll kostengünstiger gearbeitet werden: bis zu 1.800 Stellen könnten in dem Bereich wegfallen. Auch 300 bis 400 Filialen stehen nach Informationen des Wall Street Journal Deutschland momentan auf dem Prüfstand. Der Plan scheint außerdem vorzusehen, dass mehr Kunden über ein erweitertes Online-Angebot erreicht werden sollen.

Nach einem großen Wurf sieht das auf den ersten Blick nicht gerade aus, aber Martin Blessing hat schon beim Stopfen der von der Europäischen Bankenaufsicht EBA ermittelten Kapitallücke bewiesen, dass man auch mit vielen kleinen Veränderungen ans große Ziel gelangen kann.

Beim Privatkundengeschäft hören die Probleme von Blessing aber noch nicht auf. Wenn schon die Einnahmen nicht sprudeln, müssen vielleicht die risikobehafteten Geschäfte heruntergefahren werden, die Eigenkapital binden. Und hier schlummern nach Ansicht von Analyst Becker noch erhebliche Risiken in der Bilanz. Er bemängelt, dass rund ein Drittel der Bilanzsumme in der Bad Bank der Commerzbank liegt. Laut Frommen sind das rund 61 Milliarden Euro an risikogewichteten Anlagen.

Das Kerngeschäft ist schon definiert

Die Bank hat den Abbaubereich mit dem klangvollen Namen „Non Core Assets" versehen. Darin enthalten sind die Staatsfinanzierung und die gewerbliche Immobilienfinanzierung aus der Tochter Eurohypo, die sich in der Abwicklung befindet. Außerdem wurde hier die gesamte Sparte Schiffsfinanzierung sowie die öffentlichen Infrastrukturinvestitionen der Commerzbank in Höhe von 1,5 Milliarden Euro abgeladen. „Die RWA haben bei der Commerzbank noch einen gewaltigen Umfang", urteilt Frommen.

Positiv bewertet der Analyst, dass die Commerzbank sich zumindest schon klar geäußert hat, was zum Kerngeschäft zählt und welche Geschäftsfelder sie nicht weiter verfolgen will. Zum Kerngeschäft gehört demnach neben dem Privatkundensegment die Mittelstandsbank, das Engagement in Mittel- sowie Osteuropa und die Investmentbank. Weg soll dagegen alles, was in der Bad Bank steckt. Um die hier lagernden Portfolien „wertschonend" – wie die Commerzbank nicht müde wird zu betonen – abzubauen, werden Blessing und sein Team sich einiges einfallen lassen müssen.

Was genau, da warten die Analysten auf die Antworten des Vorstands am 8. November. Für Frommen ist jedenfalls sicher: „Da hat die Commerzbank noch einen langen Weg vor sich." Insbesondere Schweizer Banken gehen wesentlich offensiver mit dem Thema um. Aber radikale Umbaumaßnahmen wie bei der UBS sind von den Frankfurtern nicht zu erwarten.

Kontakt zum Autor: Alexandra.Edinger@dowjones.com

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