• The Wall Street Journal

Die ganz reale Hölle der virtuellen Bitcoin-Schürfer

    Von JOE LIGHT

Aubrey McIntosh schürft in seiner Freizeit nach Bitcoins. Wie der Chemieprofessor in Altersteilzeit feststellen musste, ist die Förderung der Währung sehr anstrengend - trotz der virtuellen Natur des Zahlungsmittels, und selbst wenn der Computer bei diesem Vorgang die Hauptlast trägt.

Immer mehr Anhänger der digitalen Währung, die sich jeglicher Regulierung entzieht, setzen leistungsstarke Computer dazu ein, um virtuelle Bitcoin-Geldeinheiten zu schöpfen. McIntosh hat seinen Spezialrechner im Keller seines Hauses in Morris im US-Bundesstaat Minnesota untergebracht. Die Maschine, die eigens dafür angefertigt wurde, um Bitcoins ausfindig zu machen, habe etwa 1.500 Dollar gekostet, erzählt der Professor. Er habe den Computer dort unten direkt neben den Schornsteinzug gestellt, damit all die Hitze, die er erzeugt, besser entweichen kann.

Aubrey McIntosh

So sieht ein Bitcoin-Schürfer aus - im Keller von Aubrey McIntosh.

„Der klingt wie ein Flugzeugträger", seufzt McIntosh. Seitdem er den Rechner angeschaltet hat, habe sich seine Stromrechnung in etwa verdoppelt.

Wer gern der haptischen Wahrnehmung frönt, wird mit dieser Form des Geldes nicht viel anfangen können - denn Bitcoins sind nichts zum Anfassen. Man kann sie nicht in die Tasche stecken, nicht damit klimpern und schon gar nicht darin baden. Die mit dem Sammelbegriff Bitcoin bezeichnete, virtuelle Währung wurde 2009 von einer Person oder einer Gruppe ersonnen, die unter dem Namen „Satoshi Nakamoto" bekannt wurde. Keine Regierung der Welt steht hinter dem Zahlungsmittel. Die Geldeinheiten existieren ausschließlich online, werden aber gelegentlich gegen reale Waren und Dienstleistungen eingetauscht. Eingeweihte Nutzer schicken einander Bitcoins zu, indem sie sich digitaler Adressen bedienen.

Wordpress und Okcupid akzeptieren Bitcoins

Bisher akzeptieren nur wenige Händler Bitcoins als Zahlungsmittel. Doch ihre Zahl steigt. So nehmen zum Beispiel die Blogging-Plattform Wordpress und die Internetpartnervermittlung Okcupid Bitcoins für ihre Dienste entgegen. Außerdem können Nutzer auf Devisenbörsen ihr virtuelles Geld gegen Dollar oder andere reale Währungen eintauschen.

Bitcoins werden in einem dezentralisierten Netzwerk von Computern geschöpft, die sich Lösungen für ein mathematisches Rätsel ausdenken. Als Teil dieses Prozesses verfolgen die Schürfer alle Transaktionen auf dem Bitcoin-Netz nach und verifizieren sie. Bitcoins stellen also eine Art Vergütung dafür dar, dass sie bei den Transaktionen sozusagen Buch führen. Je schneller das Computersystem eines Nutzers im Verhältnis zum Rest des Netzwerks Lösungen finden kann, desto größer ist die Chance, dass dieser Nutzer Bitcoins zugeteilt bekommt.

Um sich gegen die Konkurrenten durchsetzen zu können, ist ein leistungsstarker Computer notwendig. So mancher Bitcoin-Sucher steckt Abertausende in maßgeschneiderte „Fördertürme" und nimmt in Kauf, dass sich die Stromrechnung verdreifacht und sich die Zimmertemperatur um zwanzig Grad oder mehr aufheizt. Für einige Minenarbeiter ist die Entlohnung bisher rein virtuell geblieben. Andere horten entweder ihre Bitcoins oder sie tauschen sie auf Online-Börsen gegen traditionelle Währungen ein. Zuletzt wurde ein Bitcoin an der Tokioter Devisenbörse Mt. Gox - einem der größten Bitcoin-Tauschplätze weltweit - für rund 135 Dollar gehandelt.

Bitcoin-Rechner.

Die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss, die vor allem wegen ihres Kampfes mit Mark Zuckerberg um die Inhaberschaft von Facebook bekannt wurden, haben jüngst vorgeschlagen, einen an der Börse gehandelten Fonds aufzulegen, um die Bitcoin-Währung abzubilden. Noch haben die zuständigen Wächter über das virtuelle Geld nicht mitgeteilt, ob sie dem Plan zustimmen.

Für ihn sei bei der Bitcoin-Erzeugung bisher mehr herausgesprungen, als er dafür ausgegeben habe, erzählt Chemieprofessor McIntosh. Im weiteren Familienkreis allerdings versuche er, das Thema zu meiden. „Ich denke, das ganze Bitcoin-Konzept würde sie in Alarmstimmung versetzen."

Das System ist so angelegt, dass niemals mehr als etwa 21 Millionen Bitcoins geschöpft werden können. Bisher wurden etwa 11,7 Millionen Einheiten erzeugt. Zu holen sind damit also nur noch rund 9,3 Millionen virtuelle Geldstücke.

Grafikkarten statt PC-Hardware

Angesichts der drohenden Verknappung hat ein Rüstungswettlauf eingesetzt. Die ersten Schürfer hatten sich im Jahr 2009 noch auf herkömmliche Standardcomputer verlassen. Bis 2011 hatten sie allerdings herausgefunden, dass Computergrafikkarten, die normalerweise für die Wiedergabe von Grafiken in Videospielen eingesetzt werden, die nötigen Kalkulationen schneller hinter sich brachten. Mittlerweile verkaufen neu gegründete Hardware-Unternehmen elektronische Fördertürme, die keinen anderen Zweck haben, als Bitcoins ausfindig zu machen.

David Perry ist so eifrig in den Bitcoin-Minen unterwegs, dass der 30-jährige Software-Entwickler aus Las Vegas eine zweite Klimaanlage für seine 65 Quadratmeter große Wohnung kaufen musste. Er wollte nicht Gefahr laufen, auf der Jagd nach den virtuellen Münzen einem Hitzschlag zu erliegen. Im Sommer letzten Jahres sei seine Stromrechnung auf monatlich 700 Dollar nach oben geschnellt, sagt er. Das sei mehr als das Fünffache dessen gewesen, was er normalerweise bezahle. In seinem Bitcoin-Förderturm steckten 14 Computergrafikkarten, die damals zu den effektivsten Werkzeugen gezählt hätten, die für die Bitcoin-Erkundung zur Verfügung standen.

Bitcoins - Virtuelles Geld

Was sind Bitcoins? Bitcoins sind eine virtuelle Währung im Internet, deren Geldmengenwachstum technisch begrenzt ist. Die Währung wird nicht zentral ausgegeben, sondern von sogenannten „Bitcoin Minern" mittels Software und meist Grafikkarten-Prozessoren errechnet. Dazu werden Algorithmen eingesetzt, die sonst bei der Verschlüsselung von Daten eingesetzt werden – so genannte Kryptografie. Der Wert der Währung kletterte in Dollar und Euro gemessen jüngst von einem Höchststand zum nächsten. Eine Reihe von Online-Läden wie der beliebte Blog-Dienst Wordpress.com akzeptiert inzwischen Bitcoins als Zahlungsmittel. Auch in immer mehr Szeneläden kann mit Bitcoins bezahlt werden, beispielsweise in Berlin. Bitcoins ermöglichen virtuellen Währungstransfer über das Internet vorbei an jeder Kontrolle von Banken oder Behörden. Dabei wird eine geringe Transaktionsgebühr fällig, die einem anderen Teilnehmer des Netzwerks gutgeschrieben wird, der die Transaktion ermöglicht. Bitcoins können bei Onlinehändlern gegen Währungen wie Dollar und Euro getauscht werden. Jeder Nutzer besitzt eine digitale Geldbörse, die „Wallet" genannt wird. Die Wallet lässt sich nicht namentlich zuordnen – wohl aber sämtliche Transaktionen zwischen den Wallets.

Wie funktionieren Bitcoins? Die Bitcoin-Szene ist eng mit der Hacker- und Cypherpunk-Szene verwoben. Als Cypherpunk werden technisch versierte Menschen bezeichnet, die sich für die Nutzung von Verschlüsselung für erhöhten Datenschutz in der elektronischen Kommunikation einsetzen. Dem Hacker-Ideal entspricht die Tatsache, dass es bei Bitcoins keine zentrale Autorität gibt. Das Geldmengenwachstum reguliert sich selbst durch die Miner, die neue Bitcoins errechnen, bis die im Bitcoin-Protokoll festgelegte Höchstgrenze von 21 Millionen erreicht wurde. Je mehr Bitcoins errechnet wurden, desto mehr Rechenkraft muss für neue Bitcoins aufgewendet werden. Experten gehen davon aus, dass die Geldmenge daher mit der Zeit immer langsamer wachsen wird – trotz enormer Fortschritte bei der Computerrechenkraft. Gestartet hat die Bewegung ein Hacker, der sich selbst Satoshi Nakamoto nennt. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt.

Was spricht gegen Bitcoins? Kritiker des Konzepts verweisen auf Sicherheitsprobleme und technische Risiken. Mehrfach schon wurden größere Summen Bitcoins durch Hackerangriffe auf Websites gestohlen, die mit Bitcoins gehandelt haben. Ein technisches Problem ist, dass auf dem Computer jedes Nutzers, der eine beliebige Menge Bitcoins besitzt, die Transaktions-Historie sämtlicher Bitcoins gespeichert werden muss, die je den Besitzer gewechselt haben. Schon heute ist diese Datei mehrere Gigabyte groß – und wächst jeden Tag weiter. Alleine das dürfte den Durchbruch von Bitcoins zu Massenwährung behindern. Weiterhin bestehen Sorgen, dass Bitcoins zu illegalen Geschäften im Internet verwendet werden, weil sie eine Art Online-Bargeld darstellen. US-Bundesbehörden haben deshalb bereits klargestellt, dass auch für Firmen, die virtuelle Währungen tauschen, die Geldwäschegesetze der USA gelten. Im schlimmsten Fall könnten Bitcoins in einigen Staaten sogar verboten werden. Der Wert von Bitcoins ist in den vergangenen Jahren zwar explosionsartig gestiegen - aber auch sehr volatil.

Für seine Hardware-Investitionen über 2.500 Dollar sei er zwar inzwischen "um mehr als das Zehnfache" in Bitcoins entschädigt worden, selbst nach Berücksichtigung der Stromkosten. Seine Frau stehe seinem Treiben aber nach wie vor skeptisch gegenüber. "Es wurde so heiß, dass wir merkten, dass wir in unserer ganz persönlichen Hölle lebten", erinnert sich Perry, der jetzt einen Blog zu Bitcoin-Förderwerkzeugen verfasst.

Höllenhitz durch Bitcoin-Hardware

Der Software-Entwickler Daniel Mross hat jüngst dem Bitcoin-Bergbau den Rücken gekehrt. Nach zwei Jahren intensiven Schürfens hat der 35-Jährige aus Pittsburgh seinen Förderturm still gelegt. Als ihn das Jagdfieber nach den virtuellen Geldstücken ganz besonders stark geschüttelt hatte, habe er vier Computer mit einem Dutzend Computergrafikkarten nebst weiterer Ausrüstung auf die Bitcoin-Suche geschickt.

"Von denen ging eine Höllenhitze aus, sehr zum Leidwesen meiner Frau", gesteht er. "Im Winter war das angenehm", fügt er noch hinzu. Einmal hätte seine Stromrechnung fast 700 Dollar im Monat erreicht. Normal seien 250 Dollar gewesen. Auch wenn er seinen Bohrturm abgeschaltet hat, arbeite er gerade an einer Doku mit dem Titel "Der unaufhaltsame Aufstieg der Bitcoins", erzählt Mross. Darin will er über seine Erlebnisse beim Schöpfen des digitalen Geldes berichten.

Einer der Hauptgründe, die Mross zum Abschalten zwangen, war die Einführung äußerst kostspieliger Computersysteme, die eigens für die Bitcoin-Erzeugung entworfen wurden. Das Start-Up-Unternehmen Butterfly Labs aus Overland Park im US-Bundesstaat Kansas etwa verkauft Fördertürme, die bis zu 22.484 Dollar kosten. Seine Firma sei jedes Mal zuverlässig ausverkauft, wenn sie einen Satz neuer Modelle auf den Markt bringe, strahlt Mitbegründer Jeff Ownby.

Die größeren Systeme können dabei allerdings schnell die häusliche Stromversorgung aus der Bahn werfen, wie James Gibson bezeugen kann. Der ehemalige Entwickler von Web-Anwendungen hatte 2011 in seiner Wohnung in Orlando in Florida eine Bitcoin-Förderanlage errichtet und binnen kürzester Zeit sein Stromsystem gründlich überlastet.

"Wir konnten den Fernseher nicht mehr anschalten, wenn gleichzeitig alle Abbaumaschinen arbeiteten", sagt er. "Dann wären die Sicherungen herausgeflogen." Mittlerweile hat er sich bei vier Datenzentren in Kansas eingemietet, auch um sicherzustellen, dass seine 27 Bohrtürme nie ohne Strom sind oder die Verbindung zum Internet verlieren.

Bitcoin-Anteile als Geschäftsmodell

Chemieprofessor McIntosh ist derweil auf einen Weg gestoßen, wie er seine Verluste begrenzen kann. Bevor er sich in diesem Sommer für 1.500 Dollar seine nagelneue Bitcoin-Maschine in den Keller stellte, verkaufte er Investoren 69 "Anteile" an dem Förderturm im Wert von einem Prozent seiner künftigen Funde. Auf diese Weise habe er seine Investition schon wieder hereingeholt, bevor er den Rechner auch nur angeschaltet habe, versichert er. Die Anteile wechselten in einer Spanne von jeweils 0,8 bis 1,4 Bitcoins den Besitzer.

Vier der Anteile hatte sich Michael B. Taylor im März gesichert. Sie hätten damals umgerechnet 315 Dollar gekostet, sagt der Professor für Computerwissenschaften an der University of California in San Diego, der auch eine wissenschaftliche Abhandlung zur Bitcoin-Währung verfasst hat. Er bekomme zwar jede Woche Bitcoin-"Dividenden" dafür, erzählt er. Allerdings sinke die Ausschüttung, weil andere Bitcoin-Kumpel immer stärker in die Schlagkraft ihrer Werkzeuge investierten. Angesichts dieses Rüstungswettlaufs bei den Abbaumaschinen sei der Förderturm von McIntosh "in einem Jahr garantiert komplett veraltet", prophezeit Taylor.

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