• The Wall Street Journal

Technologie-Aktien im Korrektur-Modus

    Von JONATHAN CHENG

Es ist gerade einmal sechs Wochen her, dass die Aktienmärkte mit neuen Höchstständen flirteten. Stattdessen stehen wir jetzt am Rande einer Korrektur.

In der vergangenen Woche bauten die internationalen Leitindizes ihre Verluste aus: Der Dax hat ebenso wie die US-Leitinizes Dow Jones und S&P 500 seit seinem Hoch gut sieben Prozent an Wert eingebüßt. Ein Rückschlag von zehn Prozent wird an den Märkten in der Regel als Korrektur bezeichnet.

Auf der Suche nach Hinweisen, was die Zukunft bringen könnte, machen die Anleger vor allem um einen Sektor einen Bogen: Technologieaktien. Der technologielastige Nasdaq Composite Index befindet sich bereits im Korrekturmodus, nachdem er Mitte September noch auf den höchsten Stand seit zwölf Jahren gestiegen war. In den vergangenen sechs Wochen ist der Nasdaq kontinuierlich gefallen – eine derartige Verlustwelle gab es seit 2008 nicht mehr. Anleger beobachten die Entwicklung auch deshalb mit Sorge, weil es die Technologieaktien waren, die dem Rest des Aktienmarktes 2012 bisher das Tempo diktiert haben.

Apple, Samsung, Google: Wer ist der Börsen-König?

Die Tech-Branche ist die gewichtigste am amerikanischen Aktienmarkt. Im S&P 500 steht sie für 19 Prozent der Marktkapitalisierung. Die Aktien des Sektors gelten auch als Gradmesser für die weltweite Konjunktur, da die Branche so viel im Ausland verkauft wie keine andere in den USA.

Die Tech-Branche ist "ein Kanarienvogel im Kohlebergwerk" für den breiten Markt, sagt David Campbell, Portfolio-Manager bei Bingham, Osborn & Scarborough mit mehr als 2,4 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen.

Fundamentale Sorgen im Tech-Sektor

Treiber der jüngsten Börsenschwäche sind Sorgen, dass das politische Hickhack in Washington über Steuern und Staatsausgaben in eine ähnlich gewagte Politik münden könnte wie im Sommer 2011. Das Ergebnis im vergangenen Jahr: Die USA verloren ihr Top-Rating, und der Dow-Jones-Index sackte binnen fünf Tagen um 9,9 Prozent ab.

Hinzu kommen fundamentale Sorgen im Tech-Sektor. Das Gewinnwachstum enttäuschte im dritten Quartal, die Ergebnisperspektiven haben sich verschlechtert. Viele Anleger befürchten, dass das Wachstum in den USA schwach bleibt und die Gefahr eine Rezession groß ist, falls die Parteien keine Haushaltseinigung finden. Als sei das nicht genug, schrumpft in Europa die Wirtschaft und das Wachstum in China verlangsamt sich.

Die Liste der Enttäuschungen ist lang: Im dritten Quartal blieben Apple, Google, IBM, Intel und Dell allesamt hinter den Erwartungen von Analysten und Anlegern zurück. Auch die Gewinnmargen der Tech-Unternehmen – die höchsten aller Branchen – sind gesunken. Im abgelaufenen Quartal lag die durchschnittliche Gewinnmarge von Tech-Firmen bei 17 Prozent. Laut Deutscher Bank ist das der niedrigste Wert seit Anfang 2010. Im Schlussquartal 2011 waren es noch 19 Prozent gewesen.

Und der Ausblick ist sogar noch düsterer. Die Prognosen der Tech-Unternehmen für das Schlussquartal seien noch deutlich pessimistischer als die für den S&P 500 als Ganzes, sagt Greg Harrison, der bei Thomson Reuters Unternehmensbilanzen analysiert. Apple, Electronic Arts und Texas Instrument haben ihre Gewinnschätzung für das laufende Quartal jeweils um 20 Prozent oder mehr zurückgenommen.

Gina Martin Adams, Aktienstrategin bei Wells Fargo Securities, hat ihre Gewinnschätzungen für den S&P 500 vergangene Woche gesenkt. Die vergangene Woche senkte ihre Erwartungen für die Gewinne der Unternehmen im S&P 500. „Der Gewinntrend im Tech-Bereich sieht deutlich schlechter aus", begründet sie ihre wachsende Skepsis. Adams geht jetzt davon aus, dass Tech-Aktien weiter fallen werden, weil die Unternehmen ihre Investitionen senken. Die Auftragseingänge für Kapitalgüter, ein Indikator für die Technologie-Ausgaben, seien in den vergangenen Monaten mit zweistelligen Prozentsätzen geschrumpft, einen solchen Rückgang sehe man gewöhnlich nur im Rezessionsumfeld.

Umdenken der Anleger setzt ein

Seit Ende September haben die Technologie-Aktien im S&P 600 elf Prozent verloren, seit der US-Wahl am 6. November beträgt das Minus 5,8 Prozent. Apple, das nach Marktkapitalisierung weltgrößte börsennotierte Unternehmen, hat in weniger als zwei Monaten ein Viertel an Wert eingebüßt. Und die Aktien der Social-Media-Unternehmen Facebook, Zynga und Groupon sind seit Jahresbeginn um 38, 77 und 86 Prozent eingebrochen.

Der Ausverkauf zeigt ein Umdenken der Anleger, die zuvor Technologieaktien aller Arten gierig eigesammelt hatten – von Apple und Google bis zu Firmen für Cloud-Computing. Im März war der Nasdaq Composite erstmals seit der Jahrtausendwende über 3000 Punkte geklettert. Ein Großteil des Anstiegs war der Apple-Aktie zu verdanken, die von Anfang des Jahres bis Mitte September um 73 Prozent nach oben geschossen war.

Während der letzten Rezession, die 2009 zu Ende ging, meisterten Tech-Unternehmen den Abschwung besser als andere. Firmenchefs, die keine neuen Mitarbeiter einstellen wollten, rüsteten in der Krise ihre Technik auf. Das trieb die Gewinnmargen der Tech-Firmen nach oben und schützte die Aktien vor starken Rückschlägen.

Dieser Trend habe sich nun verlangsamt, sagt Campbell von Osborn & Scarborough. Nachdem er Tech-Aktien lange Zeit bevorzugt hatte, setzte er das Gewicht des Sektors in seinen Depots zuletzt auf neutral zurück.

"Unternehmen sitzen auf Milliarden an Cash, geben das Geld aber nicht aus", sagt er. „Warum sollte ich auch in neue Computer und Technik investieren, wenn das Wachstum nicht kommt?"

Tech-Aktien sind günstiger als der breite Markt

Bei Investoren und Analysten gehen die Meinungen darüber auseinander, ob der jüngste Kursrutsch lediglich eine Atempause nach der starken Rally oder der Anfang einer längeren Talfahrt ist. „Tech ist immer noch mein bevorzugter Sektor", sagt Brian Belski, Chef-Anlagestratege bei BMO Capital Markets. "Im Moment sehen wir eine schiere Übertreibung der Anleger… Wir gehen davon aus, dass wir anschließend eine Überraschungs-Rally bekommen werden."

Hoffnung schöpfen Optimisten daraus, dass Tech-Aktien immer noch vergleichsweise günstig sind. Im Schnitt werden diese mit dem 11,7-Fachen der in den kommenden zwölf Monaten erwarteten Gewinne gehandelt, während das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis im S&P 500 bei 12,5 liegt, hat Goldman Sachs errechnet.

Einige Anleger schauen deswegen bei Aktien, die sie zuvor für viel zu teuer erachtet hatten, noch einmal genauer hin. So sagt Paul Atkinson, Leiter des Bereichs nordamerikanische Aktien Aberdeen Asset Management, er habe seine Analysten auf Apple angesetzt, eine Aktie, die er bisher nicht hält.

Wegen des wachsenden Wettbewerbs bei Smartphones und Tablets hält es Atkinson allerdings für unwahrscheinlich, dass sein Unternehmen, das 300 Milliarden Dollar an Anlegergeldern verwaltet, jetzt bei Apple einsteigt. „Apple ist wieder ein gewöhnliches Unternehmen", sagt er.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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